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Prof. Dr. Gerd Langguth
Bonn, dem 1. Mai 2001
Parteien und bürgerschaftliches Engagement"
Überlegungen für die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages
Zukunft des bürgerschaftlichen Engagement"
(Anhörung am 15. Januar 2002)
Ohne Parteien ist die Willensbildung auf allen politischen Ebenen undenkbar
dies trifft auch für die kommunale und regionale Ebene zu, in der sich
bürgerschaftliche Aktivitäten in besonderer Weise manifestieren. Unklar ist
das Verhältnis zwischen Parteien und bürgerschaftlichen Organisationen
viele neigen dazu, einen prinzipiellen Gegensatz zwischen ihnen zu konstruieren.
Deshalb seien zunächst einige Vorbemerkungen gemacht:
- Das Verhältnis der politischen Parteien zu den anderen
bürgerschaftlichen Gruppen ist auch deshalb so komplex, weil die Parteien
häufig den Eindruck einer Allzuständigkeit manifestieren, währenddessen
bürgerschaftliches Engagement einzelner Persönlichkeiten und Gruppen
lediglich auf begrenzte Ziele ausgerichtet ist. Prinzipiell stellt sich also
die Frage, ob sich politische Parteien aus Teilen bisheriger
Verantwortungswahrnahme zurückziehen sollten. Doch sogleich kann die Frage
gestellt werden, wer mit welcher anderen Legitimation an ihre Stelle treten
soll.
- Das Agieren politischer Parteien wird häufig als ein Gegensatz zu
bürgerschaftlichen Organisationen dargestellt. Gelegentlich wird sogar
suggeriert, in Deutschland müßte sich erst noch eine Zivilgesellschaft"
oder eine Bürgergesellschaft" entwickeln. Die empirischen Daten
bestätigen jedoch keinesfalls eine generelle Passivität weiter Teile der
Bevölkerung: Eine vom Bundesfamilienministerium Ende 1999 veröffentlichte
Studie zeigt nämlich, dass in Deutschland rund 22 Millionen Menschen (über
14 Jahre = 34 Prozent der Bevölkerung) bei uns gemeinwohlorientierte
Aufgaben in Vereinen, Projekten, Initiativen etc. und damit auch in Parteien
übernommen haben.
- Die Sozialforschung zeigt ferner auf, dass darüber hinaus noch mehrere
Millionen Bürgerinnen und Bürger bereit sind, sich dann zu engagieren,
wenn sich ihnen sinnvolle Handlungsmöglichkeiten bieten. Zu diesem
Engagement gehört auch die Mitgliedschaft in politischen Parteien.
- Die aus Amerika zu uns seit vielen Jahren herüberschwappende Kommunitarismus"-Diskussion
sollte nicht den Blick dafür verstellen, dass die politischen und
gesellschaftlichen Strukturen in den USA nicht so ohne weiteres mit denen in
der Bundesrepublik Deutschland zu vergleichen sind. Wir haben so bisher in
unserem Land eine sehr andere Verankerung politischer Parteien in der
Gesellschaft. Bei aller angeblichen Amerikanisierung" der deutschen
Politik sei darauf verwiesen, dass in Deutschland etwa 1,7 Millionen
Menschen in politischen Parteien Mitglied sind und viele Zehntausende gerade
auf örtlicher Ebene in der Selbstverwaltung politische Verantwortung
übernehmen.
Zur Präzisierung des Verhältnisses politischer Parteien zum
bürgerschaftlichen Engagement und zu anderen bürgerschaftliche Organisationen
sollen die nachfolgenden Thesen dienen:
These 1:
Die Parteien sind mit ernst zu nehmenden Krisensymptomen konfrontiert.
Stetiger Mitgliederrückgang und auch geringere Wahlbeteiligungen signalisieren
Probleme der Akzeptanz politischer Parteien. Anderseits dürften diese Symptome
auch nicht in falscher Weise dramatisiert und müssen auch im Zusammenhang des
gesellschaftlichen Wandels gesehen werden.
Praktisch alle Parteien am wenigsten die CSU haben mit stetigem
Mitgliederrückgang und Überalterung zu kämpfen:
- Bis Mitte der achtziger Jahre wuchs die Anzahl der Parteimitglieder
ständig an. 1985 gehörten 1.883.590 Personen politischen Parteien,
nämlich den Unionsparteien (CDU: 718.590; CSU: 182.852), der SPD (916. 386)
und der FDP (65.762) an. Gegenwärtig sind immerhin noch rund 1,7 Millionen
Menschen (allerdings inklusive der PDS) in einer politischen Partei. Die SPD
verlor im Jahrzehnt nach der deutschen Einheit 20,1 Prozent der Mitglieder,
die CDU 18 Prozent. Die FDP verlor in diesem Zeitraum sogar 27,1 Prozent
(abgerechnet den Sonderfall der vormaligen Blockpartei" LDPD:
würden deren einstige Mitglieder eingerechnet, wäre sogar ein Verlust von
64 Prozent zu konstatieren). Seit ihrer Regierungsbeteiligung haben auch
Bündnis 90/Die Grünen einen Mitgliederrückgang zu verzeichnen.
