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Aus: Münchener Merkur, Interview, 9./10. Juli 2011

„Merkel muss endlich führen“

 

Über den Popularitätsverlust der Kanzlerin sprachen wir mit Gerd Langguth. Der Bonner Politikprofessor hat eine Biographie über Angela Merkel geschrieben und war einst selbst Bundestagsabgeordneter und Mitglied des CDUBundesvorstands.

Angela Merkel hat ihren Amtsbonus verloren: Im Fall einer Direktwahl des Kanzlers würde die CDU-Chefin laut ARDDeutschlandtrend gegen ihre möglichen SPD-Herausforderer Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier verlieren. Wie ist das zu erklären?

Das ist die ganz normale Entwicklung, die Kanzler in Deutschland durchlaufen. Helmut Kohl beispielsweise hatte lange Zeit sogar viel schlechtere Werte als seine eigene Partei – und wurde doch mehrfach wieder Regierungschef. Merkels Lage ist nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick aussieht.

Bislang lag die Kanzlerin in Umfragen aber stets besser als ihre Partei. Haben die Leute jetzt genug von ihr als Person?

Nein, sie wird nur einfach nicht mehr so unabhängig von der Union wahrgenommen wie bisher. Lange Zeit hat Frau Merkel eine über den Parteien stehende Rolle gespielt, das hat sich sehr positiv auf ihre Umfragewerte ausgewirkt. Diesen Vorteil hat sie durch umstrittene Entscheidungen, beispielsweise im Zuge des Atomausstiegs, verspielt.

Die schnelle Energiewende war für Schwarz-Gelb also gar nicht der erhoffte Befreiungsschlag?

Ich denke, dass der Atomausstieg mittlerweile sehr viel stärker umstritten ist, als er es noch vor kurzem war. Inzwischen machen sich viele Leute Gedanken über die Risiken und fragen sich beispielsweise, ob in harten Wintern auch wirklich genügend Energie zur Verfügung stehen wird.

Schwächt der Popularitätsverlust Merkels Stellung in der Union?

Nicht wirklich. Sie hat nach wie vor eine starke Stellung in der Union, weil es ganz einfach niemanden gibt, der ihr gefährlich werden könnte.

Auch nicht Umweltminister Norbert Röttgen – als Wegbereiter für die erste schwarz-grüne Koalition im Bund?

Nein. Dafür ist Röttgen in der eigenen Partei noch viel zu sehr umstritten.

Sie gehen also fest davon aus, dass Angela Merkel bei der Bundestagswahl 2013 noch einmal die Spitzenkandidatin der Union sein wird?

Ich gehe davon aus, dass sie noch einmal antritt, und dass sich die Reihen der Union dann auch fest um sie schließen. Man darf nicht vergessen, dass Angela Merkel eine starke Wahlkämpferin ist. Die Union weiß, dass ihr da niemand das Wasser reichen kann.

Was müsste die Kanzlerin tun, um ihre persönlichen Umfragewerte wieder zu verbessern?

Ihr Problem ist, dass viele Menschen nicht wissen, wo sie inhaltlich steht. Da muss sie dringend an sich arbeiten.  

Das heißt, sie muss ihre abwartende, aussitzende Art aufgeben und die Regierung energischer führen?

Sie muss nicht nur stärker führen. Sie muss auch endlich klarmachen, was sie selbst eigentlich will.

Sie sagten vorhin, Helmut Kohl hatte oft miserable Umfragewerte. Musste auch Gerhard Schröder mal so einen Absturz erleben?

Ja, auch Schröder hatte teilweise sehr schlechte Popularitätswerte. Das gehört für einen Regierungschef einfach dazu. Der Kanzler oder die Kanzlerin ist in der Regel die umstrittenste Person der deutschen Politik. An ihm oder ihr machen die  Menschen fest, ob sie mit der Bundesregierung einverstanden sind oder nicht.

Peer Steinbrück schneidet in Umfragen als Merkel-Herausforderer deutlichbesser ab als SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Wäre er tatsächlich der gefährlichere Gegner?

Steinbrück ist ganz eindeutig der gefährlichere. Er hat als Finanzpolitiker nach wie vor einen ausgezeichneten Ruf. Und das ist – wegen der Sorge um den Euro – eben das Thema, das die Bundesbürger zur Zeit besonders umtreibt.

Das Gespräch führte Andreas Zimniok