|
|
Kölner Stadt Anzeiger, 27. März 2008
„Immer weniger Gesinnungsgemeinschaften“
Der Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth fürchtet
um die Bindekräfte der Parteien.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Professor Langguth, spiegelt die Mitgliederentwicklung der Parteien das politische Interesse der Bürger? GERD LANGGUTH: Ja und nein. Parteien sind immer weniger Gesinnungsgemeinschaften, sondern immer mehr pragmatische Gebilde zur Durchsetzung einzelner Interessen. Wir leben in einer weniger politisierten, entideologisierteren Welt als noch zu Zeiten des Ost-West-Gegensatzes. In Köln drängen neue Mitglieder in die Union, um Entscheidungen vor Ort zu beeinflussen. Ist das ein neuer Trend? LANGGUTH: Lokale Erscheinungen dieser Art sind selten. Ich sehe keinen allgemeinen Trend. Das Problem ist: Die gleichen Mitglieder, die schnell eintreten, sind auch schnell wieder draußen, wenn ihr Engagement nur von einem einzelnen Interesse abhängt. Gibt es überhaupt eine Abkehr von außerparlamentarischen Protestformen? LANGGUTH: Bis jetzt nicht. Gerade auf kommunaler Ebene haben sich viele überparteiliche Aktionsformen gebildet. Grundsätzlich ist die Einwirkung über politische Parteien immer konzentrierter und einflussreicher, als wenn die Initiativen an ihnen vorbeilaufen. Welche Rolle spielt heute noch eine Parteimitgliedschaft für die berufliche Karriere? LANGGUTH: Diese wurde zwar vielfach überschätzt, doch gibt es Berufe, die eine parteipolitische Nähe, nämlich bei fast allen wichtigen staatlichen Positionen, voraussetzen. Aber leider gilt das manchmal bis hin zur Ebene von Schulleitern. Doch der Trend schwächt sich ab. Das ist aber auch von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Die eigentliche politische Elite bildet sich in den Parteien heraus; zu ihnen sehe ich keine Alternative. Werden die Parteien noch ihrem Grundauftrag der demokratischen Willensbildung gerecht? LANGGUTH: Ja, aber sie sind unpopulärer geworden, weil sie infolge ihres Pragmatismus immer weniger den Eindruck vermitteln, das Gemeinwohl zu vertreten. Das Gespräch führte Sibylle Quenett | |||||||||||||||||||||||||||||