|
|
Nordwest Zeitung, Oldenburg (NWZ), 15. Januar 2010„Höhepunkt in der Karriere Kohls“Kanzler Der Einheit Bundestag wählte am 17. Januar 1991 den ersten gesamtdeutschen RegierungschefDer CDU-Vorsitzende verpasste in der
nachfolgenden Zeit einen rechtzeitigen Rückzug aus der Politik. Das sagte
Gerd Langguth (64), Politik-Professor der Uni Bonn. FRAGE: Herr Langguth, am 17. Januar 1991
wählte der Bundestag nach der Wiedervereinigung den ersten gesamtdeutschen
Kanzler – der Höhepunkt in der politischen Karriere Helmut Kohls? LANGGUTH: Ja, ganz eindeutig. Seitdem ist
Helmut Kohl der Kanzler der Deutschen Einheit. Der spätere „Ehrenbürger“
Europas hegte gewiss stets auch den europäischen Gedanken. Aber die
war Kohls Höhepunkt – und sie hat ihn zugleich gerettet.
Die Landtagswahlen zuvor waren für die Union schlecht gelaufen. Aber mit
der Einheit konnte die Regierung noch einmal ihre ganze Kraft zeigen. LANGGUTH: Dahinter steckte die Enttäuschung,
dass die schnelle Integration nicht erfüllt werden konnte. Es war ein
Grundfehler Kohls, dass er nicht frühzeitig auf die Härten hinwies, die
auf die Deutschen zukommen würden bei der Finanzierung der maroden neuen
Bundesländer. Das Versprechen der „blühenden Landschaften“ ist inzwischen
weitgehend eingelöst worden, aber damals herrschte großer Frust, dass die
Politik nicht alle Probleme blitzschnell lösen konnte. LANGGUTH: Ja. Helmut Kohl hat sein Ansehen
mit der Spendenaffäre schwer beschädigt. Und er hat den Abschied aus der
Politik zu spät gewählt. Er hat mit der verlorenen Bundestagswahl das Jahr
1998 zu seinem
werden lassen und nicht wie Genscher erkannt, wie
wichtig es ist, rechtzeitig von der Politik loszulassen. LANGGUTH: Nein. Ich denke, dass es Politik
des Nobelpreis-Komitees ist, nicht nach Taten von gestern Ausschau zu
halten, sondern zu sehen, welche Signale man für die Zukunft setzen kann –
siehe die Nobelpreise für Barack Obama oder jüngst an einen chinesischen
Dissidenten. LANGGUTH: Zahlreiche, auch wissenschaftliche
Werke bescheinigen Helmut Kohl eine hohe Regierungskunst im Zuge der
Deutschen Einheit. Aber er selber fühlt sich nicht gerecht behandelt,
insbesondere nicht von seiner eigenen Partei und von der
. Diese versucht, mit ihrer Zustimmung zu
einer Kohl-Briefmarke etwas davon auszugleichen, um den Altkonservativen
in der CDU entgegenzukommen. LANGGUTH: Immer, wenn sich jemand von ihm
abwandte, beklagte Kohl Undankbarkeit. Dass auch seine Macht nur geliehen
war, hat er ignoriert. LANGGUTH: Alle Befürchtungen, dass – auch mit dem Umzug nach Berlin – sich bald ein neues imperiales Deutschland zeigen würde, sind verflogen. Selbst ein als hart empfundenes Auftreten Merkels im Zuge der ändert daran nichts. Niemand in Europa erhebt den Vorwurf, Deutschland zeige wieder seine politischen Muskeln. Deutschland hat sich als friedliebender Partner erwiesen. Und man sieht eine ungebrochene Anziehungskraft Berlins auf Touristen aus allen Ländern der Welt. Alles das bringt große Sympathiewerte für Deutschland. FRAGE: Auch über
haben Sie ein Buch geschrieben. Wie nehmen Sie Merkel wahr –
als ostdeutsche, gesamtdeutsche oder westdeutsche Kanzlerin? LANGGUTH: Also, ostdeutsch agiert sie nicht. Das wird Merkel ja auch übel genommen, da sie aus Sicht vieler Ostdeutscher zu schnell zu einer Westdeutschen mutiert ist. Ich halte sie für eine gesamtdeutsche Kanzlerin, die aber sehr stark die Werte und Vorstellungen des Westens übernommen hat.
| |||||||||||||||||||||||||||||