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Rheinischer Merkur, 19. Februar 2009
Das Grundgesetz sieht zahlreiche Vetospieler vor, die der
Regierungschefin das Leben schwermachen. Sie muss sich ihre Macht immer wieder
neu erkämpfen.
VON
GERD LANGGUTH |
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Führt Angela Merkel? Die CDU-Chefin
wollte dereinst die Republik „durchregieren“. Doch ist kraftvolles Regieren in
einer Konsensdemokratie wie der Bundesrepublik überhaupt möglich? Wirklich
sichtbare Führungskraft kann ein Kanzler nur zeigen, wenn die Herausforderungen
außergewöhnlich sind: etwa Helmut Schmidt bei der Bekämpfung des Terrorismus
1977 oder Helmut Kohl bei der Deutschen Einheit 1989/90. Und Merkel?
In der Bankenkrise zeigte sie durch ihre Garantieerklärung für die Sparer Kontur
und verschaffte der Großen Koalition zu Beginn ihres letzten Quartals noch
einmal eine neue Legitimation. Gleichzeitig ist es ihr auf beeindruckende Weise
gelungen, in der Bevölkerung hohes Ansehen zu genießen. Sie ist – im Gegensatz
zum bayerischen CSU-Regierungschef Horst Seehofer – kein Populist, doch hat sie
eine seherische Fähigkeit zum Erkennen des Populären entwickelt. Mit keinem
einzigen Thema steht sie auf Dauer im Gegensatz zu öffentlichen Stimmungen –
nicht einmal mit ihrer Papst-Schelte, die zwar beim inneren Kern der katholisch
bewussten Wähler aneckte, doch in der breiten Bevölkerung auf Zustimmung stieß.
Merkel ist flink in der Analyse der politischen Situation, die sie jeweils
machtpolitisch prüft.
Aber ist das kraftvolle „Führung“? Insgesamt fällt auf, dass die Kanzlerin in
außenpolitischen Fragen (Menschenrechte in Russland, Dalai Lama) viel mutiger
agiert. In der Innenpolitik hat sie noch keine wirklich gewagte Entscheidung
getroffen, vergleichbar zur Agenda 2010 ihres Vorgängers. Zu ihrer Verteidigung
ist zu sagen: Das politische System der Bundesrepublik macht die Kanzlerin zu
einer gefesselten Regierungschefin. Das Grundgesetz von 1949 sieht zahlreiche
Vetospieler in der Bundespolitik vor (Koalitionspartner, Bundesrat,
Bundesverfassungsgericht et cetera).
Nüchtern betrachtet muss ein Bundeskanzler seine Macht
immer wieder neu erkämpfen. Zwar gibt es eine im Grundgesetz
niedergelegte Richtlinienkompetenz des Kanzlers. Streng genommen wurde diese
allerdings nur zweimal angewandt: bei Konrad Adenauer gegenüber Ludwig Erhard in
der Europapolitik und bei Gerhard Schröder gegenüber seinem Umweltminister
Jürgen Trittin in Sachen Altautoverordnung. Meist vergessen wird bei dem
kraftvollen Ruf nach harter Führung des Kanzlers, dass noch zwei weitere
Prinzipien hinzutreten – nämlich das der eigenverantwortlichen Leitung eines
Ressorts durch die zuständigen Minister und schließlich das Kollegialprinzip der
einvernehmlichen Entscheidung durch das Bundeskabinett.
Die Nachfolgelösung für den ausgeschiedenen Wirtschaftsminister Michael Glos
zeigte deutlich, wie gering das Mitspracherecht des Kanzlers bei
Personalentscheidungen einer dritten Partei ist. Schon Helmut Kohl musste das
erfahren, dem die FDP weiland Jürgen Möllemann nicht nur als Minister, sondern
als Vizekanzler vorsetzte. Als Franz Müntefering aus der Regierung ausschied,
wurde Merkel vom Regierungspartner SPD gar nicht gefragt, ob sie mit Olaf Scholz
als neuem Arbeitsminister einverstanden ist. Im Kabinett ist zudem die Loyalität
gegenüber Merkel begrenzt, weil ihr nur wenige Minister die Ernennung verdanken:
Von den neben ihr 15 weiteren Kabinettsmitgliedern gehören acht der SPD, zwei
der CSU und nur fünf der CDU an. Die Kanzlerin besitzt den unbedingten Willen
zur Macht. Sie sieht sich als Problemlöserin, will sich durch Spitzenleistung
verwirklichen und sucht Selbstbestätigung in der von anderen anerkannten
Leistung. Es wäre falsch, ihr politische Grundüberzeugungen abzusprechen. Sie
zeigen sich beim Wert der Freiheit, in der Europapolitik, aber auch im
Verhältnis zu den USA, zu Israel und dem Judentum. Doch zugleich ist sie als
„ideologiefreie“ Wissenschaftlerin eine Generalistin ohne historische Fixierung.
Als „gelernte“ Christdemokratin unterschätzt sie allzu leicht die Bedeutung lang
tradierter Erfahrungen. Das schlägt sich auch in immer weniger sichtbar
werdenden Konturen etwa zur Ordnungspolitik der Partei Ludwig Erhards nieder,
für den Mindestlöhne undenkbar gewesen wären. Das ist Merkels Achillesferse.
Ihre Ideologielosigkeit kann in der politischen Welt der
Gegenwart jedoch auch als ihre Stärke interpretiert werden, weil die Zeit
der ideologischen Überhöhung der Politik vorbei und politische Beweglichkeit
gefordert ist. Merkel ist nicht nur eine Virtuosin des eigenen Machterhalts. Mit
ihrem Politikstil zeigt sie zugleich, dass ihr die alten Kämpfe der
Bundesrepublik (West) fremd sind.
Merkel hat auch aus Fehlern Konsequenzen gezogen. Nach
Abstimmung mit SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt versuchte sie in den
Anfangsjahren der Großen Koalition, beiden Fraktionen ein neues
Gesundheitsmodell vorzugeben, was sich fast zu einem politischen Desaster
entwickelt hätte. Sie lernte daraufhin, dass es für ihr Ansehen und Überleben
besser ist, wenn zunächst die Initiativen aus den Fachministerien und den
Fraktionen kommen und sie bei aufkommendem Streit als konsensbringende
„Schlichterin“ agieren kann. Merkel sagt von sich: „Ich bin ein Mensch, der
auf Sicht arbeitet.“ Sie hatte in ihrer ersten Regierungserklärung dazu
passend eine „Politik der kleinen Schritte“ angekündigt, die sie als gute
Taktikerin und Handwerkerin auch umsetzt. Eine langfristige Strategie ist
darüber hinaus jedoch nicht zu erkennen.
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