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Rheinischer Merkur, Nr. 4, 28. Januar 2010
Auch Buchautoren müssen an das Marketing
denken. Schwan/Steininger versprechen im Vorwort „neue“ Erkenntnisse, die sich
meist jedoch in Luft auflösen und sich als alte Ladenhüter erweisen. Den
aktuellen Forschungsstand insbesondere zur Deutschlandpolitik kennen die Autoren
offensichtlich nicht, sonst hätten sie nicht etwa die Erkenntnis als „neu“
wiedergegeben, dass der Ursprung des Zehnpunkteplans Kohls zur deutschen Einheit
in Moskau lag; die Hintergründe zu dieser Argumentation sind längst belegt, so
schon 1991 durch Kohls einstigen außenpolitischen Berater Horst Teltschik. Als neu werden ebenfalls die Erkenntnisse
über François Mitterrand verkauft, der als Kohl-Freund ein „Doppelspiel“
gespielt hatte und „zunächst massiv gegen die Wiedervereinigung war“. Auch
hierzu gibt es vielfältige wissenschaftliche Veröffentlichungen. Auch andere
„Neuigkeiten“ sind „olle Kamellen“.
Er wurde oft belächelt
An vielen Stellen meint man Kohl selber zu hören, wenn die
beiden Autoren über ihn schreiben: „Seine Warnungen und Mahnungen im Hinblick
auf Wahlerfolge der Unionsparteien, auf Zustimmung für die Regierungskoalition
sind Legende. Wurde der Kanzler damals oft belächelt, neigen heute viele
Parlamentarier dazu, dem Kanzler recht zu geben, ihm im Nachhinein weise
Voraussicht zu bescheinigen.“ Wo ist der Hinweis, dass der Niedergang der CDU
schon in der Kohl-Ära einsetzte? Kohl vermochte es 1976 noch, fast 49 Prozent
einzufahren; als der Lotse das Schiff verließ, waren es noch 35,1 Prozent. Verschwiegen wird, dass die heute beklagte Veränderung der
CDU ihren Ursprung teilweise schon in der Kohl-Zeit hatte. Schwer tun sich die
Autoren mit einer klaren Analyse des Spendenskandals, viele Fragen zur Politik
Kohls bleiben offen. Dem Buch merkt man an, dass zwei Autoren getrennt
geschrieben und es nicht geschafft haben, beide Manuskriptteile richtig zu
integrieren. Dazu kommt, dass die biografischen Hinweise zur Jugend Kohls und zu
seinem politischen Aufstieg weitgehend auf einem schon 1985 erschienenen Buch
von Schwan und Werner Filmer basieren. So interessant der umfängliche Teil zur
Deutschlandpolitik ist: Andere Lebensstationen Kohls, insbesondere die Phase
nach der deutschen Einheit, werden unterdimensioniert behandelt. Das Buch von Noack und Bickerich wirkt mehr aus einem
Guss. Auch sie können keine wirklich neuen Erkenntnisse liefern, man merkt den
Autoren jedoch an, dass sie – je mehr sie sich der Zeit nähern, in der sie
Helmut Kohl journalistisch begleiteten – authentischer werden. Das Buch ist
nicht sensationsheischend, Kohl wird aus der zeitlichen Entfernung ebenfalls als
ein Staatsmann gewürdigt. Das geschieht aber keinesfalls unkritisch, wie etwa die
Ausführungen zum Spendenskandal und zu Kohls politischem Führungsstil zeigen.
Interessant wird das unmittelbare persönliche Umfeld des Kanzlers beleuchtet,
auch seine Auseinandersetzungen etwa mit Kurt Biedenkopf oder mit Hans-Dietrich
Genscher. Aber auch Noack und Bickerich benennen ihre schriftlichen Quellen
nicht, beuten andere Publikationen aus. Bundesparteitage und andere
Parteitreffen werden fast durchgängig als „Konvente“ bezeichnet, was ziemlich
schludrig daherkommt – genauso wie die Bezeichnung der einstigen
stellvertretenden DDR-Regierungssprecherin Angela Merkel als „Pressereferentin“
von Lothar de Maizière. Bickerich und Noack vertreten die These, dass die deutsche
Einheit unter jedem Kanzler gekommen wäre, gleichwohl sie von Kohl geschickt
organisiert wurde. Als eigentlichen Verdienst sehen sie die Durchsetzung des
Euro an, da er die Deutsche Mark als Ersatzsymbol für den Nationalstolz der
Deutschen ersetzte. Eine Schwäche des Buches liegt darin, dass historische
Bezüge und handelnde Personen verkürzt dargestellt werden. So räumen die Autoren
bei der Behandlung des Wahlkampfes 1994 mürrisch ein, dass der damalige
Generalsekretär Peter Hintze mit der Rote-Socken-Kampagne Kohl noch einmal zu
einem knappen Wahlsieg verhalf, was den Autoren jedoch heute als „borniert und
unverschämt“ erscheint.
Ost-CDU in der Nische
Fünf Jahre nach der Überwindung von Mauer und Stacheldraht
war die Warnung vor einer Beteiligung der Rest-SED an einer möglichen
SPD-Regierung aber historisch angebracht und wahltaktisch richtig, auch wenn
Kohl in dieser Frage sehr schwankte. Und wer, wie die beiden Journalisten, nicht
den großen Unterschied zwischen der Diktaturpartei SED und der Mitläufer-Nische
der Ost-CDU erkennt, unterliegt einer gefährlichen Fehleinschätzung einer
totalitären Diktatur. Wie die meisten anderen Biografen scheitern Schwan/Steininger,
weniger Bickerich und Noack, an der Frage, wie ein rhetorisch unbeholfener und
intellektuell eher schwach wirkender Politiker wie Kohl eine derartige
Anziehungskraft entwickeln konnte, die ihm eine so große Gefolgschaft und
letztlich den Durchmarsch zur Kanzlerschaft sicherte. So war Franz Josef Strauß
der rhetorisch befähigtere und gebildetere Politiker – und verachtete Kohl
abgrundtief. Bickerich und Noack wissen ihre Erkenntnisse nicht immer
treffend zu deuten. Es war nämlich Kohls ungeheure Fähigkeit, dass er so viele
Menschen gleichzeitig an seinem Aufstieg teilhaben ließ und eine entsprechende
Partizipationserwartung bei seinen Mitstreitern schon während seiner
Stadtratszeit in Ludwigshafen kultivierte. Diese von ihm geweckten Hoffnungen
waren so groß, dass es ihm auch gelang, gute und intelligente Leute an sich zu
binden. Beispiele dafür sind die beiden damals jungen Bundestagsabgeordneten
Heiner Geißler und Bernhard Vogel, die er in sein Landeskabinett holte. Aber
auch unabhängige Köpfe wie Richard von Weizsäcker oder seinen Schulkameraden
Kurt Biedenkopf konnte er an sich binden. Bickerich/Noack berufen sich auf ein Zitat von Habermas
(„Kohl ist weder gefährlich noch einschüchternd“), was jedoch zu einer
Fehleinschätzung verleitet. Kohls spätere Siege über seine Kritiker Biedenkopf
und Geißler sind so nicht zu erklären. Vielmehr drückte dieser brachial
auftretende Mann, der am meisten große Essrunden liebte, in denen er seine
Körperlichkeit ausspielte und wie früher ein mongolischer Reiterfürst alles
dominierte, jeden weg, der sich ihm in den Weg stellte.
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