- Ein besonderes Problem stellt Ostdeutschland dar: Die CDU verlor
hier seit der Einheit 54,5 Prozent der Mitglieder, damit auch viele
Angehörige der einstigen Blockpartei" CDUD. Die PDS ist immer noch
die mitgliederstärkste Partei im Osten Deutschlands. Die SPD stagniert im
Osten bei unter 30.000 Mitgliedern (etwa vergleichbar der Mitgliederzahl des
SPD-Bezirks Rheinland/Hessen-Nassau). Bündnis 90/Die Grünen liegt im Osten
bei etwa 3.000 Mitgliedern.
- Bei allen Parteien inklusive der aus der SED entstandenen PDS - ist
eine starke Überalterung festzustellen. Beispielsweise sind von den
derzeit noch 730.000 Mitgliedern der SPD für die die neuesten Zahlen
vorliegen - mehr als ein Drittel älter als sechzig Jahre, lediglich elf
Prozent sind 35 Jahre und jünger. In den nächsten fünf Jahren wird sich
dieser Anteil noch einmal von derzeit rund 80.000 auf 40.000 Mitglieder
unter 35 Jahren halbieren.
- Allerdings kommt es nicht nur auf die Zahl der Mitglieder, sondern auf
den Aktivierungsgrad in den Parteien an. Geschätzt wird, dass etwa
zehn Prozent der Parteimitglieder im engeren Sinne auch politisch aktiv
sind. Da in den SPD-Organisationen allein etwa 70.000 Funktionen zu besetzen
sind, bedeutet dies bei dem geschätzten Aktivierungsgrad, dass rein
rechnerisch jedes aktive Parteimitglied eine Funktion übernehmen müßte,
um die Organisation überhaupt aufrecht erhalten zu können.
- Darüber hinaus sollte nicht unerwähnt bleiben, dass viele
Zehntausende von Mitgliedern aller Parteien ehrenamtliche Verantwortung vor
allem in der Kommunalpolitik tragen. Schon jetzt ist es insbesondere in
den hinsichtlich der Mitgliederzahl ausgedünnteren Regionen in den Neuen
Bundesländern schwierig, für kommunalpolitische Positionen genügend
engagierte und sachkundige Parteimitglieder zu finden.
Die Gründe des Mitgliederrückgangs (und des Rückgangs der
Wahlbeteiligung) sind vielfältig; doch dürften folgende Faktoren u.a. zu
benennen sein:
- Zum einen hat sich das Image von Parteien keinesfalls
verbessert. Dieses war aber noch nie gut, wie mit dem Wort vom Imageverlust
der Parteien" suggeriert wird.
- Viele Mitglieder wurden oder sind immer noch enttäuscht, dass sich ein
politisches Engagement nicht wirklich lohnte": die Parteien
treten nämlich ihren Mitgliedern gegenüber meist als kommunalpolitisch
engagierte Organisationen auf, in denen aber die großen" Fragen der
Politik nicht behandelt werden. Bei diesem Befund müssen alle politischen
Parteien ansetzen, wenn sie wieder mehr kontinuierlich in ihnen mitwirkende
Bürgerinnen und Bürger gewinnen wollen.
- Mit der deutschen Einheit scheinen fundamentale, aufwühlende
Debatten eher der Vergangenheit anzugehören. Die großen
Themen" der Vergangenheit vor allem bedingt durch den
Ost-West-Konflikt -, die häufig eine Gesellschaft polarisierten, scheint es
nicht mehr zu geben. Die Parteien wirken merkwürdig kraftlos und inhaltlich
ausgebrannt. Der Eindruck, dass sich insbesondere die beiden großen
Parteien inhaltlich immer mehr anzunähern scheinen, erhöht nicht ihre
Attraktivität. Diese mangelnde Unterscheidbarkeit ist auch eine der
Ursachen dafür, dass die Zahl der Stammwähler immer mehr abnimmt. Das Bild
der örtlich agierenden Parteienvertreter korrespondiert vielfach mit dem
Bild, das die Bürgerinnen und Bürger von den Parteien auf Bundesebene
haben.
- Ein weiterer Grund für die Relativierung des Einflusses politischer
Parteien ist in dem Faktum zu suchen, dass die politische Agenda heute immer
weniger durch den Deutschen Bundestag und die Parteien definiert wird
vielmehr sind es vor allem die veränderten medialen Rahmenbedingungen
(u.a. prägende Rolle der Talk-Show-Kultur, Internet), die den prägenden
Einfluß auch von Parteien reduzieren. Die Gestaltungskraft von Parteien hat
also in der Wahrnehmung der Bevölkerung nachgelassen.
- Auch nach dem Regierungswechsel 1998 haben 77 Prozent der
bundesdeutschen Bevölkerung den Eindruck, in Deutschland kämen notwendige
gesellschaftliche Reformen nicht schnell genug voran. Dies schlägt sich
auch in einer Desillisionierung hinsichtlich der Rolle von Parteien
generell nieder.
