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aus: Nürnberger Zeitung, 1. April 2010
Helmut Kohl zum 80. Geburtstag: Der
Patriarch
Vollblutpolitiker,
Machtmensch, Einheitskanzler: Wer ist Helmut Kohl wirklich?
NZ: Herr Professor Langguth, die Debatte um den CDU-Ehrenvorsitz für Helmut
Kohl ist neu entbrannt. Hätte er ihn verdient?
Gerd Langguth: Er hatte ihn schon einmal verdient, als er bis Anfang 2000
Ehrenvorsitzender war. Im Zusammenhang mit dem Spendenskandal hat er
freiwillig-gezwungen seinen Ehrenvorsitz niedergelegt. Er hat sich für die CDU
auf jeden Fall verdient gemacht, auch für Deutschland, die Deutsche Einheit und
den Euro. Der Spendenskandal hat sein Lebenswerk jedoch verdüstert – und dafür
ist er selbst verantwortlich.
NZ: Kanzlerin Angela Merkel lehnt den Ehrenvorsitz für Kohl kategorisch ab.
Wird sie noch einmal umschwenken?
Langguth: Ich rechne nicht damit, dass sie sich dazu breitschlagen lässt,
auch wenn er jetzt alters- und gesundheitsbedingt kaum noch eine aktive Rolle
spielt. Jeder Ehrenvorsitzende hat Sitz und Stimme in allen wichtigen Gremien
der Union. Für Merkel ist es wichtig: Sie will ihn nicht noch einmal in den
Olymp der Union heben, weil sie dann von dem Spendenskandal wieder eingeholt
würde.
NZ: Wie ist das generelle Verhältnis zwischen Helmut Kohl und Angela Merkel?
Langguth: Es ist ein rein formales Verhältnis. Die Bundes-CDU hat zwar jetzt
eine Unterschriftenaktion initiiert, um Helmut Kohl zu gratulieren. Merkel
verhindert aber Kohls Rückkehr zum Ehrenvorsitz. Beide sind Antipoden: Kohl ist
der barocke, katholische Pfälzer, Merkel die nüchterne, protestantisch
ostdeutsche Physikerin. Sie haben nur eine rein geschäftsmäßige Beziehung.
NZ: Wie beliebt ist Kohl heute noch?
Langguth: Seine Kanzlerzeit ist im Gefühl vieler Menschen erstaunlich weit
weg. Aber es gibt derzeit eine leichte Kohl-Renaissance innerhalb der eigenen
Partei, aber auch in der Bevölkerung. Die Kohl-Zeiten waren alles in allem nicht
die schlechtesten. Kohl hat die Deutsche Einheit klug begleitet und
vorangetrieben, er war als Ehrenbürger Europas einer der Motoren der
europäischen Integration und hat weltweit Deutschland gut vertreten. Das muss
man neidlos anerkennen.
NZ: Dennoch haben sich bei niemandem die Geister so sehr geschieden wie an
Helmut Kohl.
Langguth: Kohl hat polarisiert; er war ein stark ideologisch geprägter
Kanzler. Zudem war er das Gespött vieler Intellektueller, die sich teilweise
arrogant über ihn erhoben haben. Das war ihm vielleicht sogar zu Nutzen, kam er
doch damit den Normalbürgern relativ nahe. Je mehr Witze über Kohl gemacht
wurden, umso größer war die Solidarisierung mit ihm. Interessant ist dabei: Über
Angela Merkel gibt es so gut wie keine Witze, über Helmut Kohl gab es ungeheuer
viele.
NZ: Wenn Sie eine Kohl-Renaissance feststellen – sehen Sie dann auch einen
Politiker, der momentan Kohls Format hat oder hätte?
Langguth: Jeder Politiker ist einzig. Kohl war ein Kind seiner Zeit. Mit
seinem Auftreten und seinem seltsam altmodischen Stil würde er gar nicht mehr in
die heutige Zeit passen. Allerdings war er in anderer Hinsicht sehr modern: Er
pflegte damals schon viele Männerfreundschaften, etwa zu Bush sen. und
Gorbatschow, was der Einheit zugute kam. Kohl konnte mit seiner menschlichen
Wärme viele seiner Kollegen umarmen. Und innerhalb seiner Partei hatte er viele
Unterstützer. Heute würde man diese Fähigkeit als »Networking« bezeichnen.
