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Aus: Münchner Merkur, 2. März 2008
„Merkel ist einsam, aber stark“
Der Politikwissenschaftler Prof. Gerd Langguth über die Kanzlerin in der Krise. Je länger die Wirtschaftskrise andauert, desto stärker wird der Druck auf die Kanzlerin. In ihrer eigenen Partei rumort es. Entgleitet CDU-Chefin Angela Merkel die Führung? Fragen an den Merkel-Biografen Gerd Langguth (62), Politikprofessor an der Universität Bonn. Welche Partei hat stärker unter den Folgen der Wirtschaftskrise zu leiden – SPD oder Union? Prof. Gerd Langguth: Eindeutig die Sozialdemokraten, denn in Krisenzeiten steht die Kanzlerin im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Zudem zeigen die Umfragen, dass CDU und CSU letztlich doch noch mehr Wirtschaftskompetenz beigemessen wird als der SPD. Aber immer mehr enttäuschte Unionswähler wandern zur FDP ab. In Umfragen erreichen die Liberalen bis zu 18 Prozent. Kann die Union diese Stimmen bis zur Bundestagswahl zurückholen? Langguth: CDU und CSU werden bis zur Wahl im Herbst sicherlich einen Teil der enttäuschten Wähler zurückholen. Denn der überwiegende Teil der abtrünnigen Unions-Sympathisanten will grundsätzlich eine schwarz-gelbe Regierung. Anders ist der bemerkenswerte Zuwachs für die FDP nicht zu erklären. Manche Wechsler zur FDP sind taktische Wähler: Sie wollen, dass die Union den Kanzler stellt – mit der FDP. Eine Fortsetzung der Großen Koalition wäre für sie ein Graus. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat eherne Prinzipien auf den Kopf gestellt. Selbst aus der Union kommt der Ruf nach Verstaatlichung und Enteignung angeschlagener Firmen, um Arbeitsplätze zu retten. Viele Mitglieder von CDU und CSU verstehen die Welt nicht mehr. Langguth: Das stimmt. CDU und CSU sind mittelständisch geprägte Parteien – und unter den Mitgliedern gibt es erheblichen Unmut, weil der Union ein klarer wirtschaftspolitischer Kurs fehlt. Auch die schnellen Kurswechsel von CDU-Chefin Merkel, wie zum Beispiel in der Frage von Konjunkturprogrammen oder der Steuerpolitik, sorgen für Missfallen. Die Nicht-Ideologin Merkel kann dann schnell Positionen wechseln, wenn sie zu neuen Einsichten gelangt. Auch sollte man zwischen Parteimitgliedern und Wählern unterscheiden: Die Wählerschaft der Union, die zum Großteil aus Arbeitnehmern besteht, ist durchaus staatsgläubig und will einen starken, schützenden Staat. Viele Menschen akzeptieren, dass sich Deutschland in einer Ausnahmesituation befindet, die außergewöhnliche Entscheidungen erfordert. Doch in der Union häufen sich die Austritte. Diese Woche hat Ex-Ministerpräsident Werner Münch die CDU verlassen und Merkel in einem wütenden Brief „Profillosigkeit“ und „Lavieren in wichtigen Fragen“ vorgeworfen. Eine Einzelmeinung? Langguth: Nein, sicher nicht. Bei der Münch-Erklärung handelt es sich aber um den traurigen Versuch eines gescheiterten Politikers, noch ein letztes Mal Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aber die SPD hat genau das gleiche Problem: Parteien, die in einer Großen Koalition gebunden sind, verlieren eben stärker ihre eigenen Konturen. Die Wähler wiederum sehen das nicht so dramatisch – im Gegenteil: Eine christdemokratische Kanzlerin, die für Reformen steht, aber unter dem Druck der SPD soziale Wohltaten garantieren muss – diese Mischung ist bei vielen in der Bevölkerung durchaus populär. Die CDU-Ministerpräsidenten arbeiten auf eigene Rechnung, die Bundestagsfraktion ist frustriert. Die Krisenkanzlerin Merkel wirkt ziemlich einsam. Täuscht der Eindruck? Langguth: Nein. Merkel mag einsam sein – das ist übrigens jeder „Mächtige“ –, aber dennoch befindet sie sich in einer Position der Stärke. Die Unions-Ministerpräsidenten grummeln zwar, sind sich in vielen Fragen aber selbst nicht einig – und sie brauchen letztlich die Kanzlerin, um erfolgreich sein zu können. CSU-Chef Seehofer versucht sich mit gezielten Attacken auf Angela Merkel zu profilieren. Eine erfolgreiche Strategie? Langguth: Horst Seehofer hat offenbar Franz Josef Strauß als Lehrmeister entdeckt. Er versucht, der CSU wieder ein eigenes Profil und damit Stärke zu geben. Ich denke aber, dass er sich mit dieser Angriffsstrategie verrechnet. Interview: Holger Eichele
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