Startseite
Infos zu meinen Lehrveranstaltungen
Universität Bonn
Archiv (bis 2000)
Foreign Languages
Homepage durchsuchen
Veröffentlichungen
Vortragsthemen
Kontakt
Lebenslauf
 

 

Rheinischer Merkur, 28. Februar 2008

REZENSION  
 
„All das wollten wir damals nicht wissen“
 


Zwei neue Bücher – eine Kampfschrift wider die alten Genossen und ein Blick zurück ohne Zorn.
 

VON GERD LANGGUTH
 


In der zeitgeschichtlichen Forschung haben sich wenige Wissenschaftler die Aufarbeitung der Chiffre „1968“ zugetraut. Zu diesen wenigen gehören jetzt auch Götz Aly und Norbert Frei – beide als Experten zur Entstehung des Nationalsozialismus bekannt. Während wohltuend bei dem jüngeren Norbert Frei (Jahrgang 1955) der abwägende Historiker zum Vorschein kommt, merkt man bei dem scharf mit den 68ern ins Gericht gehenden Essay von Götz Aly (Jahrgang 1947), wie sehr ihn die eigene Geschichte bewegt: Er stand auf der Seite derjenigen, die gegen ein „Schweinesystem“ – gemeint war die Bundesrepublik – kämpften, und wollte als Mitglied einer Roten Zelle auch in der terrornahen „Roten Hilfe“ den Umsturz des „kapitalistischen“ Systems erzwingen.

Das provozierendere Buch ist das von Götz Aly. Frei ist in seiner Kritik an 68 verständnisvoller: „Historisch gesehen“ sei der „fast aus allem sprechende Gedanke, Teil einer besonderen Generation zu sein“, bei der Apo „nicht unbekannt“, denn: Gerade Deutschland und Europa hätten „in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für solche Vorstellungen bitter bezahlt“.

 

Hier ist er, der sanfte Vergleich des Elitenverständnisses der 68er-Führung mit den braunen Horden der NS-Studentenschaft. Doch dieser Vergleich wird von Frei nicht ausgesprochen. Anders Aly: Unentwegt arbeitet er Parallelen zum Nationalsozialismus heraus – und stellt damit eine in dieser Präzision in der neueren Forschung bisher unterlassene Theorie auf, selbst wenn er sich auf so renommierte Politik- und Sozialwissenschaftler wie Richard Löwenthal, Ernst Fraenkel oder Erwin K. Scheuch berufen kann. Warum hat er sich dann aber bei seinen theoretischen Ausführungen nicht intensiver mit der Totalitarismustheorie etwa Hannah Arendts auseinandergesetzt?

 

Der Ex-Maoist Aly verbirgt nicht seine Scham darüber, dass er zum Beispiel die „mörderische Seite der chinesischen Kulturrevolution“ lange Zeit nicht wahrhaben wollte – mit Hinweis darauf, dass in den Jahren zwischen 1966 und Maos Tod 1976 mindestens drei Millionen Menschen aufgrund der staatlichen Säuberungen verstarben: „All das wollten wir damals nicht wissen. Ausgerechnet wir, die wir unseren Eltern vorwarfen, sie hätten sich gegenüber den Nazi-Verbrechen zumindest gleichgültig verhalten . . .“

 

Was dabei manchmal verloren geht, ist, dass nicht alle jener 68er gewaltbereite Revoluzzer waren: Das Spektrum reichte von „demokratisch-linksliberal“ bis hin zu anarchistischen, trotzkistischen, maoistischen und Moskau-kommunistischen Sympathisanten. Allerdings haben manche, die Gewalt ablehnende Mitläufer dennoch dem harten Kern etwa der Führung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) eine Agitationsbasis ermöglicht. Teilweise bleibt Aly hinter dem heutigen Forschungsstand zurück. Im Gegensatz zu Frei erwähnt er nicht das legendäre „Organisationsreferat“ von Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl auf der SDS-Bundesdelegiertenversammlung von 1967, in dem sie sich für eine „Urbanisierung ruraler Guerilla-Tätigkeit“ aussprachen.

