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Passauer Neue Presse, Interview, 2.
Juni 2010
„Ich könnte mir sehr gut eine Frau vorstellen“
Gespräch: Rasmus Buchsteiner
Gerd
Langguth nennt Gründe dafür, warum er Ursula von der Leyen und Annette Schavan
als gute Kandidatinnen für das Amt der Bundespräsidentin einschätzt.
Nach dem plötzlichen Rücktritt von Horst Köhler: Läuft jetzt alles auf einen
Politprofi als Nachfolger im Amt des Bundespräsidenten hinaus?
Langguth: Eindeutig ja! Das Experiment mit dem politischen
Seiteneinsteiger Horst Köhler ist gescheitert. Ich gehe jetzt fest davon aus,
dass man sich in der Koalition auf einen Politiker oder eine Politikerin im
klassischen Sinne einigen wird. Nicht nur die Union, sondern auch die FDP wird
jetzt versuchen, Ansprüche auf das Amt des Bundespräsidenten zu erheben. Das
Tauziehen dürfte noch einige Tage anhalten. Mit einer raschen Festlegung hätte
die schwarz-gelbe Koalition aber die Chance, Handlungsfähigkeit zu beweisen. Das
hat diese Bundesregierung bitter nötig.
Schwarz-Gelb verfügt dieses Mal über eine eigene Mehrheit in der
Bundesversammlung. Kanzlerin Angela Merkel will für den Kandidatenvorschlag der
Koalition allerdings auch bei den Oppositionsfraktionen werben. Welches Kalkül
steckt dahinter?
Langguth: Diese Ankündigungen sind zum allergrößten Teil Wortgeplänkel.
Auf die anderen Parteien zuzugehen, macht sich in der öffentlichen Wirkung immer
gut. Aber auch die SPD und ihr Vorsitzender Sigmar Gabriel sprechen sich für
einen gemeinsamen Kandidaten aus. Sein Motiv könnte sein: Er möchte verhindern,
dass Gesine Schwan noch einmal auf dem SPD-Ticket ins Rennen geht.
Kommen wir zu einzelnen Namen, über die spekuliert wird: Wie überraschend ist
es, dass Ursula von der Leyen so oft genannt wird?
Langguth: Frau von der Leyen wäre eine gute Kandidatin. Sie könnte das
Amt mit einer besonderen menschlichen Wärme ausüben. Allerdings: Von der Leyen
ist als Ministerin in Merkels Bundeskabinett kaum zu ersetzen. Sie verbucht die
meisten Pluspunkte in der Regierung. Präsidiabel wäre natürlich auch
Bildungsministerin Annette Schavan. Sie war 2004, als man sich letztlich für
Köhler entschied, in der engeren Auswahl. Wenn Frau Merkel Schavan damals
bereits für geeignet gehalten hat, gibt es keinen Grund, dies heute nicht
genauso zu sehen. Ich könnte mir sehr gut eine Frau in Schloss Bellevue
vorstellen.
Welche
männlichen Kandidaten haben die besten Aussichten auf die Köhler-Nachfolge?
Langguth: Bestens geeignet wäre Bundestagspräsident Norbert Lammert. Er
ist ein unabhängiger Kopf. Der Opposition würde eine Begründung schwer fallen,
ihn nicht zu wählen. Dass der Name Wolfgang Schäuble noch einmal ernsthaft ins
Gespräch kommt, glaube ich nicht. Jürgen Rüttgers muss erst einmal sein Problem
in Nordrhein-Westfalen lösen. Und Christian Wulff ist in erster Linie
Reservemann der Union fürs Kanzleramt, der Mann hinter Merkel.
Köhlers Rücktritt wurde vielfach als Kurzschlussreaktion interpretiert. Hat
er mit seiner Entscheidung das höchste Staatsamt beschädigt?
Langguth: Das Amt würde nur dann nachhaltig beschädigt, wenn der
Nachfolger schwach wäre. Mit einem überzeugenden Nachfolger könnte neuer Glanz
in Schloss Bellevue einziehen. Köhler hat sich selbst beschädigt. Die Art und
Weise, wie er als oberster Repräsentant des Staates abgetreten ist, lässt sich
so mit der besonderen Würde des Amtes kaum vereinbaren.
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