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Kölner Stadt-Anzeiger, 27. Juli 2007 Enorme Schachspielerfähigkeiten
Der Bundesinnenminister zog sogar
Kritik des Bundespräsidenten auf sich.
VON GERD LANGGUTH
Unsere liberale Demokratie wird durch
den internationalen Terrorismus herausgefordert, weil die herkömmlichen
rechtsstaatlichen Methoden kaum eine effiziente Terrorismusbekämpfung möglich
machen. Das ist jedenfalls die Überzeugung Schäubles und vieler Spezialisten der
inneren Sicherheit, wie etwa der Präsidenten des Bundesamtes für
Verfassungsschutz oder des Bundesnachrichtendienstes. Aber Schäuble wollte nicht nur im Schatten seines Förderers stehen, er strebte nach einem eigenen Ressort. So wurde er im April 1989 Nachfolger von Friedrich Zimmermann (CSU) als Innenminister. Dieses Amt übte er bis November 1991 aus. In dieser kurzen Zeit gelang es ihm, den Koalitionspartner FDP in so heiklen Fragen wie Datenschutz, Ausländer- und Asylgesetzgebung sowie innere Sicherheit einzubinden. Er war einer der wesentlichen Architekten der Wiedervereinigung. Im November 1991 wurde er Nachfolger Alfred Dreggers als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Unter Schäubles Vorsitz wurde die Fraktion Schritt für Schritt zu einem Machtzentrum neben der Regierungszentrale ausgebaut. Es war die Zeit, als er mit einem „Prinz-Charles-Image“ zu kämpfen hatte: Er galt als potenzieller Nachfolger Kohls im Kanzleramt, ohne dass ihm diese Aufgabe durch seinen einstigen Förderer angetragen worden war. Nach der von Kohl verlorenen Bundestagswahl 1998 wurde Schäuble CDU-Vorsitzender, musste aber wegen der Verstrickung in den Spendenskandal der CDU zurücktreten. Erst als Bundesinnenminister der Merkel-Regierung konnte er wieder das werden, was ihm so liegt: ein Mann der Exekutive sein. Diese beachtliche Karriere Schäubles zeigt, dass er wie kaum ein anderer politische Erfahrungen einbringen kann. Aber es war schon immer schwer, ihn politisch einzuordnen. Während sich Helmut Kohl ohne Scheu über seine politischen Empfindungen, seine Werte, historische Bezüge verbreitete, tat sich Schäuble schwer, sein Koordinatensystem offenzulegen. Alles wirkte bei ihm rational und durchdacht, von hoher Intelligenz geprägt. Als eingefleischter Pragmatiker entwickelter er enorme Schachspielerfähigkeiten. Er konnte in der Regel besser als alle anderen die jeweils nächsten politischen Züge analysieren und potenzielle politische Szenarien darlegen. In manchen schwierigen politischen Fragen war es Schäuble und nicht Kohl, der die einzelnen politischen Fäden zusammenbinden konnte. Mitarbeiter von Schäuble, auch manche politischen Weggefährten können jedoch berichten, dass Schäuble immer schon ein eher verschlossener Charakter war, mit einer starken Tendenz zur Unduldsamkeit. Hin und wieder konnte ihm auch der Hang zur Rechthaberei zum Verhängnis werden. Gerne ließ er andere seine Überlegenheit spüren. Am besten kam er mit Juristen aus. Mit ihnen lag er auf gleicher Wellenlänge. Das alles erläutert noch nicht, warum Schäuble sich jetzt in dieser Intensität als „law and order“-Mann profiliert. Seine Überlegungen hinsichtlich eines Todesschusses, sollte man Osama Bin Laden finden und etwa die Bundeswehr dabei beteiligt sein, zeigt ihn als einen typischen Juristen, der alle Fälle im Voraus haarklein geregelt haben möchte, dabei die Wirkungen seiner Aussagen eher vernachlässigend. Insofern kann Schäuble ziemlich unpolitisch sein – so unpolitisch, dass der wahlkämpfende Niedersachse Christian Wulff ihn mit den Worten rügte: „Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten das Thema vorher innerhalb der CDU anhand einer ausformulierten Vorlage von Wolfgang Schäuble diskutieren können.“ Denn Wulff dürfte sich Sorgen insbesondere bei der jungen Internet-Fangemeinde machen, die die Überlegungen Schäubles zu staatlichen Online-Hacking-Aktivitäten als Einbruch in ihre Privatsphäre empfinden. Sicher ist Schäuble auch ein Getriebener seines juristischen Perfektionismus. Doch dieser allein erklärte nicht Schäubles Positionen: Er verfügt über Informationen hinsichtlich der terroristischen Gefährdung wie kaum ein anderer in der Bundesrepublik Deutschland. Er sieht die Gefahr eines terroristischen Großangriffs. Die Öffentlichkeit verdrängt gerne die Gefährdungen, etwa die Tatsache, dass im vergangenen Jahr Attentate auf zwei Züge fehlgeschlagen sind: Fachleute bestätigen die verheerenden Auswirkungen, wären die Bomben fachgerecht gebaut worden.