 

Aly benennt schonungslos die utopischen Vorstellungen eines Rudi Dutschke. Er liefert eine imposante Fülle von Belegen dafür, dass Dutschke den „dunklen Ton des Hasspredigers“ bevorzugte, wenn er von der „Propaganda der Schüsse“ sprach. Ein Verdienst ist, dass sich Aly – wie bisher noch kein Autor vor ihm – mit der „anderen“ Seite des Protestes auseinandergesetzt hat, der Bundesregierung. Er konnte bis dato nicht freigegebene Verfassungsschutzberichte einsehen und ist erstaunt, wie lange dieses staatliche „Frühwarnsystem“ gebraucht hat, eine realistische Einschätzung der Studentenrevolte vorzunehmen. Er kommt zu dem für viele überraschenden Ergebnis, dass der schöngeistige Kurt Georg Kiesinger (CDU) als Kanzler der ersten Großen Koalition mehr als die meisten der politischen Größen seiner Zeit versucht hatte, die Gründe für den eruptiven Ausbruch jener Studentenrevolte zu erkennen.

 

Auch Frei fragt sich, ob die 68er-Bewegung eine totalitäre gewesen sei, und kommt zu dem Schluss: „Das Hermetische und das Fanatische, das Irrationale und das Unbedingte – und in diesem Sinne auch das Totalitäre –, das aus den Chefideologen der Revolte zweifellos sprach: Es war nicht das, was die Bewegung im Ganzen motivierte und vorantrieb.“Alys erhebliches Insiderwissen muss viele seiner einstigen Genossen provozieren, die er mit ihren heutigen Funktionen benennt, wobei er offensichtlich manche verschont. Der Studentenrevolte kann er nichts Positives abgewinnen: Nicht sie habe die Wende zur Reformpolitik eingeleitet, sondern die 1969 gebildete sozialliberale Regierung Brandt-Scheel. Die „Aktivisten von 1968“ seien „keine Neuerer“, sondern eher „irrational Getriebene“ gewesen.

 

Frei sieht die Protestbewegung in ihren Wirkungen positiver: „Wenn die Bundesrepublik in den Siebzigerjahren ein Land der Bürgerinitiativen wurde – zum Vorteil etwa der Idylle am Kaiserstuhl und lebensraumbedrohter Feldhamster, aber mit gelegentlichen Nachteilen für den fließenden Verkehr –, dann war das auch ein Ergebnis von 68.“ Wichtig ist gleichwohl, eine Bewegung nicht von ihren Folgen, sondern von ihren Zielen her zu beurteilen.

 

Ist das Buch von Aly sehr deutschlandzentriert, so ist der Freische Einstieg ein anderer: Zunächst weist er auf die Unruhen im De-Gaulle-Frankreich hin und setzt Daniel Cohn-Bendit fast so etwas wie ein kleines Denkmal. Danach analysiert er, dass Amerika „im Anfang“ war – mit dem Civil Rights Movement, den Unruhen in Berkeley, der anwachsenden Kritik am US-Engagement in Vietnam, der Radikalisierung insbesondere an der Columbia University und schließlich den gegenkulturellen Lebensentwürfen. Der Protest in anderen westlichen Staaten und manchen Bewegungen im kommunistischen Machtbereich wird nach einer ausführlichen Auseinandersetzung mit der deutschen Entwicklung behandelt. Das ist wohltuend, weil es sich bei der 68er-Revolte um ein Phänomen aller westlichen Industriestaaten handelte.Frei hat ein gut lesbares, sauber recherchiertes und abwägendes Buch – kurzum: eine spannende Analyse von 68 geschrieben. 

 

Götz Aly: Unser Kampf. 1968. S. Fischer, Frankfurt/Main 2008. 254 Seiten, 19,90 Euro.
Norbert Frei: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest. dtv, München 2008. 320 Seiten, 15 Euro.