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aus: Rheinischer Merkur, 20. November 2008
Sie ist zerstritten und wird blockiert
durch den Bundesrat. Handlungsfähig ist Schwarz-Rot kaum noch. Der Wahlkampf hat
begonnen.
Zwei parallele Ereignisse an einem Tag:
Die Kanzlerin empfängt das Opel-Management und den Betriebsrat, der Vizekanzler
im Auswärtigen Amt die Gesamtbetriebsräte der deutschen Automobilindustrie. Man
reibt sich die Augen. Seit wann ist der Außenminister für die deutsche
Autofertigung zuständig? Wir werden in den kommenden zehn Monaten häufig
erleben, dass Kanzlerin und Vizekanzler agieren, als wären sie nicht in einer
gemeinsamen Regierung. Danach hat sich mit
einem Mal Chaos eingestellt. Insbesondere die SPD-Abgeordneten werden
immer nervöser: Sollte sich die SPD auf dem Niveau der derzeitigen
Meinungsumfragen einpendeln, würden viele Abgeordnete, die wieder kandidieren,
ihren Berliner Abgeordnetenberuf an den Nagel hängen müssen. Zudem fühlen sich
die beiden Regierungsfraktionen durch die Regierungsentscheidungen häufig nicht
„mitgenommen“. Der aus dem Parlament ausscheidende Fraktionsvorsitzende Peter
Struck hat kaum noch die Autorität, schwierige Koalitionsentscheidungen
durchzusetzen. Beispiel Kraftfahrzeugsteuer: Die SPD-Fraktion hatte sich
zur Überraschung ihres Fraktionsvorsitzenden geweigert, die im Kabinett am 5.
November beschlossenen Pläne für eine befristete Steuerbefreiung von Neuwagen
mitzutragen, da eine ökologische Komponente fehle. Auch beim CDU-Mittelständler
Michael Fuchs oder dem Parlamentarischen Geschäftsführer Röttgen gab es
Bedenken. Mühsam wurde ein Kompromiss gefunden. Der Düpierte: Peer Steinbrück.
Beispiel Bundeswehreinsatz im Innern: Das Nein der
SPD-Fraktion galt klaren Vereinbarungen der Koalition. Die zuständigen Minister
Frank-Walter Steinmeier und Brigitte Zypries hatten sich mit Wolfgang Schäuble
geeinigt. Jetzt schlug eine SPD-Arbeitsgruppe unter der Leitung von Struck und
Zypries vor, nur Operationen zur Abwehr drohender Gefahren aus der Luft oder von
See zuzulassen. Die Ministerin kippte ihren eigenen Beschluss! Düpiert wurden
sie und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Beispiel Online-Durchsuchung: Einige SPD-Landesverbände
üben Druck auf die von ihnen mit gestellten Landesregierungen aus, die
Entscheidung des Bundestages zumindest teilweise zu stoppen. Der Düpierte war
SPD-Chef Franz Müntefering. Es ist Wahlkampf – jeder Politiker verneint das, aber
jeder weiß es. Sind wir derzeit in Deutschland noch regierbar? Neben den
aktuellen Erscheinungen wie Wahlnervosität und zunehmender Parteienvielfalt
stellt die Politikwissenschaft schon seit Jahren einen generellen
Steuerungsverlust des Nationalstaates fest: Viele Kompetenzen haben sich auf
eine transnationale oder gar supranationale Ebene (im Rahmen der EU) verlagert.
Infolge der internationalen Bankenkrise kehrt der Nationalstaat jedoch mit Macht
auf die politische Bühne zurück. Der eigentlich „starke Mann“ in der SPD ist
deshalb derzeit Finanzminister Peer Steinbrück, doch der ist nicht der
Kanzlerkandidat. Das ist der blass gebliebene
Frank-Walter Steinmeier. Er will sich profilieren – gegen Merkel. Seine
ohne Absprache mit ihr vorgenommene Präsentation eines EU-weiten
Neun-Punkte-Programms für mehr Arbeit sollte ihm eigenes Profil verleihen. Doch
je klarer er sich gegen seine eigene Kanzlerin aufstellt, umso mehr wird er
nicht als Außenminister, sondern als Konkurrent zu Merkel gemessen. Ob ihm das
in den Umfragen zugute kommt? Deutschland ist eine Konsensdemokratie mit zahlreichen
Vetospielern (Bundesverfassungsgericht, Bundesrat). Andere Regierungssysteme –
präsidiale wie in den USA und in Frankreich, aber auch parlamentarische wie in
Großbritannien – ermöglichen der Regierung viel mehr Entscheidungskompetenz. In
Großbritannien agiert der Premierminister fast wie ein demokratischer „Diktator
auf Zeit“; er hat nahezu unbegrenzte Macht, solange die eigene Fraktion hinter
ihm steht. In Deutschland hingegen ist kraftvolles Regieren schwieriger. Wir
hatten bisher immer – mit Ausnahme von 1957 – Koalitionsregierungen. Die Vielfarbigkeit der Koalitionen in den
Landesregierungen zeigt ein weiteres Problem: Es ist zur Regel geworden, dass
sich Landesregierungen dann im Bundesrat der Stimme enthalten, wenn es
Koalitionsdifferenzen zu Zustimmungsgesetzen im Bundesrat gibt. Eine Enthaltung
im Bundesrat zählt rechnerisch als ein Nein. Die Liberalen sitzen in Bayern,
Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, vielleicht bald in
Hessen, am Kabinettstisch. Die Mehrheit der CDU/CSU- und SPD-regierten Staaten
kann dahin sein. Hatte die Große Koalition noch zu ihrem Beginn einige imponierende Entscheidungen getroffen (Rente mit 67, Haushaltskonsolidierung, Familienpolitik), so wird mit jedem Tag näher zur Wahl nur noch mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner regiert. Es wäre zu dramatisch, von einem „Regierungsnotstand“ zu sprechen, da die Bundesregierung immer noch in vielen „normalen“ Fragen routinemäßig entscheidet. Aber in allen wichtigen, zwischen den Parteien und in der Bevölkerung kontroversen Entscheidungen werden in den kommenden zehn Monaten kraftvolle Entscheidungen kaum möglich sein. Zwar wünschen viele Neuwahlen – auch auf Bundesebene. Doch die Koalitionspartner werden bis zum bitteren Ende weitermachen.
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