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Passauer Neue Presse vom 18.06.2008
„Lediglich moderate Reformhinweise“
Gerd Langguth, Professor für Politikwissenschaft und
Biograph Köhlers, meint, dass der Bundespräsident sich in seiner Rede
zurückgehalten habe.
Arbeit, Bildung, Integration war das Motto der Berliner
Rede des Bundespräsidenten. War das eine weitere Ruck-Rede?
Langguth: Nein, eine Ruck-Rede war das nicht.
Schließlich kann nicht jede Rede eine Ruck-Rede sein oder die Bedeutung der Rede
von Richard von Weizsäcker zum 8. Mai erlangen. Das war eine moderate und runde
Rede. Besonders auffällig waren seine Freundlichkeiten gegenüber der SPD. In
Köhlers Rede klang kein Reformitis-Übereifer durch. Sie bietet keine großen
Ecken und Kanten. Das ist wohl der Quasi-Wahlkampfsituation geschuldet, in der
sich Horst Köhler unfreiwillig nach der Kandidatur von Gesine Schwan befindet.
Der Bundespräsident wird jetzt jeden Eindruck vermeiden, dass er so etwas wie
Wahlkampfreden hält. Allerdings: Die Tatsache, dass er die Rede in seinem
Amtssitz hält, ist schon ein deutliches Symbol. Er zeigt klar, dass er die
Insignien der Macht hat. Die Botschaft lautet: Hier bin ich und hier bleibe ich.
Dass Bildung der Schlüssel für die Zukunft ist, das ist eine dauernde Mahnung
des Bundespräsidenten.
Horst Köhler weist auch auf Demokratiedefizite hin.
Langguth: Er hat bereits in der Vergangenheit auf
die Demokratieverdrossenheit hingewiesen. Auffällig war, dass er seinen
Vorschlag zur Direktwahl des Bundespräsidenten nicht wiederholt hat. Er gibt
lediglich moderate Reformhinweise.
Der Bundespräsident warnt vor „Reformitis im föderalen
Lehrplandschungel“. Eine Absage an den Bildungsföderalismus?
Langguth: Ja, das ist ein kritischer Hinweis an den
Bildungsföderalismus. Natürlich ist es sein Recht, hier kritische Anmerkungen zu
machen. Aber: Der Bundespräsident muss höllisch aufpassen. Wir leben nun mal in
einem föderalen System. Und die Kultur- und Bildungspolitik sind Zuständigkeiten
der Länder.
Welche Wirkung haben die „Berliner Reden“ des
Präsidenten?
Langguth: Natürlich ist jede Rede nur ein Tropfen
auf den heißen Stein. Aber die Deutschen haben ein Anrecht darauf zu erfahren,
was ihr Bundespräsident zu grundsätzlichen Fragen denkt. Die „Berliner Rede“
bietet hier ein wichtiges Forum. Horst Köhler hat die Gelegenheit genutzt, um
auf die Herausforderungen der Globalisierung hinzuweisen. Er versucht, den
Menschen Mut zu machen und neben den Risiken dieser Entwicklung vor allem auch
die Chancen aufzuzeigen. Hier kann er jetzt von seinen internationalen
Erfahrungen profitieren.
Mit der Kandidatur von Gesine Schwan dürfte sich jetzt
ein regelrechter Wahlkampf entwickeln. Schadet diese Auseinandersetzung dem Amt?
Langguth: Das ist schon ein besonderer Vorgang. Ob
die Institution und das Amt Bundespräsident Schaden nehmen, hängt von den
Beteiligten ab. Es gibt aber auch einen positiven Effekt. Reden des
Bundespräsidenten werden mit umso größerer Aufmerksamkeit wahrgenommen. Die
Gegenkandidatur von Frau Schwan könnte durchaus belebend sein. Das Amt rückt
mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.
Gespräch:
Andreas Herholz
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