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aus: Neue Westfälische Bielefelder Tageblatt (MW), Dienstag 9. September 2008 "Steinmeier hätte auch Vorsitzender werden sollen" INTERVIEW: Der Bonner Politologe Gerd Langguth zur Lage der SPD Herr Langguth, war es ein Befreiungsschlag der SPD, oder rutscht die Partei jetzt noch weiter in die Krise? GERD LANGGUTH: Noch sehe ich keinen Befreiungsschlag. Beck war nicht in der Lage, die notwendige Autorität in der Partei zu erwerben. Und fraglich ist , ob die neue Führung diese Autorität wirklich haben wird. Mit Steinmeier und Müntefering kehren die alten Schröderianer zurück, und ich bin überzeugt, dass der linke Flügel der Partei das nicht reaktionslos hinnehmen kann. Also sind neue Flügelkämpfe zu erwarten? LANGGUTH: Einerseits muss der linke Flügel solidarisch sein, aber er wird nicht lockerlassen, seine Position kundzutun. Wird sich die unter Beck eingeschlagene Strategie der SPD jetzt ändern? LANGGUTH: Sie muss sich ändern, obwohl es weiterhin notwendig ist, dass die SPD sowohl den linken Flügel der Partei als auch der Gesellschaft weiter anspricht, wenn sie als Partei überleben möchte. Gerade in der Beck-Ära war die SPD nicht in der Lage, sich zu entscheiden, ob sie Regierungs- oder Oppositionspartei war. Dieser unklare Kurs ist ein Grund, warum sie von den Erfolgen der jetzigen Bundesregierung nicht profitiert. Durch Müntefering erwarte ich mehr Unterstützung für die Idee der großen Koalition. Könnte eine Tolerierung der SPD durch die Linkspartei in Hessen zu einer neuen Krise führen? LANGGUTH: Hessen ist der Lackmustest für die Partei, denn der Wähler macht keinen Unterschied zwischen einer Bundes- und einer Landes-SPD. Sollte die SPD erstmals in Westdeutschland mit der Linkspartei zusammenarbeiten, wird sie schwer glaubhaft machen können, dass sie das auf Bundesebene nicht auch macht. Sollte Müntefering also den Machtwillen von Frau Ypsilanti nicht bremsen können, wird sich das negativ auf die bundespolitischen Ambitionen der SPD auswirken. War es ein Fehler, dass Steinmeier nicht auch Parteivorsitzender geworden ist? LANGGUTH: Steinmeier hätte in dieser konfusen Situation, so wie es vermutlich Gerhard Schröder getan hätte, verlangen müssen, dass er auch Parteivorsitzender wird. Denn es ist immer schwierig, wenn zwei Spitzenleute miteinander in dieser Form kooperieren müssen. Was können Steinmeier und Müntefering dennoch bei der Bundestagswahl erreichen? LANGGUTH: Wähler sind immer schwerer kalkulierbar, aber beide werden große Schwierigkeiten haben, Siegesgewissheit auszustrahlen, denn normalerweise wollen Wähler nicht innerhalb kurzer Zeit schon wieder einen neuen Kanzler haben. Dazu kommt, dass Steinmeier nie ein Wahlkämpfer war. Er muss in eine für ihn völlig neue Rolle schlüpfen. Freut sich die CDU ob des Chaos in der SPD? LANGGUTH: Nur weil es der einen Volkspartei schlecht geht, hat die andere nicht automatisch einen Vorteil. Trotz der Lage in der SPD ging die Zustimmung für die CDU nicht sichtbar in die Höhe. Ob es zu einer schwarz-gelben Koalition reichen wird, ist heute höchst fraglich. Mit dem Bonner Parteienforscher Gerd Langguth sprach Redaktionsmitglied Thomas Schöneich. | |||||||||||||||||||||||||||||