Neue Presse, Hannover, 25. Mai 2009
Langguth: "Er ist zum Politiker mutiert"
Horst Köhler könnte der "Krisenpräsident" der Deutschen
werden, meint Gerd Langguth, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn
und Biograf von Horst Köhler.
Von Rasmus Buchsteiner
Frage: Horst Köhler ist als Bundespräsident
wiedergewählt worden. Wird er in seiner zweiten Amtszeit Grundlegendes anders
machen?
Antwort: Ich erwarte nicht viel Neues von
ihm. Er hat sich erneut für eine Direktwahl des Bundespräsidenten durch das
Volk ausgesprochen. Das halte ich, freundlich formuliert, für eine populäre,
aber nicht zielführende Überlegung. Sie wird auch keine Zwei-Drittel-Mehrheit
finden. Seine Forderung stellt die gesamte Konstruktion des Grundgesetzes in
Frage: Ein direkt gewählter Bundespräsident hätte schließlich eine viel höhere
Legitimation als der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin, die im Bundestag
indirekt, also nicht direkt durch das Volk gewählt werden.
Frage: Wo könnte Köhler denn neue Akzente
setzen?
Antwort: Niemand in Deutschland ist ein so
anerkannter Experte auf dem Gebiet der internationalen Finanzmärkte wie er.
Diese Chance sollte Horst Köhler nutzen. Als „Krisenpräsident“ könnte er den
Deutschen jetzt Orientierung geben, indem er genau aufzeigt, wie die aktuellen
Schwierigkeiten überwunden werden können. Das halte ich für wichtiger als eine
Debatte über eine Direktwahl des Bundespräsidenten.
Frage: Was zeichnet Horst Köhlers Amtsführung
aus?
Antwort: Er will, wie alle seine Vorgänger,
ein Bürgerpräsident sein. Darauf legt er größten Wert. Aber im Gegensatz zu
seinen Vorgängern ist er immer noch so etwas wie ein Außenstehender des
politischen Betriebs. Das macht ihn unsicher. Köhler ist kein klassischer
Berufspolitiker. Das macht ihn aber in der Bevölkerung beliebt. Zwischen ihm
und der politischen Klasse gibt es immer noch so etwas wie eine unsichtbare
Wand. Erst die Konkurrenz mit Gesine Schwan hat ihn in den letzten Wochen zum
Politiker mutieren lassen. Er hat taktiert, und musste dabei feststellen, wie
schwierig es ist, eine Mehrheit für sich zustande zu bekommen.
Frage: Bedeutet die Wiederwahl Köhlers
Rückenwind für Schwarz-Gelb bei der Bundestagswahl?
Antwort: Dass Angela Merkel, Horst Seehofer
und Guido Westerwelle gleich nach der Bundesversammlung gemeinsam vor die
Kameras getreten sind, diese Dreier-Show war ein vielleicht verständliches,
aber doch zugleich auch ein schwieriges Signal: Triumphgesten, unser höchstes
Staatsamt partei- und koalitionspolitisch zu vereinnahmen, kommen bei den
Bürgern nicht an. Im Übrigen: Auch für die unterlegene SPD hat das Ergebnis
etwas Gutes: Die Debatte über ihren Umgang mit der Linkspartei wird nach der
Niederlage von Gesine Schwan erst einmal verstummen, auch wenn sie bei den
Landtagswahlen im August in Thüringen, Sachsen und im Saarland wieder
hochkommen wird.
Frage: Wie beurteilen Sie den Wahlkampf um
Schloss Bellevue?
Antwort: Die Konkurrenz zwischen Köhler und
Schwan war durchaus fair und einer Demokratie angemessen. Offiziell wurde das
zwar nicht Wahlkampf genannt, aber beide haben versucht, sich zu profilieren.
Gesine Schwan hat ihn mit intelligenten Argumenten herausgefordert. Die Väter
und Mütter des Grundgesetzes wollten einen direkten Wahlkampf um das höchste
Staatsamt verhindern, um die Repräsentationsfunktion für alle Deutschen nicht
zu gefährden. Politische Auseinandersetzungen darüber, wer der beste Kandidat
ist, hat es aber immer gegeben.