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Rheinischer Merkur, Nr. 4, 28. Januar 2010

 

HELMUT KOHL 
 
Wie ein Reiterfürst
 


Aus Anlass seines 80. Geburtstags im April bewerten zwei Biografien das Lebenswerk überwiegend positiv. Dem Geheimnis seines Erfolges kommen sie nicht auf die Spur.

 

VON GERD LANGGUTH
 


Helmut Kohls 80. Geburtstag am 3.April wirft seine publizistischen Schatten voraus. In diesen Tagen werden gleich zwei Biografien auf den Buchmarkt geworfen. Die beiden sehr unterschiedlichen Bücher leisten einen Beitrag dazu, dass der von Kohl zu verantwortende CDU-Spendenskandal nicht das letzte Wort über einen Politiker bleibt, der 25 Jahre Parteivorsitzender und 16 Jahre Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland war. In beiden Publikationen werden vor allem die Verdienste Kohls als Staatsmann und Einheitskanzler herausgearbeitet.

Wer seine positive Grundeinstellung zum Altkanzler unterfüttert bekommen will, dem wird das Buch des Publizisten Heribert Schwan und des Historikers Rolf Steininger besser gefallen. Wer eine kritische und doch faire Sicht lesen will, dem ist das Buch der beiden ehemaligen „Spiegel“-Redakteure Wolfram Bickerich und Hans-Joachim Noack zu empfehlen, die in geschliffenem Stil einen schön lesbaren Band präsentieren. Bei Schwan/Steininger steht der Prozess der deutschen Einheit im Vordergrund. Dieses Buch leidet darunter, dass die Autoren ein 16-stündiges Interview, das sie mit Kohl 2008 führten, vielfach eins zu eins übernommen haben. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Wirken Kohls findet dagegen kaum statt. Zudem verzichtet das Buch durchgängig auf genaue Quellenangaben.
 

Auch Buchautoren müssen an das Marketing denken. Schwan/Steininger versprechen im Vorwort „neue“ Erkenntnisse, die sich meist jedoch in Luft auflösen und sich als alte Ladenhüter erweisen. Den aktuellen Forschungsstand insbesondere zur Deutschlandpolitik kennen die Autoren offensichtlich nicht, sonst hätten sie nicht etwa die Erkenntnis als „neu“ wiedergegeben, dass der Ursprung des Zehnpunkteplans Kohls zur deutschen Einheit in Moskau lag; die Hintergründe zu dieser Argumentation sind längst belegt, so schon 1991 durch Kohls einstigen außenpolitischen Berater Horst Teltschik.
 

Als neu werden ebenfalls die Erkenntnisse über François Mitterrand verkauft, der als Kohl-Freund ein „Doppelspiel“ gespielt hatte und „zunächst massiv gegen die Wiedervereinigung war“. Auch hierzu gibt es vielfältige wissenschaftliche Veröffentlichungen. Auch andere „Neuigkeiten“ sind „olle Kamellen“.
 

Er wurde oft belächelt

An vielen Stellen meint man Kohl selber zu hören, wenn die beiden Autoren über ihn schreiben: „Seine Warnungen und Mahnungen im Hinblick auf Wahlerfolge der Unionsparteien, auf Zustimmung für die Regierungskoalition sind Legende. Wurde der Kanzler damals oft belächelt, neigen heute viele Parlamentarier dazu, dem Kanzler recht zu geben, ihm im Nachhinein weise Voraussicht zu bescheinigen.“ Wo ist der Hinweis, dass der Niedergang der CDU schon in der Kohl-Ära einsetzte? Kohl vermochte es 1976 noch, fast 49 Prozent einzufahren; als der Lotse das Schiff verließ, waren es noch 35,1 Prozent.
 

Verschwiegen wird, dass die heute beklagte Veränderung der CDU ihren Ursprung teilweise schon in der Kohl-Zeit hatte. Schwer tun sich die Autoren mit einer klaren Analyse des Spendenskandals, viele Fragen zur Politik Kohls bleiben offen. Dem Buch merkt man an, dass zwei Autoren getrennt geschrieben und es nicht geschafft haben, beide Manuskriptteile richtig zu integrieren. Dazu kommt, dass die biografischen Hinweise zur Jugend Kohls und zu seinem politischen Aufstieg weitgehend auf einem schon 1985 erschienenen Buch von Schwan und Werner Filmer basieren. So interessant der umfängliche Teil zur Deutschlandpolitik ist: Andere Lebensstationen Kohls, insbesondere die Phase nach der deutschen Einheit, werden unterdimensioniert behandelt.
 

Das Buch von Noack und Bickerich wirkt mehr aus einem Guss. Auch sie können keine wirklich neuen Erkenntnisse liefern, man merkt den Autoren jedoch an, dass sie – je mehr sie sich der Zeit nähern, in der sie Helmut Kohl journalistisch begleiteten – authentischer werden. Das Buch ist nicht sensationsheischend, Kohl wird aus der zeitlichen Entfernung ebenfalls als ein Staatsmann gewürdigt.
 

