Neue Osnabrücker Zeitung, 22. November 2010
„Grüne sind Partei der Besserverdiener und
Bessergebildeten"
Osnabrück. Die Grünen sind nach Ansicht des Bonner
Politikwissenschaftlers Gerd Langguth zu einer Partei der Besserverdienenden und
Bessergebildeten geworden.
In einem Gespräch mit unserer Zeitung sagte Langguth: „Die
Grünen sind eine stark neo-bürgerliche Partei. Sie profitieren vor allem von der
Schwäche der Regierung und der SPD.“ Der Erfolg der Grünen werfe aber die Frage
nach einer Personalerneuerung auf: „Die zweite Reihe der Grünen ist nicht
bekannt, nicht bei den Wählern und nicht in der Partei“, sagte der Politologe.
„Vielleicht kommen Leute wie Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen,
infrage. Oder der Hesse Tarek Al-Wazir. Die haben sich aber bisher gegen die
Bundespolitik ausgesprochen.“
Die Grünen wollten zwar regieren, aber die politische
Realität würde auch sie einholen wie seinerzeit Jürgen Trittin, der als
Umweltminister den Castor-Transport genehmigen musste. Beim Umbau des
Stuttgarter Bahnhofs wären auch sie an Verträge gebunden, erklärte Langguth.
„Der aktuelle Erfolg bei den Umfragen ist dem Umstand
geschuldet, dass die Partei trotz einiger Landeskoalitionen nirgendwo sichtbar
in der Verantwortung ist“, sagte der Politikwissenschaftler. „Sie hat keinen
bundesweiten Einfluss. Die anderen Parteien setzten sich zu wenig inhaltlich mit
den Grünen auseinander.“ Dabei gebe es auch innerhalb der Partei
Konfliktpotenzial, zum Beispiel zwischen Realos und dem linken Flügel: „Harmonie
ist derzeit das Wichtigste bei den Grünen. Ein Streit würde ihnen sofort negativ
ausgelegt und auf die Umfragen drücken.“
Die Ablehnung der Münchner Olympia-Bewerbung durch den
Parteitag interpretierte Langguth als indirekte Abstrafung für die Grünen-Chefin
Claudia Roth. „Jeder Parteitag hat auch eine Ventilfunktion – das war so ein
Moment: die Entscheidung gegen die Olympia-Bewerbung und auch ihr persönliches
Wahlergebnis. Das war schlechter als bei der letzten Wahl.“ Im Übrigen zeige
diese Entscheidung, dass sich die Grünen mit allen Großvorhaben schwertäten.
cwo Osnabrück
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