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Rheinischer Merkur, 28. Februar 2008
Das provozierendere Buch ist das von Götz Aly. Frei ist in
seiner Kritik an 68 verständnisvoller: „Historisch gesehen“ sei der „fast aus
allem sprechende Gedanke, Teil einer besonderen Generation zu sein“, bei der
Apo „nicht unbekannt“, denn: Gerade Deutschland und Europa hätten „in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für solche Vorstellungen bitter bezahlt“.
Hier ist er, der sanfte Vergleich
des Elitenverständnisses der 68er-Führung mit den braunen Horden der
NS-Studentenschaft. Doch dieser Vergleich wird von Frei nicht ausgesprochen.
Anders Aly: Unentwegt arbeitet er Parallelen zum Nationalsozialismus heraus –
und stellt damit eine in dieser Präzision in der neueren Forschung bisher
unterlassene Theorie auf, selbst wenn er sich auf so renommierte Politik- und
Sozialwissenschaftler wie Richard Löwenthal, Ernst Fraenkel oder Erwin K.
Scheuch berufen kann. Warum hat er sich dann aber bei seinen theoretischen
Ausführungen nicht intensiver mit der Totalitarismustheorie etwa Hannah
Arendts auseinandergesetzt?
Der Ex-Maoist Aly verbirgt nicht seine Scham darüber, dass
er zum Beispiel die „mörderische Seite der chinesischen Kulturrevolution“
lange Zeit nicht wahrhaben wollte – mit Hinweis darauf, dass in den Jahren
zwischen 1966 und Maos Tod 1976 mindestens drei Millionen Menschen aufgrund
der staatlichen Säuberungen verstarben: „All das wollten wir damals nicht
wissen. Ausgerechnet wir, die wir unseren Eltern vorwarfen, sie hätten sich
gegenüber den Nazi-Verbrechen zumindest gleichgültig verhalten . . .“
Was dabei manchmal verloren geht, ist, dass nicht alle
jener 68er gewaltbereite Revoluzzer waren: Das Spektrum reichte von
„demokratisch-linksliberal“ bis hin zu anarchistischen, trotzkistischen,
maoistischen und Moskau-kommunistischen Sympathisanten. Allerdings haben
manche, die Gewalt ablehnende Mitläufer dennoch dem harten Kern etwa der
Führung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) eine
Agitationsbasis ermöglicht. Teilweise bleibt Aly hinter dem heutigen
Forschungsstand zurück. Im Gegensatz zu Frei erwähnt er nicht das legendäre
„Organisationsreferat“ von Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl auf der
SDS-Bundesdelegiertenversammlung von 1967, in dem sie sich für eine
„Urbanisierung ruraler Guerilla-Tätigkeit“ aussprachen.
Aly benennt schonungslos die utopischen Vorstellungen eines
Rudi Dutschke. Er liefert eine imposante Fülle von Belegen dafür, dass
Dutschke den „dunklen Ton des Hasspredigers“ bevorzugte, wenn er von der
„Propaganda der Schüsse“ sprach. Ein Verdienst ist, dass sich Aly – wie bisher
noch kein Autor vor ihm – mit der „anderen“ Seite des Protestes
auseinandergesetzt hat, der Bundesregierung. Er konnte bis dato nicht
freigegebene Verfassungsschutzberichte einsehen und ist erstaunt, wie lange
dieses staatliche „Frühwarnsystem“ gebraucht hat, eine realistische
Einschätzung der Studentenrevolte vorzunehmen. Er kommt zu dem für viele
überraschenden Ergebnis, dass der schöngeistige Kurt Georg Kiesinger (CDU) als
Kanzler der ersten Großen Koalition mehr als die meisten der politischen
Größen seiner Zeit versucht hatte, die Gründe für den eruptiven Ausbruch jener
Studentenrevolte zu erkennen.
Auch Frei fragt sich, ob die 68er-Bewegung eine
totalitäre gewesen sei, und kommt zu dem Schluss: „Das Hermetische und das
Fanatische, das Irrationale und das Unbedingte – und in diesem Sinne auch das
Totalitäre –, das aus den Chefideologen der Revolte zweifellos sprach: Es war
nicht das, was die Bewegung im Ganzen motivierte und vorantrieb.“Alys
erhebliches Insiderwissen muss viele seiner einstigen Genossen provozieren,
die er mit ihren heutigen Funktionen benennt, wobei er offensichtlich manche
verschont. Der Studentenrevolte kann er nichts Positives abgewinnen: Nicht sie
habe die Wende zur Reformpolitik eingeleitet, sondern die 1969 gebildete
sozialliberale Regierung Brandt-Scheel. Die „Aktivisten von 1968“ seien „keine
Neuerer“, sondern eher „irrational Getriebene“ gewesen.
Frei sieht die Protestbewegung in ihren Wirkungen
positiver: „Wenn die Bundesrepublik in den Siebzigerjahren ein Land der
Bürgerinitiativen wurde – zum Vorteil etwa der Idylle am Kaiserstuhl und
lebensraumbedrohter Feldhamster, aber mit gelegentlichen Nachteilen für den
fließenden Verkehr –, dann war das auch ein Ergebnis von 68.“ Wichtig ist
gleichwohl, eine Bewegung nicht von ihren Folgen, sondern von ihren Zielen her
zu beurteilen.
Ist das Buch von Aly sehr deutschlandzentriert, so ist der
Freische Einstieg ein anderer: Zunächst weist er auf die Unruhen im
De-Gaulle-Frankreich hin und setzt Daniel Cohn-Bendit fast so etwas wie ein
kleines Denkmal. Danach analysiert er, dass Amerika „im Anfang“ war – mit dem
Civil Rights Movement, den Unruhen in Berkeley, der anwachsenden Kritik am
US-Engagement in Vietnam, der Radikalisierung insbesondere an der Columbia
University und schließlich den gegenkulturellen Lebensentwürfen. Der Protest
in anderen westlichen Staaten und manchen Bewegungen im kommunistischen
Machtbereich wird nach einer ausführlichen Auseinandersetzung mit der
deutschen Entwicklung behandelt. Das ist wohltuend, weil es sich bei der
68er-Revolte um ein Phänomen aller westlichen Industriestaaten handelte.Frei
hat ein gut lesbares, sauber recherchiertes und abwägendes Buch – kurzum: eine
spannende Analyse von 68 geschrieben.
Götz Aly: Unser Kampf. 1968.
S. Fischer, Frankfurt/Main 2008. 254 Seiten, 19,90 Euro.
Norbert Frei: 1968. Jugendrevolte
und globaler Protest. dtv, München 2008. 320 Seiten, 15 Euro.
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