|
|
Interview mit Lübecker Nachrichten, 24. Mai 2005 "CDU/CSU dürfen nicht so siegessicher sein" Lübecker Nachrichten: Haben Schröder und Müntefering die Union auf falschem Fuß erwischt? Gerd Langguth: Auf dem falschen Fuß nicht, aber sie wurde sehr überrascht. Jetzt werden CDU und CSU gezwungen, ganz schnell ein Wahlprogramm aufzustellen und die Kanzlerkandidatin zu wählen. LN: Sie erwarten also auch, dass Angela Merkel gegen Schröder antreten wird. Kann sie mit auch voller Unterstützung auch aus Bayern rechnen? Langguth: Ganz eindeutig. Für sie ist der überraschende Schritt der SPD klar ein Vorteil.Stoiber wird nicht gegen Angela Merkel antreten. Das hat er meiner Ansicht nach ganz deutlich gemacht. Sie kann aber auf Stoiber als Superminister für Wirtschaft und Finanzen setzen. LN: Unter den Wählern ist CDU-Ministerpräsident Christian Wulff offenbar populärer als Merkel. Wird er still halten? Langguth: Ja. Wulff ist klug genug zu wissen, dass er nicht zwei Jahre nach seiner der Wahl zum Regierungschef in Niedersachsen gleich nach der Kanzlerkandidatur greifen kann. Auch Roland Koch aus Hessen wird nicht gegen Merkel antreten. LN: Sehen Sie im Wahlprogramm der Union noch schwere Defizite? Langguth: Die Menschen wollen keine Programme, sondern Taten und wählen vor allem diejenige Parteiformation, die am ehesten Arbeitsplätze schafft und sichert. Sicherlich gibt es noch unterschiedliche Ansichten innerhalb der Union. Aber alle Erfahrung zeigt: Ist der Spitzenkandidat – beziehungsweise die Spitzenkandidatin – benannt, werden diese Unterschiede keine Rolle mehr spielen. LN: Dann können Lücken im Programm also egal sein? Langguth: Rüttgers wurde in Nordrhein-Westfalen gewählt, obwohl er längst nicht in allen Feldern ein detailliertes Gegenprogramm hatte. Aber man hatte ihm in zwei wahlentscheidenden Feldern der Landespolitik deutlich mehr zugetraut als Steinbrück, nämlich in der Arbeitsmarktpolitik und in der Bildungspolitik. Wäre es beim normalen Fahrplan geblieben und die Bundestagswahl würde im Herbst 2006 stattfinden, hätten Unstimmigkeiten in der Union noch aufbrechen können. Jetzt aber ist der Zwang zur Disziplin in der Union groß, da wird es keine Flügelkämpfe geben. LN: Das mit der Disziplin gilt doch auch für die SPD? Langguth: Aus meiner Sicht war die innerparteiliche Disziplinierung in der SPD für Schröder und Müntefering ein Hauptgrund, die vorgezogene Neuwahl anzustreben. Sie wollen damit Flügelkämpfe in ihrer Partei verhindern. Allerdings war der Zeitpunkt geschickt gewählt: Der Wahlkampf wird in die parlamentarische Sommerpause fallen, und da hat die Regierung mit ihrem Apparat medial einen deutlichen Punktvorteil gegenüber der Opposition. LN: Was könnte die Union dagegen setzen? Langguth: Die Kompetenz all der Unions-Ministerpräsidenten in den Ländern. Aber Rot-Grün hätte in der eher nachrichtenarmen Sommer- und Urlaubszeit eher einen Vorteil bei der Darstellung ihrer Politik. Die Union muss aber schon in den entscheidenden Punkten der Wirtschafts-, Sozial- und Steuerpolitik Farbe bekennen. LN: Halten Sie trotzdem einen Sieg der Union für sicher? Langguth: Ich bin mir nicht sicher, dass sich die Union da so sicher sein kann. Die SPD muss sich jetzt um den Kanzler scharen. Und Schröder war bisher immer dann besonders gut, wenn er mit dem Rücken zur wand stand. Interview: Rüdiger Wenzel | |||||||||||||||||||||||||||||