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Sie entwickeln sich langsam im Verhältnis
zu ihren alteingesessenen Konkurrenten zu einer Partei auf Augenhöhe. Ihre
Erfolge müssen den Altparteien SPD, CDU und FDP zu denken geben, die 290 000
Stimmen an die Grünen verloren. In Köln beispielsweise ging der hohe Zuwachs für
die Grünen zu zwei Dritteln auf Stimmen aus dem SPD-Lager zurück. In einem
Ranking der Parteien – sortiert nach den grünen Ergebnissen in NRW – erzielten
vier der sieben Kölner Wahlkreise einen Spitzenplatz, in denen zwischen 26,9 und
22,8 Prozent grüne Zweitstimmen waren. Fast wäre es einer rührigen grünen
Kandidatin gelungen, der CDU in der Domstadt ein Direktmandat abzujagen. Mit
Ausnahme der Ruhrgebietsstädte Essen und Duisburg liegen die Grünen in den
Großstädten deutlich über dem 12,1-Prozent-Landesergebnis. Zwischen Duisburg, wo
die Grünen mit 9,5 Prozent ihren niedrigsten Wert erzielten, und Köln liegen
11,1 Prozentpunkte.
Abschied von der Ideologie
Aber nicht nur das Phänomen der Grünen sollte zu denken
geben. Seit vielen Jahren gibt es eine Tendenz, dass sich immer mehr
Kleinstparteien an den Wahlen in Deutschland beteiligen – in NRW waren es gleich
33. Diese Parteien erzielten mehr als sechs Prozent, darunter drei
rechtsradikale Parteien und die junge Piratenpartei, die nur 1,5 Prozent
erhielt. Dies und die zunehmende Zahl von Einzelbewerbern in Wahlkreisen
signalisiert, dass das Parteiensystem immer mehr erodiert. Ohne die
Fünfprozenthürde hätten die größeren Parteien ein weniger leichtes Spiel. Wenn man bedenkt, dass die Grünen bei der ersten
gesamtdeutschen Wahl nur mithilfe der Ost-Grünen in den Deutschen Bundestag
gelangten, ist die Stabilisierung der Grünen bemerkenswert. Sie dürften
inzwischen mehr Stammwähler auf sich vereinigen als die FDP. Während die SPD in
Nordrhein-Westfalen, was im Siegestaumel des Wahlabends verloren ging, noch
einmal 2,6 Prozentpunkte verloren hatte und damit ihr schlechtestes Wahlergebnis
seit 1954 einfuhr, sind die Grünen die eigentlichen Gewinner der Wahl. Welche
Faktoren begünstigten diesen Aufstieg? Da ist zunächst der Charme, dass die Grünen nur in drei
der 16 Bundesländer an der Regierung sind – wer die Last unpopulärer
Entscheidungen kaum zu tragen hat, kann sich in der heutigen
Fernsehtalk-Demokratie ein erhebliches Kapital an Sympathien aufbauen, was sie
sehr geschickt tun.Die Grünen in Nordrhein-Westfalen, einst einer der „linken“
Landesverbände, profitierten davon, dass sie in die Mitte gerückt sind – oder
zumindest so schienen. Das Auftreten der Partei Die Linke hat diese Wahrnehmung
zusätzlich befördert. In der unpopulären Schulpolitik haben sie die ideologische
Fixierung auf eine Gesamtschule über Bord geworfen, sich zwar für diese
ausgesprochen – doch mit dem Hinweis, dass der Elternwille jeweils vor Ort
berücksichtigt werden müsse. Damit konnten sie auch Stimmen derjenigen auf sich
vereinigen, die auf ein leistungsfähiges Gymnasium nicht verzichten wollen,
während die SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft lediglich den Verbleib einer
gymnasialen Oberstufe garantieren wollte. In wichtigen Fragen der Umwelt, Steuer- und Finanzpolitik
haben sich die Grünen noch am stärksten zu ihren eigenen Positionen bekannt,
während das kantige Profil der großen Parteien, immer schwieriger zu erkennen
ist. Die Grünen übernahmen in ihrer Programmatik den Begriff des „Green New
Deal“ als ein Konzept für eine ökologische Wende des Kapitalismus und fordern
einen ökologischen Umbau der Industriegesellschaft – sehr zeitgerecht. Auch wenn die Grünen letztlich aus dem Milieu der
Umweltaktivisten und der Friedensbewegung stammen, wurden sie im zurückliegenden
Wahlkampf nicht mehr als eine Klientelpartei wahrgenommen, womit sie sich von
der FDP klar absetzen konnten. Das zeitweilig schrille Auftreten von FDP-Chef
Guido Westerwelle hat vielleicht nicht nur der Linken in NRW zur Überwindung der
Fünfprozenthürde verholfen, sondern insgesamt konnten die Grünen vom schlechten
Image der FDP profitieren. Die Grünen können jedoch nur so stark sein, weil sie von
der Schwäche der Volksparteien profitieren. Ihnen ist es gelungen, rund 80 000
Stimmen aus dem Nichtwähler-Lager zu mobilisieren. Aus dem CDU- und SPD-Lager
wanderten bei der NRW-Wahl zusammen 260 000 Wähler zu den Grünen. Umfragen
zeigen zudem, dass nicht nur der Popularitätswert des amtierenden
Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers eingebrochen, sondern dass der
Persönlichkeitsfaktor bei dieser Wahl insgesamt geringer war. Auch Hannelore
Kraft zog weniger stark.
Pointiert und verbindlich
Wenn die Alt-Parteien keine Konsequenzen aus diesem
Wahlergebnis ziehen, werden sie weiter an Prägekraft verlieren. Das gilt auch
für die Kanzlerinnenpartei CDU, von der gegenüber der Öffentlichkeit kaum noch
inhaltliche Impulse ausgehen. Auch unter Merkel hat sich die CDU nicht zu einer
diskutierenden Partei entwickelt, im Gegenteil. Der Rückgang der Mitgliedschaften der großen Parteien muss ein Alarmsignal sein, denn jedes Mitglied ist „Botschafter“ einer spezifischen Grundüberzeugung in der eigenen Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz. CDU und ähnlich die SPD haben ihr größtes Potenzial bei den über 60-jährigen Wählern. Von den 18- bis 24-Jährigen stimmte nicht einmal jeder Vierte für die Christdemokraten. Frau Merkel muss sich etwas einfallen lassen.
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