- Alle Großorganisationen (ähnlich wie Kirchen oder
Gewerkschaften) haben in einer Zeit der beiden parallel laufenden Trends
einer Singularisierung und einer Pluralisierung der Lebensstile mit einer
nachlassenden Bereitschaft hinsichtlich eines langfristig angelegten
Engagements zu kämpfen. So fällt die Quote des Rückgangs von
gewerkschaftlichen Mitgliedschaften besonders auf: sie haben gegenüber 1992
mehr als eine Halbierung ihrer Mitgliedschaftsquote hinnehmen müssen: in
Westdeutschland von 15 auf 7 Prozent, von 22 auf 8 Prozent in
Ostdeutschland).
- Sodann kann ein verändertes Partizipationsverhalten der
Bevölkerung konstatiert werden es wird sogar von einer partizipatorischen
Revolution" (Max Kaase) gesprochen, die sich in Form von
Bürgerinitiativen und der Mitwirkung in Nicht-Regierungsorganisationen
zeigte. Die Attraktivität unkonventioneller Partizipations-formen, der
Trend nach plebiszitären Elementen in der Politik hat stark zugenommen.
Der Rückgang der Wahlbeteiligung auch bei den Bundestagswahlen sollte jedoch
nicht zu dem falschen Schluss eines geringer werdenden politischen Interesses
führen, wohl aber zu der Erkenntnis, dass die Integrationskraft von politischen
Parteien nachläßt. 1976 gab es in Westdeutschland eine Wahlbeteiligung von
91,2 Prozent, lediglich 76 Prozent waren im Jahre 1998 zu verzeichnen. Viele der
Nichtwähler treffen aber eine ganz bewußte Entscheidung einer Nichtwahl, die
also insoweit auch als ein politischer Akt verstanden werden kann. Das neueste
Beispiel der Landtagswahlen von Sachsen-Anhalt (April 2002) bestätigt dies, da
sich innerhalb von vier Jahren die Wahlbeteiligung in diesem Bundesland von 71,7
Prozent auf 56,5 Prozent deutlich reduzierte. Die Wahlbeteiligung bei Landtags-
und Kommunalwahlen ist seit jeher deutlich niedriger als auf Bundesebene.
These 2:
Eine häufig isoliert vorgenommene Betrachtungsweise der bundesdeutschen
Situation und dies in einem sich vereinigenden EU-Europa läßt außer
acht, dass die für Deutschland beklagten Krisenerscheinungen politischer
Parteien ein internationales Phänomen darstellen, die auch im Zusammenhang mit
Entwicklungen in Gesellschaften zu sehen sind, die sich alle nicht der
Globalisierung entziehen können.
Die internationalen Daten belegen, dass sowohl hinsichtlich des
Wahlbeteiligung als auch der Mitgliederstärke in politischen Parteien
Deutschland keinesfalls besonders schlecht dasteht:
- Die Wahlbeteiligung in Deutschland ist im Vergleich zu anderen
europäischen Staaten sogar relativ hoch, wo ebenfalls die nationale
Wahlbeteiligung in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen ist.
Besonders gilt dies für Frankreich (1988-1997 bei jeweils unter 70
Prozent, gegenüber 1967-1978 bei jeweils über 80 Prozent), Schweden
(1998 gegenüber 1976 um 11,5 Prozentpunkte gesunken, Niederlande
(1986: 95,8 Prozent, 1998: 73,2 Prozent) und trotz Wahlpflicht Italien
(siebziger Jahre jeweils über 90 Prozent, 1992: 87,2 Prozent), aber auch
für die relativ junge Demokratie Portugal (seit 1979 mit 87,1
Prozent bis 1995 mit 66,3 Prozent stetig gesunken. Großbritannien
hatte 2001 mit 59,4 Prozent seine seit achtzig Jahren geringste
Wahlbeteiligung. In Spanien ist die Wahlbeteiligung stark schwankend
und hat seit 1989 wieder zugenommen. In Dänemark liegt sie immer
über 80 Prozent.
- Der so häufig beklagte Rückgang der Mitgliederstärke trifft
alle größeren Parteien in Europa und ist ebenfalls kein alleiniges
deutsches Spezifikum. Besonders augenfällig ist dies bei den dänischen
Sozialdemokraten, deren Zahl von 288.000 im Jahr 1947 auf etwa 90.000 im
Jahr 1994 kontinuierlich gefallen ist. Die niederländischen Sozialisten (PvdA)
büßten zwischen 1986 und 1995 etwa ein Drittel ihrer Mitglieder ein, die
niederländische christdemokratische CDA verlor im selben Zeitraum etwa ein
Viertel, also ebenfalls circa 30.000 ihrer Mitglieder. Während die
österreichische christdemokratische ÖVP zwischen 1985 und 1994 einen
stabilen Mitgliederstand von circa 545.000 Personen aufwies, verringerte
sich die Mitgliederzahl der sozialdemokratischen SPÖ im selben Zeitraum auf
417.000. Der Mitgliederrückgang der deutschen demokratischen Parteien
korrespondiert somit durchaus mit den Entwicklungen anderer europäischer
Länder.