Das geschieht aber keinesfalls unkritisch, wie etwa die Ausführungen zum Spendenskandal und zu Kohls politischem Führungsstil zeigen. Interessant wird das unmittelbare persönliche Umfeld des Kanzlers beleuchtet, auch seine Auseinandersetzungen etwa mit Kurt Biedenkopf oder mit Hans-Dietrich Genscher. Aber auch Noack und Bickerich benennen ihre schriftlichen Quellen nicht, beuten andere Publikationen aus. Bundesparteitage und andere Parteitreffen werden fast durchgängig als „Konvente“ bezeichnet, was ziemlich schludrig daherkommt – genauso wie die Bezeichnung der einstigen stellvertretenden DDR-Regierungssprecherin Angela Merkel als „Pressereferentin“ von Lothar de Maizière.
 

Bickerich und Noack vertreten die These, dass die deutsche Einheit unter jedem Kanzler gekommen wäre, gleichwohl sie von Kohl geschickt organisiert wurde. Als eigentlichen Verdienst sehen sie die Durchsetzung des Euro an, da er die Deutsche Mark als Ersatzsymbol für den Nationalstolz der Deutschen ersetzte.
 

Eine Schwäche des Buches liegt darin, dass historische Bezüge und handelnde Personen verkürzt dargestellt werden. So räumen die Autoren bei der Behandlung des Wahlkampfes 1994 mürrisch ein, dass der damalige Generalsekretär Peter Hintze mit der Rote-Socken-Kampagne Kohl noch einmal zu einem knappen Wahlsieg verhalf, was den Autoren jedoch heute als „borniert und unverschämt“ erscheint.
 

Ost-CDU in der Nische

Fünf Jahre nach der Überwindung von Mauer und Stacheldraht war die Warnung vor einer Beteiligung der Rest-SED an einer möglichen SPD-Regierung aber historisch angebracht und wahltaktisch richtig, auch wenn Kohl in dieser Frage sehr schwankte. Und wer, wie die beiden Journalisten, nicht den großen Unterschied zwischen der Diktaturpartei SED und der Mitläufer-Nische der Ost-CDU erkennt, unterliegt einer gefährlichen Fehleinschätzung einer totalitären Diktatur.
 

Wie die meisten anderen Biografen scheitern Schwan/Steininger, weniger Bickerich und Noack, an der Frage, wie ein rhetorisch unbeholfener und intellektuell eher schwach wirkender Politiker wie Kohl eine derartige Anziehungskraft entwickeln konnte, die ihm eine so große Gefolgschaft und letztlich den Durchmarsch zur Kanzlerschaft sicherte. So war Franz Josef Strauß der rhetorisch befähigtere und gebildetere Politiker – und verachtete Kohl abgrundtief.
 

Bickerich und Noack wissen ihre Erkenntnisse nicht immer treffend zu deuten. Es war nämlich Kohls ungeheure Fähigkeit, dass er so viele Menschen gleichzeitig an seinem Aufstieg teilhaben ließ und eine entsprechende Partizipationserwartung bei seinen Mitstreitern schon während seiner Stadtratszeit in Ludwigshafen kultivierte. Diese von ihm geweckten Hoffnungen waren so groß, dass es ihm auch gelang, gute und intelligente Leute an sich zu binden. Beispiele dafür sind die beiden damals jungen Bundestagsabgeordneten Heiner Geißler und Bernhard Vogel, die er in sein Landeskabinett holte. Aber auch unabhängige Köpfe wie Richard von Weizsäcker oder seinen Schulkameraden Kurt Biedenkopf konnte er an sich binden.
 

Bickerich/Noack berufen sich auf ein Zitat von Habermas („Kohl ist weder gefährlich noch einschüchternd“), was jedoch zu einer Fehleinschätzung verleitet. Kohls spätere Siege über seine Kritiker Biedenkopf und Geißler sind so nicht zu erklären. Vielmehr drückte dieser brachial auftretende Mann, der am meisten große Essrunden liebte, in denen er seine Körperlichkeit ausspielte und wie früher ein mongolischer Reiterfürst alles dominierte, jeden weg, der sich ihm in den Weg stellte.

Rolf Steininger, Heribert Schwan: Helmut Kohl. Virtuose der Macht. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2010. 336 Seiten, 19,90 Euro.

Hans-Joachim Noack, Wolfram Bickerich: Helmut Kohl. Die Biographie. Rowohlt Verlag, Berlin 2010. 204 Seiten, 19,95 Euro.

 
 Gerd Langguth hat kürzlich das Buch „Kohl, Schröder, Merkel: Machtmenschen“ veröffentlicht.