Schäuble wird wissen, dass im Falle
eines Terroranschlags die Schuldfrage gestellt wird, nämlich die Frage, ob er
als der für die innere Sicherheit verantwortliche Bundesminister alles
Menschenmögliche getan hat, um solche terroristischen Akte zu verhindern. Er
will nachweisen können, dass er rechtzeitig gewarnt und entsprechende
Terrorbekämpfungs-Vorschläge unterbreitet hat. Als „alter Hase“ in der Politik
weiß er zudem, dass er seine Gesetzesvorschläge beim sperrigen Koalitionspartner
SPD nur dann wenigstens teilweise durchsetzen kann, wenn er die Messlatte vorher
hoch gelegt hat. Er spekuliert auch auf ein hohes Sicherheitsbedürfnis in der
SPD-Wählerklientel. Solange er Kanzlerkandidat im Wartestand war, musste er sich als ein nachdenklicher Mann der Mitte profilieren. Jetzt will er sich als Mann für „law and order“ unersetzbar machen. Sicher wäre es zu kurz gegriffen, dies nur als eine taktische Variante zu begreifen. Aufgrund seiner Kenntnisse der Terrorgefahr ist er von der Richtigkeit seiner Argumente überzeugt. Schäuble wäre gerne auch Bundespräsident geworden. Die CSU und die meisten Granden der CDU hatten sich 2004 schon hinter ihn gestellt, doch Merkel wusste das zu verhindern. Sie wollte einen Kandidaten, der auch im ersten Wahlgang die FDP überzeugen konnte – und stieß auf Horst Köhler. Dass ausgerechnet der statt Schäuble zum Staatsoberhaupt gemachte Köhler in einer so noch nie da gewesenen Form sich einen einzelnen Minister zur Brust nahm, ist ungewöhnlich: Köhler äußerte „persönliche Zweifel“ daran, dass „die Tötung eines vermeintlichen Terroristen ohne Gerichtsurteil so von der leichten Hand“ gemacht werden könne. Ob der Präsident jemals über die Details der Terrorbekämpfung mit Schäuble vor seiner öffentlichen Rüge gesprochen hat? Dies ist zu bezweifeln. Schäuble hätte Köhler darauf hingewiesen, wie er es jetzt auch der Öffentlichkeit gegenüber tut, es sei ihm nicht um die Terroristen im Inneren, sondern um eine völkerrechtliche Fragestellung gegangen, er habe „nicht über Deutschland gesprochen, sondern über afghanische Höhlen“.
Die Kritik am Bundesinnenminister
nimmt auch populistische Züge an, wenngleich sich Schäuble manche Irritationen
selbst zuzuschreiben hat. Die Köhler'schen Aussagen in seinem Sommerinterview
sind ihm indes nicht herausgerutscht, sondern sie wurden bewusst gemacht. Die
SPD-Reaktionen zeigten eine von Köhler erstrebte | |||||||||||||||||||||||||||||