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aus: Pforzheimer Zeitung, 5. Mai 2011

„Sie wusste genau, was sie sagt“

 

Interview von Angelika Wohlfrom

Pforzheimer Zeitung:  Wieso freut sich die Christin Angela Merkel über Bin Ladens Tod? Darf sie das?
Professor Gerd Langguth: Es ist in der Tat im christlichen Kulturkreis schwierig, wenn sich jemand über einen Tod freut. Aber andererseits wollte man Bi n Ladens habhaft werden – und dass das eine legitime Zielsetzung ist, ist ja unbestreitbar. Wenn er allerdings lebend gefangen worden wäre und meinetwegen nach Guantanamo gebracht worden wäre, dann wäre das Erpressungspotential ungeheuer groß gewesen. So deute ich diesen in der Tat etwas harschen Satz von ihr, der mich auch erstaunt hat.

PZ: Man ist von ihr gewöhnt, dass sie ihre Worte sehr sorgfältig wählt. Hat sie diesen Satz unbedacht gesprochen?
Langguth: Ich denke schon, dass sie genau wusste, was sie sagt. Sie wollte hier – ohne dass es finanziell etwas kostet – mit den Amerikanern einen Schulterschluss.

PZ: Und dafür nahm sie die Provokation Ihrer Partei bewusst in Kauf?
Langguth: Ja, sie hat ja ein sicheres Gespür dafür, was die Leute, die normalen Menschen, denken. Und ich denke, dass die meisten mit der Erschießung von Osama Bin Laden einverstanden sind. Insofern dürfte sie sich zur Mehrheitssprecherin gemacht haben.

PZ: Ist das ein Problem für die CDU?
Langguth: Naja, es ist schon ein grundsätzliches Problem für eine Partei, die sich mit dem Wort „christlich“ schmückt, wenn man über das Erschießen eines Mannes Freude ausdrückt. Andererseits gibt es Traditionen im christlichen Glauben, die so etwas möglich machen. Ich denke, sie hätte es vielleicht besser nicht in dieser deutlichen Form gesagt. Aber das wird sie überwinden.

PZ: Merkel muss also nicht zurückrudern oder Abbitte leisten?
Langguth: Nein, auch in der CDU selbst gibt es doch darüber keine echte Diskussion. Außerdem verleiht so eine Aussage Angela Merkel auch ein bestimmtes Profil.

PZ: Das Profil, nicht allzu sehr im Christentum verwurzelt zu sein?
Langguth: Da gibt es im Christentum verschiedene Deutungen. Ich denke, dass sie den Gedanken gar nicht hatte: Ist das mit dem „C“ vereinbar oder nicht? Sondern es waren mehr die Fragen: Wie kann ich den Amerikanern meine Solidarität zeigen und wie kann ich mich der Mehrheitsposition anschließen?

PZ: Sind Merkels Überlegungen immer so taktisch? Sie könnte dazu doch auch einfach eine eigene Meinung haben...
Langguth: Na gut, sie hat ja eine klare eigene Meinung geäußert mit der Freude. Andererseits denken Politiker immer um alle Ecken herum und daran, was für ihre Wiederwahl förderlich sein könnte. Ich gehe davon aus, dass sie diese Aussage als förderlich für ihre Wiederwahl angesehen hat. Stellen Sie sich nur mal vor, sie hätte die Tötung Bin Ladens kritisiert! Sie hätte natürlich andere Formulierungen finden können, nicht das Wort „Freude“. Sie hätte ja zum Beispiel sagen können: „Niemand weint ihm eine Träne nach.“ Damit hätte sie sich aus der Schusslinie gebracht.