NZ: So nett Kohl zu den einen war, so hart war er anderen gegenüber.
Langguth: Jeder Machtmensch, wie Merkel auch, kann ausgesprochen hart sein,
wenn es um Machterhalt und wenn es ihm selbst ans Leder geht. Das ist ein
überparteiliches Phänomen.
NZ: Helmut Kohl ist für seine Schikanen aber besonders bekannt.
Langguth: Er konnte sehr schroff werden, das stimmt. Man muss aber sehen,
dass er sehr lange im Amt war. 16 Jahre sind eine vielleicht zu lange Zeit, weil
dann der Elitenaustausch auch in der eigenen Partei nicht mehr funktionieren
konnte. Er war ja nicht nur 16 Jahre Kanzler, sondern auch 25 Jahre
Parteivorsitzender. Je länger er im Amt war, desto beratungsresistenter wurde
er.
NZ: Selbst Kronprinz Wolfgang Schäuble hat er nicht zum Nachfolger gekürt.
Langguth: Es gibt kaum einen Politiker, der freiwillig die Segel streicht.
Die meisten möchten noch länger im Amt bleiben. Kohl wollte wahrscheinlich sogar
in seinem historischen Denken Kanzler der Jahrtausendwende werden. Deshalb ist
er 1998 erneut angetreten. Er hatte genügend »Hofschranzen« um sich, die ihm
erklärten, nur er könne im Gegensatz zu Schäuble die Wahl gewinnen.
NZ: Wie groß war Kohls Beitrag an der Deutschen Einheit wirklich?
Langguth: Er hat sie klug gestaltet, wie sein berühmter Zehn-Punkte-Plan
zeigte, er war aber nicht der einzige. Die Hauptverursacher waren die
Bürgerrechtler in der ehemaligen DDR. Ohne sie wäre das kommunistische System
nicht so schnell zusammengebrochen. Mehr noch als bei der Einheit, agierte Kohl
als Vater des Euro: Ohne ihn hätte es die europäische Währung nicht gegeben.
NZ: Das waren die Erfolge. Wo sind die größten Misserfolge?
Langguth: Außenpolitisch hat er alles in allem eine gute Figur gemacht.
Innenpolitisch kündigte er die geistig-politische Wende an. Die sehe ich nicht.
NZ: Was ist dran an den Gerüchten, dass er das Parlieren von Ehefrau und
Fremdsprachenkorrespondentin Hannelore und den Staatsmännern eher mit Argwohn
beobachtet hat?
Langguth: Kohl war weder des Englischen noch des Französischen mächtig.
Daher hatte er zu allen Politikern einen guten Zugang, die Deutsch gesprochen
haben. Seine Frau hatte den natürlichen Vorteil der Internationalität, was ihm
sprachlich abging.
NZ: Politisch war Kohl der Patriarch schlechthin. Gilt das auch für den
Ehemann und Familienvater Kohl?
Langguth: Ja, auf jeden Fall. Kohl hat alles bestimmt, das gesamte
Privatleben. Es schien so, als wäre er mit der Partei und der Politik
verheiratet.
NZ: Führte das auch zu Kohls eher ambivalenter Beziehung zu seinen Söhnen,
die nicht bei der zweiten Hochzeit waren?
Langguth: Die Söhne waren zu der zweiten Hochzeit nicht eingeladen. Darüber
waren sie sichtbar verstört. Die Söhne sind sicherlich traurig, dass sie nicht
mehr ganz den Zugang zu ihrem Vater haben.
NZ: Wird Kohl Rita Süssmuth und Kurt Biedenkopf irgendwann wieder die Hand
reichen?
Langguth: Das glaube ich nicht. Kohl hat ein langes Gedächtnis. Es wird zu
keiner Aussöhnung mit seinen ehemaligen innerparteilichen Gegnern kommen.
NZ: Wie wird Kohl in die Geschichte eingehen?
Langguth: Der Parteispendenskandal wird, je länger er zurückliegt, zu einer
Fußnote werden. Kohl wird dann vor allem als Kanzler der Einheit in die Annalen
eingehen.
NZ: Gab es das Ehrenwort?
Langguth: Ich schließe nichts aus, aber ich kann es auch nicht bestätigen.
Fragen: Sharon Chaffin und Markus Paul
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