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Aus: Passauer Neue Presse, 23. Dezember 2012

 

„Nur temporär beschädigt"

 

 

Gerd Langguth, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn, meint im Gespräch mit der Passauer Neuen Presse, dass Christian Wulff noch die Chance hat, zum großen Bundespräsidenten zu werden. Als großen Befreiungsschlag betrachtet er die gestrige Erklärung Wulffs aber noch nicht.

 

Bundespräsident Christian Wulff hat sich in der Kreditaffäre für Fehler entschuldigt. Ist das der große Befreiungsschlag gewesen?

 

Langguth: Nein. Davon gehe ich nicht aus. Auch wenn jetzt erst einmal die Weihnachtspause kommt: Die Debatten um den Privatkredit und andere Vergünstigungen werden weitergehen. Dafür wird die Opposition schon sorgen. Dabei hat sich Christian Wulff doch entschuldigt. Er hat es als nicht gradlinig bezeichnet, dass er den Landtag in Niedersachsen nicht über den Kredit informiert hat. Das war sein größter Fehler. Wenn sich ein Präsident offen zu einer solchen Entschuldigung hinreißen lässt, sollte sie auch angenommen werden.

 

"Wulff wankt", hieß vor kurzem noch eine Schlagzeile. Sitzt der Bundespräsident nach dieser Erklärung wieder fester im Sattel?

 

Langguth: Ich war nie der Meinung, dass der Bundespräsident wankt. Die Bundeskanzlerin hat mehrfach erklärt, dass sie seine Arbeit schätze und er sie fortsetzen solle. Das war das klare Signal: Frau Merkel und damit die gesamte schwarz-gelbe Koalition hat kein Interesse an einem Rücktritt des Bundespräsidenten. Und auch die Bevölkerung will mehrheitlich, dass er im Amt bleibt.

 

Wie stark ist Wulffs Glaubwürdigkeit beschädigt?

 

Langguth: Sie ist nur temporär beschädigt. Er hat jetzt die Chance, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Wulff und das Amt des Bundespräsidenten sind nicht dauerhaft beschädigt. Ich sehe Parallelen zu Johannes Rau. Auch er wurde als Bundespräsident eingeholt von einer Affäre aus seiner Zeit als Ministerpräsident, der Flugaffäre bei der WestLB. Die Vorwürfe sind an Rau letztlich abgeprallt. Er ist als einer der beliebtesten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland in die Geschichte eingegangen.

 

Kann Christian Wulff noch zum großen Bundespräsidenten werden?

 

Langguth: Warum nicht? Die Chance dazu hat er. Er darf sich durch die jetzige Affäre nicht ins Bockshorn jagen lassen. Er muss sich umso intensiver um seine eigene Glaubwürdigkeit bemühen. Das kann er durch gute Reden. Der Bundespräsident wirkt in der Öffentlichkeit vor allem durch das Wort, durch seine öffentlichen Auftritte und Denkanstöße.

 

Gespräch: Rasmus Buchsteiner