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aus: Offenbach-Post, 31. Oktober 2008 Streitkultur gehört zur Demokratie - Interview Kreis Offenbach (bp) Muss so viel erbitterter Streit in der Politik sein? Wir sprachen darüber mit Parteienforscher Prof. Dr. Gerd Langguth. Er lehrt an der Uni Bonn am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie und war von 1976 bis 1980 CDU-Bundestagsabgeordneter. Warum herrscht in der Politik so viel Streit? Geht es dabei tatsächlich immer um die Sache (wie den Wählern so oft versichert wird) oder sind unsere Politiker letztlich Egomanen und Machtmenschen, die nach oben wollen - egal wie? Die Verhältnisse im Kreis Offenbach kenne ich nicht im Einzelnen. Generell lässt sich aber sagen, dass eine vernünftige Streitkultur zur Demokratie gehört, auch wenn das die Parteien häufig zerstritten zeigt. Das haben die Wählerinnen und Wähler ungern. Natürlich geht es in vielen Fällen nicht nur um die Sache, häufig spielen Sympathien, Antipathien und Prestige eine Rolle. Für viele ist die Politik ein Mittel zum sozialen und übrigens auch finanziellen Aufstieg, die Politik wurde immer mehr zu einem normalen Beruf. Der Unterschied zu anderen Berufen besteht darin, dass Aufstieg und Abstieg des einzelnen Politikers in aller Öffentlichkeit stattfinden. Politiker müssen schon die Macht wollen, sonst sind sie zur Durchsetzung politischer Ziele ungeeignet. Ich kenne keinen Politiker, der nicht zumindest egomanische Züge hat. Aber das soll es ja in anderen Berufen auch geben! Was treibt Politiker dazu, das System, das sie durch ihr Engagement eigentlich stützen möchten, durch Dauer-Streit letztlich zu schwächen? Gerade auf kommunaler Ebene werden die politischen Entscheidungen sehr viel konkreter, sichtbarer wahrgenommen als etwa in der Bundespolitik; viele Bürger sind unmittelbarer betroffen. Außerdem lässt die ideologische Prägekraft der politischen Parteien nach, was sich gerade in der Kommunalpolitik auswirkt. Vielfach zeichnet sich auch eine Konkurrenzsituation zu den jeweiligen Amtsinhabern ab, was häufig nur Insider erkennen. Haben aber Politiker erst einmal die Macht, geben sie sie nicht mehr freiwillig her. Sie empfinden den möglichen Verlust eines öffentlichen politischen Amtes als einen anhaltenden stechenden Schmerz. Dem wollen sie vorbeugen. Man könnte beim Blick in den Kreis Offenbach den Eindruck gewinnen, als werde gerade kleineren Städten, in denen man sich kennt und die Politiker sehr nah dran sind an ihrem Wählervolk, besonders verbissen gestritten. Woran liegt das? Müsste man in solch engen Begegnungszusammenhängen Zank und Zwist nicht eigentlich viel eher vermeiden, weil man dem viel mehr ausgesetzt ist als in anonymeren Groß-Regionen? Je konkreter die Auswirkungen der politischen Entscheidungen sind, desto größer ist letztlich das Konfliktpotential. Der Bau einer Umgehungsstraße etwa ist nichts Virtuelles, sondern wirkt sich auf die individuelle Situation deutlich aus. Manchmal spielen auch langjährige Animositäten mit eine Rolle, man kennt sich ja besser. Der Prestige-Faktor, nicht nur beim jeweiligen Bürgermeister, auch bei den mit ihm streitenden Kommunalparlamentariern, wirkt sich unmittelbarer aus. Ist das Modell der Bürgermeisterdirektwahlen gescheitert? Begünstigt es Streit-Szenarien, wie sie sich derzeit in Rodgau, Mainhausen, Seligenstadt und Dietzenbach abspielen? Wäre es nicht besser, zum alten Wahlsystem - etwa zur Wahl durch Gemeindevertretungen und Stadtparlamente - zurückzukehren? Ich bin nachhaltiger Anhänger der Direktwahl eines Bürgermeisters. Das hatte sich beispielsweise in Baden-Württemberg, wo es eine lange diesbezügliche Tradition gibt, sehr bewährt. Es gibt dem Bürgermeister eine größere Unabhängigkeit gegenüber den Mitgliedern der Gemeindevertretungen bzw. Stadtparlamente. Denn es gibt auch in den kommunalen Parlamenten gelegentlich auch Konstellationen, insbesondere wenn es um Bebauungsfragen geht, die nicht immer völlig transparent sind. Da kann es sehr gut sein, wenn ein Bürgermeister nicht von den Kommunalparlamentariern abhängig ist. Denn er hat eine unmittelbare eigene Verantwortung für die Geschicke einer Kommune und kann sich nicht hinter irgendwelchen Fraktionen verstecken. | |||||||||||||||||||||||||||||