Die Möglichkeiten der europäischen und internationalen Parteienbünde
hinsichtlich der Frage des bürgerschaftlichen Engagements sind doch
einigermaßen begrenzt, da sich bürgerschaftliches Engagement in der Regel vor
Ort niederschlägt. Allerdings können die deutschen Parteien im Dialog mit
ihren Schwesterparteien auf EU-Ebene und darüber hinaus versuchen, ihre
Vorstellungen einer Zivilgesellschaft diesen gegenüber dialogisch zu vertreten.
Wegen der europäischen Integration hat gleichwohl die Rolle der europäischen
Parteienbünde in den letzten Jahren zugenommen. Hier spielen die deutschen
Parteien wegen ihrer Finanzkraft im Verhältnis zu anderen Parteien eine große
Rolle, außerdem wegen der zahlreichen Möglichkeiten der deutschen politischen
Stiftungen, die diesen Dialog mit den jeweiligen Schwesterparteien organisieren.
These 3:
Parteien müssen eher beherzter ihre Deutungsmacht hinsichtlich des
gesellschaftlichen Wandels wahrnehmen. Nur dann werden sie wieder attraktiver.
Parteien sind sogar der Ort bürgerschaftlichen Engagements par excellance.
Parteien und bürgerschaftliche Gruppen und Bewegungen sind nicht zwei diametral
entgegengesetzte Welten, sondern sie ergänzen sich.
Die Tatsache der enormen Ausweitung des Dritten Sektors" (also
von Aktivitäten von grass roots"-Organisationen wie Bürgerinitiativen,
Selbsthilfegruppen oder international tätigen Nichtregierungsorganisationen (NROs))
dürfte auch darauf zurückzuführen sein,
- dass der angeblich allmächtige" Staat immer einflußloser
wird,
- dass gerade im Zeichen der Globalisierung" der Einfluß
der Wirtschaft zu steigen scheint.
Im Gegensatz zu Parteien, die häufig eine sehr allgemeine politische, auf
die Interessen des eigenen Landes und damit gemeinwohlorientierte Philosophie
vertreten, können sich Institutionen des Dritten Sektors" konkreten
einzelnen Anliegen (single issues") zuwenden ob es sich um
Umweltschutz, Verbraucherinteressen, Landminenbeseitigung, Aids oder
Stadtteilprobleme handelt. Ein gewandeltes Politikverständnis vieler Menschen
geht nicht von der generellen Mitwirkung in klassischen politischen
Institutionen aus, sondern ist mehr punktuell begründet, ergibt sich aus einer
häufig spontan geäußerten Betroffenheit" aufgrund einzelner als
Mißständen erachteter politischer Probleme.
Die besondere Chance der politischen Parteien liegt gerade darin, dass sie
bei unterschiedlichen Standorten doch den Anspruch der Gemeinwohlorientierung
aufrechterhalten müssen. Gleichwohl stellt sich die Frage nach der politischen
Unterscheidbarkeit von Parteien in der Gegenwart, die sich alle als Partei
der Mitte" wahrgenommen sehen wollen. Die programmatische Unschärfe der
Parteien hat viele Ursachen, stellt aber zugleich auch die größte Gefahr für
die Stabilität des Parteiensystems dar. Denn je mehr die Parteien inhaltlich
austauschbar werden, desto überflüssiger erscheinen sie, umso geringer wird
auch die Wahlbeteiligung.
Die Parteien sehen sich zu einem Balanceakt gedrängt: Zum einen werden die
an sie gerichteten Forderungen immer umfassender. Das kommt den Parteien
einerseits entgegen, vergrößert das doch vermeintlich ihren Einfluß. Auf
Macht ausgerichtete Organisationen sind in der Regel zur Selbstbeschränkung
nicht in der Lage. Zum anderen begreifen sich die Parteien immer weniger als
Sinnproduzenten, sondern erscheinen mehr und mehr als Machterhaltungs- bzw.
Machtgewinnungsinstrumente. Folglich erhalten Organisationen wie Greenpeace,
Welthungerhilfe oder Amnesty International manchmal scheint es: fast
ausschliesslich - den Charakter moralischer Instanzen (siehe ausführlicher:
Gerd Langguth, Das Innenleben der Macht, München 2001, S. 280 ff.).
Hinzu kommt worauf schon hingewiesen wurde -, dass in der heutigen
Medienwirklichkeit insbesondere des Fernsehens alle hochbrisanten Fragen durch
kompetente oder weniger kompetente Gesprächspartner beispielsweise in Talkshows
behandelt werden, die direkte Erläuterung hochbrisanter politischer
Sachverhalte in Parteiveranstaltungen durch Abgeordnete oder andere Politiker
nicht mehr so gefragt ist.
Besonders wichtig: Zu unterstreichen ist in diesem Zusammenhang die Tatsache,
dass das Agenda-Setting", also das Setzen der politischen Tagesordnung,
immer weniger durch die Institution des Parlaments geschieht, was zweifellos
auch Auswirkungen auf die Rolle von Parteien hat, deren Bedeutung damit
abzunehmen scheint. Die Enquete-Kommission täte m.E. gut daran, wenn sie
insbesondere diesen Sachverhalt, an dem auch der Deutsche Bundestag als
Institution selbst beteiligt ist, in ihren Schlußfolgerungen hervorhöbe.
