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Kölner Stadt Anzeiger, 16. Juni 2008

„Merkel nicht in Gefahr”

Der Politikwissenschaftler Gerd Langguth über das CDU-Profil nach dem Führungswechsel in Niedersachsen und dem NRW-Parteitag. Weder Jürgen Rüttgers noch Christian Wulff können Langguths Ansicht nach Bundeskanzlerin Merkel gefährlich werden.

 

Der Parteienforscher Gerd Langguth über das CDU-Profil nach Führungswechsel in Niedersachsen und dem NRW-Parteitag.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Professor Langguth, Jürgen Rüttgers kritisiert den Turbokapitalismus, Christian Wulff warnt vor einem Linksruck. Was ist der richtige Weg?

GERD LANGGUTH: Beide haben unterschiedliche Profile. Rüttgers betont stärker die soziale Seite der sozialen Marktwirtschaft. Er will beweisen, dass das Ende der 39-jährigen SPD-Herrschaft in NRW kein Versehen war. Deswegen gibt er den „Arbeiterführer“. Wulff ist der anschmiegsamere Typ. Obwohl er kein Theoretiker ist, zeigt er sich jetzt als Ordnungspolitiker. Aber was für beide zählt, ist zunächst einmal der Erfolg im eigenen Land.

Wulff hat den Landesvorsitz abgegeben, Rüttgers den einst zerstrittenen Landesverband geeint.

LANGGUTH: Ich denke, Wulff will auf seine neugegründete Familie Rücksicht nehmen. Deshalb wird er, anders als er öffentlich sagt, wohl auch seine bundespolitischen Ambitionen nicht intensiver wahrnehmen wollen. Außerdem hat er objektiv mit dem Landesvorsitz Macht abgegeben. Das würde Rüttgers nie einfallen. Wirklich stark ist ein Politiker, wenn er Amt und Parteivorsitz in einer Hand hält. Denken Sie an Kohl oder Schröder. Letzterer hat mit der Aufgabe des Parteivorsitzes sein vorzeitiges Ende als Kanzler eingeleitet.

Rüttgers oder Wulff, wer kann Merkel gefährlicher werden?

LANGGUTH: Beide sind Konkurrenten und als stellvertretende Bundesvorsitzende auch Kronprinzen. Aber im Moment kann Merkel in der CDU niemand gefährlich werden. Und der wahre Stellvertreter ist der Generalsekretär.

Braucht die Union nicht noch einen dritten, eher nationalkonservativen Flügel?

LANGGUTH: Roland Kochs Rolle als Flügelrepräsentant ist wegen der schwierigen Wahlsituation in Hessen gegenwärtig sehr eingeschränkt. Jörg Schönbohm in Brandenburg ist einer der letzten.

Wird die CDU den Charakter als Volkspartei mit annähernd 40 Prozent bewahren können oder droht ein ähnlicher Niedergang wie bei der SPD?

LANGGUTH: Die Schwäche der SPD hat auch Auswirkungen auf die CDU. Grundsätzlich ist die Partei aber stabiler. Sie liegt in allen Umfragen bei etwa 35 Prozent. Der Unterschied zu früher ist, dass Kohl schlechtere Werte als die Partei hatte. Unter Merkel ist das umgekehrt. Ich rechne deshalb in einer Wahl noch mit einem Kanzlerinnenbonus. Aber wahr ist: Auch die CDU wird strampeln müssen, um ihren Charakter als Volkspartei zu erhalten.

Das Gespräch führte Sibylle Quenett