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Aus: Münchner Merkur, Interview, 3. August 2011

 

ERWIN TEUFELS „MANIFEST“ WÜHLT DIE CDU AUF

Angriff von innen

 

Bonn - In der CDU rumort es. Nachdem der frühere Baden-Württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel das Erscheinungsbild der Union scharf kritisiert hat, erhebt sich jetzt ein Chor der Zustimmung. Teufel ist kein Einzelfall. Auch schon zuvor äußerten prominente Unionspolitiker ihr Unbehagen über die neue Merkel-CDU. Wir fragten den Bonner Politikwissenschaftler und Merkel-Biografen Gerd Langguth:

 

Hat Erwin Teufel Recht, wenn der seiner Partei Profillosigkeit vorwirft?

 

Die Angriffe von Teufel sind ernstzunehmen. Nicht nur weil er einer Stimmung der Parteibasis Ausdruck verleiht, sondern weil sich generell die Frage stellt: Wo steht die Union? Wo grenzt sie sich von anderen Parteien ab? Das ist vielen Wählern heute nicht mehr klar.

 

Wieso hat eine Kritik von Veteranen eine so starke Durchschlagskraft?

 

Vielleicht liegt das am sogenannten Sommerloch. Vielleicht aber auch am Zeitpunkt nach den Baden-Württembergischen Landtagswahlen, die ja viele in der Union verstört haben.

 

Vielleicht trifft Erwin Teufel auch die Partei-Seele?

 

Sicher. Viele Parteimitglieder fühlen sich in der jetzigen CDU nicht mehr wohl.

 

Euro-Krise, Atomausstieg, Frauenquote – muss die CDU nicht zu neuen Ufern aufbrechen?

 

Die Union war immer schon eine pragmatische Partei. auch in den Zeiten der Adenauer-Regierung. Es muss ihre Aufgabe sein, sich an der Gegenwart zu orientieren. Insofern sind manche der angesprochenen Änderungen auch notwendig gewesen.

 

Und welche war überflüssig?

 

Also, vielleicht der schnelle Atomausstieg, der schwer zu handhaben sein wird... Aber ansonsten halte ich die meisten Veränderungen, die unter Merkel entstanden sind, für folgerichtig.

 

Bundeskanzler Helmut Kohl stand für deutsche Einheit und Europa, Gerhard Schröder für seine Agenda 2010. Wofür steht Angela Merkel?

 

Das wird man erst am Ende ihrer Amtszeit sagen können. Sie ist eine pragmatische Problemlöserin. Vielleicht wird sie einmal mit dem Atomausstieg identifiziert werden.

 

Passt konservativ und modern überhaupt zusammen? In welche Richtung müsste sich die CDU denn bewegen?

 

Konservativ und modern müssen keine Gegensätze sein. Franz Josef Strauß hat immer gesagt, konservativ zu sein heiße an der Spitze des Fortschritts zu stehen.

Wenn die CDU nur eine rein konservative Partei wäre, dann wäre sie im 30-Prozent-Turm gefangen. Die Union ist aber nicht nur eine konservative, sondern auch eine christlich-soziale und liberale Partei. Und nur das macht eine solche Volkspartei aus. Teufel hat übrigens auch Recht, wenn er sagt, die CDU müsse wieder die Partei der Kleinen Leute werden.

 

Wie sehr schadet Merkel diese Kritikwelle? Sollte sie darauf reagieren?

 

Angela Merkel wird öffentlich auf dieses Manifest von Teufel – so will ich es einmal nennen – nicht reagieren. Damit würde sie nur Nachahmer, die sich ähnlich äußern, befeuern. Aber es wird vom Generalsekretär und auch von der Parteivorsitzenden schon sehr aufmerksam verfolgt, was sich in diesen Debatten tut.

 

Roland Koch ist weg, Friedrich Merz ist weg – fehlen der CDU die markanten Köpfe?

 

Ja, aber die fehlen in allen Parteien. Es war ein Grund der Erfolgsgeschichte der Union, dass sie in den 50er- und 60er-Jahren zahlreiche Einzelpersönlichkeiten hatte. Zum Beispiel den Arbeiterführer Hans Katzer, den Sozialpolitiker Norbert Blüm, den Wirtschaftspolitiker Gerhard Stoltenberg oder den evangelischen Theologen Eugen Gerstenmaier. Das waren alles sehr interessante Köpfe, die auch eine Integration von großen Teilen der Bevölkerung in die CDU möglich gemacht haben.

 

Welche Rolle spielt das C im Namen der Partei in der heutigen Wahrnehmung, insbesondere im Osten?

 

Das C spielt bei vielen Parteimitgliedern immer noch eine große Rolle. Würde es weggenommen, gäbe das eine Revolution in der CDU. Aber wir leben auch in einer immer mehr säkularisierten Zeit. Im Osten hat nur noch ein Drittel der Menschen eine kirchliche Bindung. Das wirkt sich auch auf die Wahl der CDU als einer christlich definierten Partei aus.

 

Das Gespräch führte Monika Reuter