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(aus: Radio Berlin-Brandenburg, rbb kultur, 21. Juni 2005, 8.12 Uhr)Verhältnis Intellektuelle und Macht rbb: Bislang konnte sich die SPD auf die Unterstützung prominenter Intellektueller verlassen. Auch in diesem Wahlkampf lässt Literaturnobelpreisträger Günter Grass keinen Zweifel daran aufkommen, wer das Standing hat, Deutschland zu repräsentieren. Und dem Kanzler sind die Künstler so lieb wie ein Schornsteinfeger. Nur dass die Berührung in diesem Fall keinen Ruß hinterlässt, sondern eine Art Glanz, der von den Künstlern auf den Kanzler strahlt. Doch so einfach scheinen die Intellektuellen nicht mehr den Weg ins Kanzleramt gehen zu wollen. Von einer inoffiziellen Einladung nach Berlin haben sich einige umgehend distanziert. Bleibt die Frage, ob auch das eine Trendwende signalisiert. Und damit begrüße ich am Telefon in Bonn den Politikwissenschaftler Prof. Dr. Gerd Langguth. Guten Morgen. Gerd Langguth: Guten Morgen, Frau Birler. Kann sich der Kanzler nicht mehr auf die Intellektuellen verlassen? G.L.: Ich denke, dass es die Intellektuellen heute schwerer haben, sich überhaupt noch mit einer ganz konkreten Politik zu identifizieren, zudem noch mit einer Politik, die relativ ideologiefern ist, wie man ja dem Kanzler unterstellen kann. Er ist ja kein Ideologe im engeren Sinne, sondern ein ziemlicher Pragmatiker. Und die SPD hat den Ruf einer Programmpartei verloren. Und deswegen tun sich viele Intellektuelle sehr schwer, sich mit einer politischen Partei zu identifizieren. Dass es in den fünfziger und sechziger Jahren so viele Intellektuelle gab, die sich, insbesondere wenn es um Parteipolitik ging, auf die SPD-Seite schlugen, das hängt mit der Geschichte der Bundesrepublik und der Geschichte Deutschlands zusammen. Auch wurde on der Gruppe 47 um Hans-Werner Richter, die 1946/47 gegründet wurde, immer wieder der Restaurationsvorwurf entwickelt, dass nämlich in der Bundesrepublik Deutschland jene gesellschaftlichen Verhältnisse wiederhergestellt würden, die zum Nationalsozialismus geführt haben. Und solche Positionen haben eben viele Intellektuelle immer wieder vertreten, auch wenn es Leute wie Eugen Kogon gab, die dem widersprachen. Aber all' das ist ja jetzt lange her. Sie sprechen von der Politik im Allgemeinen, nicht von der Kulturpolitik. An der kann es also nicht liegen. Staatsministerin Christina Weiß verkörpert ja eigentlich selbst vorbildlich den Typ der klugen Intellektuellen. G.L.: Ja sicher. Es gab auch immer einzelne Leute, die sich als Intellektuelle, übrigens auch auf beiden Seiten des Hauses, also auch den eher Konservativen, für Aufgaben zur Verfügung stellten. Aber ich denke doch, dass sich bei vielen Intellektuellen die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass eine kollektive Vereinnahmung dem Wesen intellektuellen Denkens eben nicht entspricht. Und ich denke, dass sich viele auch schwer tun, mit einer politischen Partei identifiziert zu werden, zumal ja in Deutschland eine parteipolitische Überzeugung – um es etwas übertrieben zu formulieren: - fast einen quasi-religiösen Charakter hat. Jedenfalls hat bei uns eine Identifikation mit einer politischen Partei einen sehr starken grundsätzlichen Charakter, nicht so in anderen Staaten wie in Frankreich: Da kann ein Intellektueller heute mal eine trotzkistische Position vertreten und morgen ist er bei den Konservativen gelandet. Das ist bei uns in Deutschland eben nicht so. Im Grunde waren es aber immer westdeutsche Intellektuelle. Hat die Wende möglicherweise auch in dieser Beziehung Spuren hinterlassen? G.L.: Ja, man muss sagen, dass sich natürlich auch ostdeutsche Intellektuelle einbrachten. Aber die Frage muss trotzdem gestellt werden: Wo sind eigentlich heute noch die ostdeutschen Intellektuellen, die doch zeitweilig kraftvoll die Stimme insbesondere der Literatur vertreten haben. Sie sind in Gesamtdeutschland eigentlich kaum noch sichtbar. Vielleicht hängt das auch mit der Normalität einer