These 4:
Die Parteien obwohl sie allesamt entsprechende Reformbeschlüsse zur
Stärkung der innerparteilichen Demokratie verabschiedet haben - sind in der
Regel viel zu sehr abgeschottet. Nur wenn sie sich insbesondere auf
örtlicher Ebene, wo sich vor allem bürgerschaftliches Engagement konkret
niederschlägt öffnen, werden sie für bislang Politikabstinente attraktiv.
Parteien sind Bestandteil der Bürger- und Zivilgesellschaft. Allerdings ist
gelegentlich fraglich, ob sie sich selbst so verstehen. Sie würden sich mit
einer solchen Position gleichwohl dorthin begeben, wo sie manche Verfechter von
Bürgerbewegungen haben möchten, nämlich außerhalb des zentralen Geschehens
inmitten einer Bürgergesellschaft. Alle Parteien haben dezidierte Programme,
die das bürgerschaftliche Engagement stärken helfen sollten. Allerdings wird
dabei die Grundfrage gelegentlich umschifft, wie nach dem Subsidiaritätsprinzip
öffentliche Aufgaben von wem wahrgenommen werden sollen.
Zudem ist zu bezweifeln, ob die Öffnung der Parteien von allen
Funktionsträgern auch wirklich begrüßt wird. Partizipationsbemühungen neuer
Mitglieder wirken häufig störend, gefährden Machtpositionen auch auf lokaler
Ebene.
Alle Parteien haben Reformmaßnahmen beschlossen:
- Die SPD ist die einzige Partei, die institutionell das Amt eines
Kanzlerkandidaten kennt. Nach der Urabstimmung über den Kanzlerkandidaten
(Gewinner: Rudolf Scharping) fügte die SPD auf ihrem Parteitag 1993 zwei
Satzungsergänzungen ein, nämlich die Möglichkeit einer Urwahl über
Spitzenkandidaten. Hiervon wurde aber seit 1993 auf Bundesebene kein
Gebrauch mehr gemacht. In Baden-Württemberg hingegen wurde die
Spitzenkandidatin der SPD zu den Landtagswahlen 2001 innerparteilich in
einer direkten Wahl gewählt. Ausserdem wurde in der Satzung verankert, dass
Mitgliederentscheide über Sachfragen möglich sind.
- Auf ihrem Karlsruher Parteitag 1995 führte die CDU eine
konsultative Mitgliederbefragung in Parteiangelegenheiten ein, die
allerdings nur auf Beschluß des Bundesvorstandes durchgeführt werden kann
(§6 des Statuts der CDU). Im April 2000 verabschiedete der
CDU-Bundesparteitag Leitideen für ein modernes Parteimanagement. Die Arbeit
einer Kommission zur Parteireform, die auf dem CDU-Parteitag Anfang Dezember
2001 in Dresden Vorschläge unterbreiten sollte, führte innerhalb des
CDU-Bundesvorstands zu Kontroversen, so dass ein entsprechendes
Reformkonzept noch nicht durchgesetzt werden konnte. Zu den Vorschlägen
gehörten: Ausweitung der direkten Mitgliederbeteiligung, Urwahlen sowohl in
Sach- als auch in Personalfragen.
- Die Grünen" kennen ausweislich ihrer Bundessatzung (§
21) einen Sachentscheid ihrer Mitglieder, wonach über alle Fragen der
Politik", aber auch insbesondere auch der Programme, des
Grundkonsenses und der Satzung" eine Urabstimmung herbeigeführt werden
kann.
- In der FDP wurde aufgrund eines Bundesvorstandsbeschlusses vom
Dezember 1995 ein Mitgliederentscheid zum Thema Großer
Lauschangriff" durchgeführt (43,1 Prozent Beteiligung). Bei der an
Mitgliedern kleinen FDP gibt es sogar die Möglichkeit einer virtuellen
Mitgliedschaft" in einem Internet-Landesverband" (net.lv),
wodurch das Wohnortprinzip aufgebrochen werden soll. Die
FDP-Geschäftsstelle in Berlin versteht sich als Freiheitsladen" und
Kampagnezentrale"; es gibt die Möglichkeit, für ein halbes Jahr
und DM 20.00 Kampagnenmitglied" in der FDP zu werden, es gibt zudem
das Konzept liberaler Netzwerke und Initiativen. Der Mitgliederentscheid in
Sachfragen wurde in der Satzung verankert.
Generell kann gesagt werden, dass es sich bei den dargestellten Überlegungen
und Entscheidungen auch um Maßnahmen mit propagandistischer Wirkung handelt,
die Offenheit signalisieren sollen. Die tatsächliche Mitarbeit von
Nicht-Mitgliedern beispielsweise ist bislang äußerst gering, weshalb die
Parteien auch keine entsprechenden Statistiken vorlegen. Die
direktdemokratischen Elemente, soweit sie in den Satzungen überhaupt vorgesehen
sind, werden in der Regel dann genutzt, wenn eine innerparteilich verfahrene
Situation vorliegt.
