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Affäre um den Bundespräsidenten
«Er fällt, wenn er Nerven verliert»
VON Thomas Geisen,
03.01.12, 15:48h
Berlin/MZ. Der Publizist Gerd Langguth zur Affäre um
den Bundespräsidenten.
Herr Langguth, glauben Sie, dass Christian Wulff „seine ganze Kraft„, wie er es in seiner Weihnachtsansprache noch gesagt hat, bald wieder dem Amt des Bundespräsidenten widmen kann? Gerd Langguth: Nun, mit der ganzen Kraft, das ist natürlich so die Frage. Er ist in seiner Amtsführung schon stark behindert. Aber ich glaube, er kann hoffen, dass demnächst die Presseattacken gegen ihn nachlassen. Also sehen Sie den Bundespräsidenten als Opfer einer Kampagne? Langguth: Nüchtern betrachtet, muss man Folgendes sehen: Die Tatsache, dass jetzt das Telefonat mit der „Bild“-Zeitung veröffentlicht wird, das ja am 12. Dezember stattfand, deutet darauf hin, dass der Springer-Verlag mit der Veröffentlichung gewartet hat, bis sich die Angelegenheit wieder beruhigt. Aber das Krisenmanagement des Bundespräsidenten war doch, gelinde gesagt, unsouverän … Langguth: Natürlich war dieser Anruf von Wulff bei „Bild“-Chefredakteur Diekmann töricht, und ihn auch noch mit diesen Injurien zu verbinden. Aber Wulff hat sich ja dafür entschuldigt. Deshalb daraus eine „Gefährdung der Pressefreiheit“ zu konstruieren, das ist doch arg übertrieben. Auch angesichts der publizistischen Macht der „Bild“-Zeitung. Erlauben Sie etwas Pathos. Was die einen Kampagne nennen, nennt unser Berufsstand mit berechtigtem Stolz ja auch die Wächterfunktion der Presse. Es ist doch die Summe der Ungereimtheiten, die den Bundespräsidenten in die Bredouille bringt … Langguth: Wulff hat sich ungeschickt verhalten, sein Krisenmanagement war miserabel . Über jeden einzelnen Punkt kann man diskutieren, aber die Summe macht’s, da stimme ich Ihnen zu. Aber trotzdem reicht das nicht aus, den Rücktritt des Bundespräsidenten zu verlangen. Ist Wulff symptomatisch für einen Politikerbetrieb, den Richard von Weizsäcker als „machtversessen und machtvergessen“ kritisierte. Langguth: Ich weiß nicht, ob man Wulff jetzt mit diesem Weizsäcker-Zitat in Verbindung bringen kann. Ich habe generell den Eindruck, dass man heute weniger mitleidvoll mit Politikern umgeht als das früher der Fall war. Denken Sie an die Flugaffäre von Johannes Rau zu Beginn seiner Zeit als Bundespräsident. Das war mindestens so gravierend wie die aktuellen Vorwürfe an Wulff. Und trotzdem ist Rau noch ein geachteter Bundespräsident geworden. Wie stark schlägt die Affäre zurück auf Wulffs Förderin Angela Merkel? Sie hat zweimal im Volk beliebte Kandidaten – Schäuble und Gauck – verhindert. Ihr erster Mann, Horst Köhler ist zurückgetreten, Wulff wackelt …. Langguth: Aber die Kanzlerin wackelt nicht. Wenn sie Wulff fallen ließe, würde ihr das ja als Fehler ihrer Personalauswahl ausgelegt. Wulff fällt dann, wenn er jetzt angesichts der Presseveröffentlichungen die Nerven verliert. Aber selbst innerhalb der Union soll der Rückhalt bröckeln … Langguth: Auch wenn einzelne Unionspolitiker Unmut haben sollten – entscheidend ist die Haltung der Bundeskanzlerin. Ich glaube nicht, dass die Kanzlerin in der jetzigen Situation und angesichts der knappen Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten gerne auf Kandidatensuche gehen würde. Aber welche Botschaft, welche Vision kann Wulff denn noch glaubhaft im Volk verbreiten? Langguth: Wulff ist angeschlagen, das muss aber auf Dauer nicht so bleiben. Die Deutschen lieben ihre Präsidenten. Warten wir mal ab, ob Berlin ihm eine zweite Chance gibt. Würden Sie darauf wetten, dass er diese Chance bekommt? Langguth: Ja. Worum? Langguth: Um eine Flasche guten Rotwein. | |||||||||||||||||||||||||||||