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Passauer Neue Presse, 1. April .2010




„Er ist der eigentliche Vater des Euro“
 

Professor Gerd Langguth, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn, ist davon überzeugt: „Die europäische Währungsunion hätte es ohne Helmut Kohl nicht gegeben.“

 

Helmut Kohl wird 80 Jahre alt. Ist er eine Ausnahmeerscheinung unter Deutschlands Kanzlern?

Langguth: Helmut Kohl hat den Platz in den Geschichtsbüchern sicher, trotz mancher düsterer Aspekte. Er war ein Machtmensch par excellence, er hat aber auch viel für Deutschland erreicht.

Wo liegen seine Hauptverdienste?

Langguth: Sie liegen vor allem auf außenpolitischem Gebiet. Trotz nahender Neuwahlen hat er 1983 an dem unpopulären NATO-Doppelbeschluss zur Stationierung von Mittelstreckenraketen festgehalten. Zu Beginn seiner Kanzlerschaft ist er damit aus Überzeugung ein erhebliches Risiko eingegangen. Natürlich wird vor allem die deutsche Einheit mit seinem Namen in Verbindung gebracht. Er hat klug auf das unerwartete Ereignis der friedlichen Revolution in der DDR reagiert und alle Chancen genutzt. Die deutsche Einheit wäre allerdings wohl auch ohne Helmut Kohl gekommen - in der ein oder anderen Form. Das DDR-System war zu marode. Die europäische Währungsunion hingegen hätte es ohne Helmut Kohl nicht gegeben. Er ist der eigentliche Vater des Euro. Die Einheitswährung hat er im Wissen durchgesetzt, dass das seine Wiederwahl 1998 sehr erschweren würde.

Ist der Pfälzer Helmut Kohl der Prototyp des Europäers in der Politik?

Langguth: Er ist nicht ohne Grund zum Ehrenbürger Europas ernannt worden, als zweiter überhaupt. Sein Ruhm außerhalb Deutschlands ist viel größer als im Inland. Die europäische Integration ist stets sein Credo gewesen. Er wollte eine deutsche Normalität erreichen, eingebettet in Europa, weg von verhängnisvollen deutschen Sonderwegen. Hierzulande sehen manche in ihm aber auch den polarisierenden Kanzler - und denjenigen, der mit dem Spendenskandal, den er selbst zu verantworten hat, sein eigenes Lebenswerk verdüstert.

Die Namen der angeblichen Spender verschweigt der Altkanzler weiterhin.

Langguth: Das eigentlich Unfassbare ist, dass Helmut Kohl nichts aus dem Jahre zurückliegenden Flick-Skandal gelernt hatte. Er hat sich über das Recht hinweggesetzt. Aber der promovierte Historiker Kohl ist ein Geschichtsdeuter und wird sich deshalb vor sich selbst sicher damit rechtfertigt haben, dass einst auch Reichskanzler von Bismarck den „Reptilienfonds“ mit finanziellen Mitteln zur Verfügung hatte. Und auch Kohls Freund, der französische Staatspräsident Francois Mitterand, hatte stets eine gefüllte Schatulle, um politisch etwas zu bewegen.

Helmut Kohl hat 16 Jahre regiert, so lange wie kein anderer Bundeskanzler. Warum hat er den Absprung nicht rechtzeitig geschafft?

Langguth: Er wollte auch gerne Kanzler der Jahrtausendwende werden. Er hat es den deutschen Wählern überlassen, den Zeitpunkt seines Abtritts zu bestimmen. Er glaubte auch nicht, dass ein adäquater Nachfolger in seiner eigenen Partei bereitstünde.

War dieses Verharren im Amt ein Fehler?

Langguth: Ohne deutsche Einheit wäre er nicht so lange Kanzler geblieben. Die Einheit war deshalb für Helmut Kohls politisches Überleben ein Glücksfall. Er strahlte eine sonderbare Normalität aus: die Strickjacke als Markenzeichen, das Aquarium im Büro. Dieser Helmut Kohl hatte nichts Imperiales an sich. Er erweckte Vertrauen im Ausland. In Deutschland hatten sich die Menschen jedoch an ihm satt gesehen. Er hat sich an seiner Partei versündigt, auch durch seine Weigerung, den Vorsitz in jüngere Hände zu legen. Das war Kohlsches Aussitzen bei einem ganz falschen Thema.

Kanzlerin Angela Merkel war eine politische Entdeckung des damaligen Kanzlers Kohl. Hat „Kohls Mädchen“ von ihm gelernt?

Langguth: Merkel hat viel von Kohl gelernt, indem sie auf manche hektischen Entwicklungen sehr gelassen reagierte. Vom Temperament und ihrer Sicht auf die Welt ist sie jedoch das genaue Gegenteil Kohls. Er ist der pfälzisch-barocke Katholik, und sie die nüchterne ostdeutsche Protestantin und Physikerin. Die beiden trennen Welten, auch wenn Kohl Merkel entdeckt hat.
 


Gespräch: Christoph Slangen