Nur, wenn sich die Parteien öffnen, werden sie wieder attraktiver. Dies gilt
insbesondere für die örtliche Ebene, wo sie den Bürgerinnen und Bürgern
häufig als rein lokalpolitisch orientierte Parteien gegenübertreten. Die
politischen Themen der örtlichen Parteien entsprechen nicht den Fragen, die
insbesondere die junge Generation (Dritte Welt, Menschenrechte, Lebensstile)
bewegen, sondern Umgehungsstrassen, Kläranlagen oder Baulandausweisung.
Parteien haben nur dann wieder Zulauf, wenn sich ein Engagement in ihnen lohnt";
sie müssen
- sich als Forum offener Diskussion profilieren,
- sie müssen die Mitgliedschaft alter Art durch neue
Partizipationsformen erweitern,
- insbesondere ihre Sympathisanten stärker in die
Entscheidungsprozesse einbeziehen,
- sie müssen in Zukunft ihren Mitgliedern eine breitere Palette individuell
zugeschnittener Mitarbeit geben.
Der neue Typus von Parteimitgliedern will nicht die Rolle von
Karteileichen spielen, sondern will die Politik aktiv mitgestalten können:
- Einer 1997 veröffentlichten Mitgliederbefragung in der CDU unter circa
3.500 Mitgliedern ist ein neuer Typ" von Parteimitgliedern auf dem
Vormarsch, dem es weniger um die soziale Einbindung als um die
Mitgestaltung der gemeinsamen Überzeugungen" geht.
- Drei Viertel der CDU- wie der SPD-Mitglieder gaben in den achtziger
Jahren an, einen nur geringen bis sehr geringen Einfluß in der eigenen
Partei zu haben. Nach einer SPD-Mitgliederbefragung vom Sommer 2000 wollen
immerhin 46 Prozent der Mitglieder in der eigenen Partei aktiv mitarbeiten.
78 Prozent der SPD-Mitglieder finden die Öffnung der Partei für
Seiteneinsteiger gut, 81 Prozent wollen bei der Auswahl des politischen
Personals mitbestimmen, Urwahlen zur Nominierung von Kandidaten begrüßten
74 Prozent.
Manche der folgenden Hinweise für den Öffnungsprozeß politischer Parteien
stehen zwar schon in den Papieren einzelner Parteien, die politische
Wirklichkeit hält aber einer Überprüfung meist nicht Stand:
- Der Öffnungsprozeß politischer Parteien sollte so weit gehen, dass Nicht-Mitglieder,
die sich in einer Sympathisantenkartei eintragen lassen können, bei
wichtigen politisch-inhaltlichen Entscheidungen Stimmrecht haben.
Nicht-Mitglieder sollten in Arbeitskreisen und Projektgruppen volles
Stimmrecht erhalten können. Allerdings sollten solche Nicht-Mitglieder
keine Mitwirkungsmöglichkeiten im Falle von Personalentscheidungen oder
Satzungsänderungen haben.
- Mitgliedschaft auf Zeit: Diese Schnuppermitgliedschaft"
zielt nach Ablauf eines Zeitraumes von in der Regel einem Jahr auf die
Vollmitgliedschaft. Doch handelt sich hier aber wohl um eine eher
propagandistische Einrichtung angeblicher Offenheit für neue
Parteimitglieder. Denn von diesem Institut wird, soweit bekannt, kaum
Gebrauch gemacht.
- Wichtig ist auch die Frage, wie Quereinsteigern das Engagement
in der Politik erleichtert werden kann. Ob aber Quoten diskutiert in der
SPD unter dem Rubrum zehn von außen" (demnach sollen in der
nächsten Bundestagsfraktion zehn Mitglieder sitzen, die bisher nicht aktive
Mitglieder waren) wirklich hilfreich zum Aufbrechen einer
innerparteilichen und innerfraktionellen Oligarchie sind, mag bezweifelt
werden. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Seiteneinsteiger in der Politik
meist einflußlos blieben und nicht mehr als eine Intellektualdekoration
blieben.
- Ferner sollten die politischen Parteien sich als Forum für die
verschiedenen bürgerschaftlichen Interessengruppen verstehen.
- Amtszeitbegrenzung: Es muss aber auch dafür institutionelle
Sorge getragen werden, dass Verharschungen in Parteien wirksam
entgegengewirkt werden und dass die Oligarchiebildungen, wie sie Robert
Michels schon vor dem Ersten Weltkrieg am Beispiel der Sozialdemokratischen
Partei festgestellt hat, zumindest eingegrenzt werden. Ein Instrument
könnten Amtszeitbegrenzungen für hohe Parteiämter sein.
- Ämterbegrenzung: Hier sind verschiedene Modelle denkbar.
- Die Direktwahl von Mandatsträgern durch die Mitglieder als
Soll- und nicht nur als Kannbestimmung (Abkehr vom Delegiertenprinzip) ist
einzuführen. Entscheidende Bedeutung hat die Fragestellung der Verbesserung
einer Elitenauswahl, weshalb grundsätzlich die Wahl durch Mitglieder
vorgesehen sein sollte, obwohl auch dies noch kein Allheilmittel für die
Frage nach der Geeignetheit eines Kandidaten oder einer Kandidatin ist.
