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Lübecker Nachrichten, 19. September 2005

„Die Wähler sehen die Lösung in einer großen Koalition“

Lübecker Nachrichten: Wie schlimm ist das schlechte Abschneiden der Union für Angela Merkel?

Gerd Langguth: Angela Merkel ist Gewinnerin und Verliererin zugleich. Gewinnerin, wenn die Union stärkste Partei ist. Verliererin ist sie in jedem Fall, weil jede Koalition, die jetzt möglich erscheint, schwächer sein wird als Schwarz-Gelb.

LN: Wird sie trotzdem Kanzlerin, auch wenn die Union nur knapp stärkste Partei ist?

Langguth: Dann hat Frau Merkel nach wie vor die Chance, Kanzlerin zu werden, auch wenn es in den nächsten Tagen eine Reihe nervöser Debatten geben wird. Vorausgesetzt natürlich, dass Gerhard Schröder bei seinem Versprechen bleibt, keine rot-rot-grüne Koalition zu bilden.

LN: Halten Sie Rot-Rot-Grün doch noch für möglich? Ist Schröders Ablehnung einer großen Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel in der „Elefanten-Runde“ im Fernsehen ein Hinweis auf rot-rot-grüne Ambitionen?

Langguth: Das ist schon möglich. Schröder müsste dann aber sein Versprechen brechen. Vielleicht wird jetzt auch bei der SPD diskutiert, eine Duldung ohne Regierungsbeteiligung durch die Linkspartei zu akzeptieren – vielleicht ohne Schröder. Wer weiß?

LN: Wenn Rot-Rot-Grün nicht zustande kommt – wird Merkel dann Kanzlerin einer großen Koalition?

Langguth: Auch eine Koalition der Union mit den Freien Demokraten und den Grünen wäre möglich. Dann aber nur mit den Grünen ohne Joschka Fischer. Der war und ist Symbolfigur für Rot-Grün. Die große Koalition halte ich allerdings für wahrscheinlicher.

LN: Falls die SPD nach der Nachwahl in Dresden letztendlich knapp vorn liegt – würde Merkel dann Vize-Kanzlerin in einer Großen Koalition unter Schröder?

Langguth: Das würde für Frau Merkel sehr schwer, dann muss sie sich warm anziehen. Aber wenn sie es werden will, dann könnte sie es werden.

LN: Liegt das schlechte Abscheiden der Union an Fehlern von Angela Merkel im Wahlkampf?

Langguth: Zunächst liegt es daran, dass viele Unions-Wähler ihre Zweitstimme der FDP geliehen haben, weil<TH>sie eine schwarz-gelbe Regierung wollten. Aber ich glaube auch, dass Frau Merkel Fehler gemacht hat: Die Ernennung von Paul Kirchhof zum Finanzexperten in ihrem Team hat zu Reaktionen in der Bevölkerung geführt, mit denen sie nicht gerechnet hatte. Dann noch die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 18 Prozent – es ist das erste Mal, dass eine Partei im Wahlkampf Steuererhöhungen angekündigt hat. Es zahlt sich offensichtlich nicht aus, den Wählern zu viele Veränderungen anzukündigen. Sie wollen zwar Reformen, aber nicht zu viel. Deshalb gibt es auch so viel Zustimmung für eine große Koalition: Das sehen die Wähler als die Lösung, die zwar Reformen bringt, aber eben nicht so radikal.

LN: Wie schlimm ist das Ergebnis für Angela Merkel als Spitzenfrau der Union?

Langguth: Sie ist angeschlagen, sie wird hart arbeiten müssen, ihre Position wieder zu festigen. Die innerparteilichen Zweifel an ihr haben wieder Nahrung gefunden. Die würden noch stärker, falls die Union tatsächlich nicht die stärkste Fraktion stellen sollte.

LN: Wer wird an ihrem Stuhl sägen?

Langguth: Die üblichen Verdächtigen. Aber niemand sollte Frau Merkels Willen und Kraft unterschätzen, sich zu behaupten. Das hat sie in ihrer bisherigen Karriere in der Union wiederholt gezeigt.