deutschen Einigung zusammen, die ja sich ja doch mehr und mehr entwickelt. Könnte sich das mit einer ostdeutschen Kanzlerin ändern? Wäre eine Unterstützung von Angela Merkel durch Künstler und Intellektuelle überhaupt vorstellbar? Also passt das zu ihrem Politikverständnis, zu ihrem Stil? G.L.: Also ich denke, dass jeder Politiker und jede Politikerin dankbar eine Unterstützung durch Intellektuelle annimmt. Nur möchte ich sagen, dass konservative Intellektuelle, von denen es ja manche gibt, sich natürlich doch sehr viel schwerer mit einer kollektiven Vereinnahmung tun. Konservative Intellektuelle haben eher ein skeptisches Menschenbild, sie haben eher eine Furcht davor, sich auch langfristig parteipolitisch zu binden. Und außerdem haben ja manche konservative Intellektuelle eine Furcht vor einer nicht mehr steuerbaren Fortschrittsdynamik der Moderne. Jedenfalls tun sie sich schwer, sich parteipolitisch irgendwie instrumentalisieren zu lassen. Linke Intellektuelle gehen eher von einer Sehnsucht nach einer gerechten Welt aus, setzen eher auf „Fortschritt“ und auf Emanzipation und auf Theoriekonstrukte ohne Ende. Konservative Intellektuelle hingegen tun sich, glaube ich, schwerer als linke Intellektuelle, sich für eine politische Idee herzugeben. Und doch bröckelt auch hier die Unterstützung für die SPD. Sind die Intellektuellen generell auf dem Rückzug, ist das ein Zeichen für eine weitere Angleichung der beiden Volksparteien. G.L.: Ja, ich denke schon. Ich sagte ja vorhin schon: Was unterscheidet eigentlich einen Bundeskanzler von seinem Grundsatzdenken her von der Opposition? Die jetzige Opposition geht ja insgesamt auch sehr pragmatisch, unideologisch an die Dinge heran. Ich denke, dass es da schon eine Annäherung gab - und dass es immer weniger Schriftsteller gibt, die sich für eine Partei zur Verfügung stellen. Ja, es gab ja in der SPD einen Dieter Lattmann, der sich doch lange Zeit, nämlich von 1972 bis 1980 im Deutschen Bundestag befand und der immer wieder sozusagen als Vorzeigeschriftsteller in der Politik galt. So etwas gibt es heute nicht mehr. Es gibt kaum noch Intellektuelle, die sich zur Verfügung stellen und auch Helmut Kohl ist es kaum gelungen, der immer wieder versuchte, mit Ernst Jünger Kontakt aufzunehmen. Aber es war mehr eine Symbolik, Jünger war auch von ihm nicht zu vereinnahmen. Für den 14. Juli will Gerhard Schröder nun eine Reihe von Künstlern in Kanzleramt eingeladen haben. Wer definitiv daran teilnimmt neben Günter Grass und Peter Rühmkorf ist unklar. Was aber erwartet der Kanzler Ihrer Meinung nach tatsächlich davon? Die bekenntnishafte Unterstützeranzeige in den Tageszeitungen allein kann es ja nicht sein. G.L.: Also, es ist das, worauf ich bereits hingewiesen habe: Es ist der Glanz der Intellektualität, dem sich jeder Politiker gerne hingibt. Wenn es gelänge, wieder einmal Günter Grass ins Boot zu holen, das würde schon aus der Sicht des amtierenden Bundeskanzlers schon sehr viel bringen. Also es ist dieser Glanz der Intellektualität. Und übrigens gelegentlich auch die Nähe der Macht von Intellektuellen zur Politik, die viele Intellektuelle angeblich ablehnen und sagen, wir wollen eigentlich mit der Politik nichts zu tun haben, aber dann doch immer wiederum der Faszination der Politik erliegen und dann beispielsweise gerne Einladungen auf Kanzlerreisen mitnehmen. Das werfe ich gar nicht vor, aber es zeigt doch, dass es immer eine Ambivalenz zwischen Nähe und Distanz zur Macht gibt. Allerdings glaube ich, dass sich heute mehr und mehr Intellektuelle schwer tun, sich überhaupt für eine politische Idee in unserer jetzigen Zeit zu begeistern. Der Politikwissenschaftler Gerd Langguth von der Bonner Universität über das abgekühlte Verhältnis der Kulturschaffenden zur Politik. Haben Sie vielen Dank. Und erwähnt sei noch, dass die Angela Merkel-Biographie von Ihnen, von Gerd Langguth, bei dtv erscheint. Am Freitag ist sie in den Buchhandlungen.
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