- Verlebendigung der innerparteilichen Vereinigungen: Vielfach
haben die einzelnen Vereinigungen innerhalb der Parteien, die als Transmissionsriemen"
in spezifische soziologische Gruppen (wie Frauen, Jugendliche. Senioren,
Arbeitnehmer, Unternehmer, Kommunalpolitiker) hinein wirken sollen,
erheblichen Bedarf an Erneuerung ihrer Arbeit. Häufig sind sie lediglich
eine Plattform zur Karriereabsicherung der jeweiligen Vorsitzenden.
Doch andere Vorschläge sind mit Skepsis zu betrachten:
- Abzulehnen sind Vorwahlen, die Nicht-Mitgliedern die
Möglichkeit einer Beeinflussung der Kandidatenaufstellung geben (Vorschlag
Müntefering vom 2. April 2000). Nach dem Parteien- und dem Bundeswahlgesetz
ist die Wahl eines Parteivorstandes oder eines Mandatsträgers außerhalb
von Vertreter- oder Mitgliederversammlungen unzulässig. Das Konzept von
Vorwahlen nach US-Vorbild mögen in einem Land, in dem es kaum
Parteistrukturen gibt, vertretbar sein, doch sollte das Recht von in
Deutschland existierenden Mitgliederparteien, zunächst ohne Mitwirkung der
parteilich nicht gebundenen Wahlbevölkerung Kandidaten aufzustellen, nicht
in Frage gestellt werden.
- Dem Internet wird und muss eine zunehmende Bedeutung in der
innerparteilichen Kommunikation zukommen. Allerdings kann dieses Medium
trotz virtueller Parteitage" der CDU und der Grünen oder eines Virtuellen
Ortsvereins" der SPD die direkte Kommunikation nicht ersetzen, zumal
sich auch hier Legitimationsprobleme stellen. Parteimitglieder, die nicht
über die Fähigkeit eines Internetzugangs verfügen, sind benachteiligt.
Die zunehmend erhobene Forderung nach direktdemokratischen Elementen
in der Politik halte ich indes nicht für wirklich zielführend.
- Die politischen Parteien sollten ihre Führungsfunktion auch
tatsächlich wahrnehmen und an ihr gemessen werden können. Die Entscheidung
über direktdemokratische Elemente in der Politik wird auch gelegentlich
deshalb getroffen, weil auf diese Weise die Unfähigkeit einer Partei, die
zerstrittenen Positionen bündeln zu können und zu konkreten Entscheidungen
zu gelangen, kaschiert wird. Auch innerhalb der Parteien selbst kommen
Abstimmungen aller Mitglieder oberhalb des Wahlkreises /Kreisverbandes an
die Grenze des Erstrebenswerten. Ein Beispiel dürfte hierfür die
seinerzeitige Wahl des Kanzlerkandidaten Scharping sein, die aus der
Unfähigkeit der damaligen Parteiführung entsprang, in einer wichtigen
Personalentscheidung zu konkreten Ergebnissen zu gelangen.
- Meine Abneigung gegen eine Verstärkung direktdemokratischer Elemente
wird durch die Erfahrung geprägt, dass politische Sachverhalte in der Regel
viel zu komplex sind, als dass sie mit einem klaren Ja" oder Nein"
beantwortet werden können. Das parlamentarisch-repräsentative Prinzip
vermag indes aber nur zu funktionieren, wenn die verantwortlichen Gremien
auch ihrer Führungsverantwortung nachkommen.
Noch einige ergänzende Anmerkungen:
- Das Angebot an politischer Bildungsarbeit in politischen
Parteien und ihrem Umfeld ist sehr stark vorhanden, an entsprechenden
Angeboten über die jeweiligen politischen Stiftungen gibt es keinen Mangel.
Vielfach entziehen sich jedoch die aktiven Mandatsträgerinnen und
Mandatsträgern solchen Angeboten. Wichtig wäre aber, nicht nur solche
Angebote an (potentielle) Mandatsträger zu richten, sondern auch an die
hauptamtlichen Parteifunktionäre (beispielsweise Kreisgeschäftsführer).
- Alle Parteien haben Jugendorganisationen, die aber inzwischen
innerparteilich wenig zu sagen haben und deshalb für die Jugendlichen nicht
sonderlich attraktiv sind. Das war übrigens nicht immer so. Viele Jahre
lang gab es beispielsweise bei Wahlabenden im deutschen Fernsehen nach der
Elefantenrunde" der Parteivorsitzenden auch eine eigene Reihe der
Vorsitzenden der Jugendorganisationen. Viele junge Menschen gehen heute
lieber gleich in eine politische Partei, statt einen Umweg über eine
Jugendorganisation zu wählen. Hinsichtlich der Partizipation junger
Menschen kann zwischen drei Formen der Beteiligung unterschieden werden: a)
Traditionelle Organisationen wie Parteien und ihren Jugend- wie
Studentenverbänden, Kirchen, Gewerkschaftsjugend, Rot-Kreuz-Jugend-Jugend
etc.; b) Informelle Initiativen und Gruppen (Selbsthilfegruppen,
Umweltinitiativen etc.), häufig auch als Neue Soziale Bewegungen (NSB)
bezeichnet und c) Punktuelle Initiativen wie Lichterketten (etwa im
Falle rechtsextremistischer Ausschreitungen, Demonstrationen aus Anlaß des
11. September). Die zweite und dritte Kategorie hat zu Lasten der
traditionallen Parteijugendorganisationen enorm zugenommen. Vielfach kommt
es zu entsprechenden Initiativen, die an den Parteien und ihren
Jugendorganisationen völlig vorbeigehen. Dies entspricht auch dem
generellen und oben dargestelltem Phänomen, dass in einer Zeit der
Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile die Attraktivität
aller Großorganisationen nachgelassen hat.
