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Rheinischer
Merkur, 29. Oktober 2009
BÜRGERLICHES
BÜNDNIS
Der Aufbruch bleibt
aus
Die
Detailverliebtheit der Kanzlerin findet sich auch im Koalitionsvertrag wieder.
Er ist mehr als 120 Seiten dick– eine große Linie aber lässt sich nicht
ausmachen.
Angela Merkel
wirkte nach dem Abschluss der Koalitionsverhandlungen gelöst. Doch manchmal
dürfte sich die alte und neue Kanzlerin nach der Großen Koalition sehnen. Zwar
ist Schwarz-Gelb ihr angebliches Wunschbündnis, doch ab sofort muss sie
inhaltlich deutlicher Farbe bekennen. Sie kann sich nicht mehr hinter der SPD
verstecken. Den Neustart ihrer Kanzlerschaft haben Union und FDP verhunzt. Nicht
nur das: So etwas wie ein schwarz-gelber Aufbruch in eine neue Ära wird nicht
sichtbar. Merkels „Politik der kleinen Schritte“ findet ihre Fortsetzung.
Wie zunächst zwischen den Koalitionsparteien ein
Schattenhaushalt verabredet wurde, das war – freundlich ausgedrückt – wenig
professionell. Diese Idee musste als nicht verfassungskonform zurückgezogen
werden. Die Koalitionäre wollten durch einen Spezialhaushalt außerhalb des
Bundesetats die grundgesetzlich drohende „Schuldenbremse“ umgehen. Peinlich ist
diese gescheiterte Operation eines Buchungstricks insbesondere für die FDP, die
einst landauf, landab „Ordnungspolitik“ in der Wirtschaft eingefordert und eine
ähnliche Praxis in der Großen Koalition scharf gegeißelt hatte.
Die Verhandlungspartner, die eine jährliche Steuerentlastung
von bis zu 24 Milliarden Euro beschlossen haben, sind nicht in der Lage, auch
nur ansatzweise den Bundeshaushalt zu sanieren. Vielmehr verteilen sie soziale
Wohltaten in Form von Steuersenkungen und einen „Schutzschirm“ für das
Sozialversicherungssystem – die nordrhein-westfälischen Landtagswahlen im Mai
2010 lassen grüßen. Für das kommende Jahr ist mit zusätzlichen Schulden von bis
zu 90 Milliarden zu rechnen. Bei der Aufnahme neuer Kredite zeigt die Koalition
wirklichen Mut, die erhoffte Finanzierung durch einen Wirtschaftsboom ist
hochriskant. Die Koalitionsparteien wollten sich nach ihren Wahlaussagen nicht
dem Vorwurf einer „Steuerlüge“ aussetzen.
Die letzten Tage der Koalitionsverhandlungen waren die
unschönsten. Sie sorgten dafür, dass zahlreiche bedeutsame Einzelentscheidungen
von der Bevölkerung gar nicht bewusst wahrgenommen wurden – insbesondere die
weitreichenden Pläne in der Bildungspolitik. Es ist löblich, dass die Regierung
im Bereich von Bildung und Forschung – dem eigentlichen deutschen „Rohstoff“ –
mehr Geld investieren will. So soll unter anderem die frühkindliche Förderung
verbessert und ein breites System der Studienförderung für besonders begabte
Studenten eingeführt werden. Aber auch hier gilt: Woher das Geld nehmen? Und
werden die Länder mitspielen?
In der Familienpolitik hat Schwarz-Gelb ebenfalls wichtige
Entscheidungen getroffen (Erhöhung des Kinderfreibetrages, auch des
Kindergeldes; Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder zu Hause aufziehen;
Weiterentwicklung des Elterngeldes). Doch wo soll auch hier das Geld herkommen?
Durch den Kommunikations-Gau der letzten Verhandlungstage ist zudem
untergegangen, dass sich Schwarz-Gelb nicht nur an den Leistungsempfängern des
Staates, sondern auch an den Leistungsträgern orientieren will, die den
entscheidenden Beitrag zum Wohlstand unseres Landes leisten.
Schnelle
Verhandlungen
Die Koalition hat zwar ihren Vertrag gemessen an früheren
besonders schnell ausgehandelt; doch wird bei einer – fast möchte man sagen –
buchhalterischen Auflistung zahlreicher Einzelthemen die große Linie der kleinen
Koalition nicht klar. Wichtige Themen wurden in Ausschüsse überwiesen.
Die Detailverliebtheit Merkels schlägt sich auch in diesem
Koalitionsvertrag nieder. Müssen eigentlich Koalitionsvereinbarungen eine solche
Länge haben? Wäre es nicht manchmal sinnvoller, Entscheidungen erst dann zu
treffen, wenn sie anstehen? Das mag naiv erscheinen, zumal die einzelnen
Ministerien einen Koalitionsvertrag abarbeiten. Frühere Regierungsvereinbarungen
waren dagegen äußerst schlank. Wer glaubt, umfangreiche Verträge verhinderten
künftigen Streit, der sieht sich bereits jetzt getäuscht. Wolfgang Schäuble hat
in seiner neuen Rolle als Bundesfinanzminister die Finanzentscheidungen schon
infrage gestellt. Damit zeigt er, wie sehr er Merkels Abneigung gegen abrupte
Steuererleichterungen teilt.