These 5:
Bürgerinitiativen und sonstige Bewegungen können politische Parteien
nicht ersetzen. Beide sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Prinzipiell sind insbesondere die deutschen Volksparteien in ihren von ihnen
selbst deklarierten Zielen gemeinwohlorientiert, währenddessen
Bürgerinitiativen etc. in der Regel lediglich einzelne - wenngleich häufig
interessengeleitete Ziele vertreten. Für die Legitimation der Parteien
wäre es aber verhängnisvoll, wenn sie sich immer mehr, gestützt vor allem auf
die jeweiligen Fraktionen, als Serviceparteien" definieren und damit
Abschied von einer klassischen Mitgliederpartei nehmen.
Parteien sollten stärker die Arbeit von Bürgerbewegungen und
Interessengruppen vor Ort in ihre Arbeit mit einbeziehen. Während es das Recht
und in einem gewissen Sinne sogar die Pflicht von Bürgerinitiativen ist, sich
für einzelne Ziele einzusetzen, müssen Parteien, sollen sie nicht in reinem
Populismus gegenüber einzelnen Interessengruppen und Meinungen versinken,
gemeinwohlorientierte Ziele benennen. Dieser Hinweis allein zeigt schon, dass
Bürgerinitiativen politische Parteien nicht ersetzen können.
Zudem müssen sich auch Bürgerinitiativen und insbesondere die großen
Nicht-Regierungsorganisationen (NROs) in gleichem Umfang der Frage ihrer
demokratischen Legitimation stellen wie politische Parteien, deren
Repräsentanten bei zahlreichen Wahlen politisch verteidigen müssen. Die
politischen Parteien müssen aus der Tatsache der Bedeutungszunahme des dritten
Sektors" die richtigen Schlüsse ziehen, wozu vor allem gehört, dass die
Parteien in ihren Entscheidungsprozessen organisierte wie nichtorganisierte
Interessen bedenken und hierbei mit bürgerschaftlichen Organisationen
zusammenarbeiten, ohne sie im engeren Sinne zu parteipolitischen Zwecken
instrumentalisieren zu wollen. Auch arbeiten zahlreiche Mitglieder der Parteien
in bürgerschaftlichen Gruppen mit, so dass allein schon aus dieser Tatsache
kein prinzipieller Gegensatz zwischen politischen Parteien und
bürgerschaftlichen Organisationen herausgelesen werden kann.
Eine falsche Schlussfolgerung wäre die Umsetzung einer gelegentlich in der
Politikwissenschaft und sogar in Parteien selbst diskutierte Meinung, die
politischen Parteien würden sich fast zwangsläufig zu Agenturen des
öffentlichen Meinungsmanagements entwickeln müssen. Dies würde die Parteien
in eine tiefe Legitimationskrise führen. Der frühere SPD-Bundgeschäftsführer
Blessing stellte so vor kurzem in einer vom heutigen SPD-Bundesgeschäftsführer
Machnig herausgegebenen Schrift die Frage nach der Zukunft und
Existenzberechtigung der Mitgliederpartei" (Machnig/ Bartels, Der rasende
Tanker, Göttingen 2001, S. 90 ff.). Mit der resignativen Überlegung, den
Status von Mitgliederparteien zu verlassen, würde der zu konstatierende
beträchtliche Mitgliederrückgang im Nachhinein legitimiert. Im Grunde würden
sich dann wenig legitimierte Parteifunktionäre immer mehr als Politikmanager
verstehen. Dies käme einem Abdanken der Politik und von Parteien gleich.
In Deutschland sind politische Parteien traditionell mehr als reine
Interessengruppen wie beispielsweise der ADAC, sondern weltanschaulich
beeinflußte Organisationen. Tendenzen, mit der Mitgliedschaft in einer
politischen Partei konkrete Vorteile (siehe die SPD-Card", die Rabatte
bei bestimmten Einkäufen ermöglicht) zu verbinden, sprengen die deutsche
Parteientradition.
Abschließend sei noch einmal die vielleicht wichtigste Funktion der
politischen Parteien in Deutschland hervorgehoben: sie verantworten die Auswahl
der politischen Eliten. Wie anders als über politische Parteien soll diese
Rekrutierungsfunktion für wichtige staatlich-politische Ämter vorgenommen
werden?
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