Die Regierungsbildung dient letztlich der Machtsicherung der
Kanzlerin. Von den 16 Kabinettsmitgliedern gehören fünf der FDP an, drei der CSU
und inklusive der Kanzlerin acht der CDU. Schäuble musste damit rechnen, dass
seine Zeit als Minister endet. Jetzt erhält er mit dem Finanzministerium ein
wichtiges Schlüsselressort. Da fast alle politischen Entscheidungen finanzielle
Auswirkungen haben, spricht manches dafür, dass das erfahrenste
Kabinettsmitglied das Amt des „Kassenwarts“ der Nation übernimmt. Dadurch konnte
Merkel auch den Herzenswunsch ihres bisherigen Kanzleramtsministers Thomas de
Maizière erfüllen und ihn zum Innenminister machen.
Die fünf FDP-Ministerien (Auswärtiges, Justiz, Wirtschaft,
Gesundheit und Entwicklungspolitik) gelten zwar mit Ausnahme des
Entwicklungsministeriums als einflussreiche Ressorts, doch wird Merkel schon
dafür sorgen, dass sie nicht zu sehr überstrahlt wird. So zeigen alle
Erfahrungen, dass etwa die Außenpolitik infolge der Gipfeldiplomatie im
Kanzleramt gemacht wird, was schon Joschka Fischer schmerzvoll zu spüren bekam.
Doch der Wunsch Westerwelles nach einem Ministerium, das beliebt macht, war
übermächtig.
Sein nach wie vor sehr einflussreicher Ziehvater Hans-Dietrich
Genscher wird ihm dazu geraten haben. Inwieweit sich Westerwelle durch die
Dauerbelastung als Außenminister aber genügend um die innenpolitischen
Reformvorhaben der FDP zu kümmern vermag, ist fraglich. Hinzu kommt, dass
Westerwelle außenpolitisch ziemlich unerfahren ist. Seine erste Einlassung über
ein atomwaffenfreies Deutschland kündet davon. Eine solche Forderung kostet zwar
nichts, wird aber das Verhältnis zu den Verbündeten, insbesondere den USA, nicht
erleichtern.
Dass sein bisheriger Generalsekretär Dirk Niebel
Entwicklungshilfeminister wird, mag Westerwelles außenpolitischen Spielraum
erweitern, ging er doch mit der Forderung ins Rennen, dieses Ministerium müsse
dem Außenamt zugeschlagen werden. Schon jetzt zeichnet sich eine Konkurrenz
nicht nur zur Kanzlerin, sondern auch zum bayerischen Freiherrn Karl-Theodor zu
Guttenberg ab. Dass Seehofer ihn auf den Schleudersitz des
Verteidigungsministers katapultiert hat, kann nicht als eine Liebeserklärung an
den polyglotten Adeligen angesehen werden. Guttenberg aber wird die
Auseinandersetzung um Afghanistan zur Profilierung nutzen und damit das Feld der
Außenpolitik nicht allein dem Außenminister Westerwelle überlassen.
Der auf Bundesebene unerfahrene FDP-Mann Philipp Rösler ist für
das Gesundheitsministerium zweifelsohne eine interessante Entdeckung.
Gleichzeitig handelt es sich um ein Politikfeld voller Fallstricke, das Merkel
vielleicht sogar ganz gern einem Liberalen überlässt. Er wird zwangsläufig mit
zahlreichen unpopulären Vorschlägen („Kopfpauschale“) in Verbindung gebracht
werden, während Merkel in die Rolle einer sozial agierenden Bundeskanzlerin
hineinfinden kann. Rösler muss alles geben, um Merkels Überlegungen zum
Gesundheitsfonds konterkarieren zu können.
Die Berufung des rheinland-pfälzischen Weinköniginnen-Küssers
Rainer Brüderle zum Wirtschaftsminister der Liberalen hat bei Unternehmern nur
verhaltene Freude ausgelöst, fühlten sie sich doch von zu Guttenberg gut
vertreten.
Rüttgers ist
zufrieden
Mit besonderem Interesse wird zu sehen sein, wie der politisch
durchaus erfahrene Winzersohn Franz-Josef Jung jetzt von der Afghanistanpolitik
auf das äußerst wichtige Arbeitsressort umschaltet, das immerhin etwa vierzig
Prozent des Bundeshaushalts verwaltet. Zu den sieben Neulingen im Kabinett
gehören Kanzleramtsminister Ronald Pofalla und Umweltminister Norbert Röttgen.
Nordrhein-Westfalen, das bislang keinen Minister im Kabinett hatte, ist damit
jetzt zur Zufriedenheit von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers gut vertreten.
Merkel hat „ihre“ Leute untergebracht – auch ihren Vertrauten
Peter Altmaier, der in der Unionsfraktion die Schlüsselfunktion des Ersten
Parlamentarischen Geschäftsführers übernimmt. Der Europaspezialist durfte nicht
deutscher EU-Kommissar werden. Merkel versucht stattdessen mit der Entsendung
des ökonomisch durchaus versierten Schwaben Günther Oettinger 18 Monate vor den
wichtigen baden-württembergischen Landtagswahlen einen Befreiungsschlag, war
doch für sie das Bundestagswahlergebnis im „Ländle“ besorgniserregend.
Die Kanzlerin hatte eine schonungslose Wahlanalyse nach den
Koalitionsverhandlungen versprochen. Bisher hielten auch ihre Vorgänger solche
Versprechen nie ein. Dabei wäre es interessant zu wissen, was Merkel selber dazu
sagt, dass ihre Partei – sieht man von den Ausnahmewahlen im Jahr 1949 ab – das
schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik eingefahren hat.
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