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aus: Kölner Stadt Anzeiger, 13. Juni 2005
Die Zahl der Skalps ist enorm Biograph Gerd Langguth über das Machtgeheimnis der Angela Merkel
Mit Gerd Langguth sprachen Thomas Geisen und Joachim Frank. KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Langguth, was ist das Erfolgsgeheimnis der Angela Merkel? GERD LANGGUTH: Angela Merkel gehört zu den Menschen, die sich durch Leistung beweisen. Aus der DDR-Diktatur hat sie den unbedingten Willen zur Freiheit mitgebracht, der ihr ganzes politisches Konzept prägt – von der Außenpolitik bis zur Reform der sozialen Sicherungssysteme. Mit Helmut Kohl teilt sie die Eigenschaft, über lange Zeit von ihren wichtigsten Gegnern wie auch von der öffentlichen Meinung unterschätzt worden zu sein. Bisher ist sie aus allen Niederlagen gestärkt hervorgegangen, auch aus der von 2002, als sie Stoiber bei der Kanzlerkandidatur den Vortritt lassen musste. Damit war sein Anspruch gegen sie ein für alle Mal verbraucht. Er musste sich nach der verlorenen Bundestagswahl in allen entscheidenden Fragen, zum Beispiel der Präsidentenfrage, ihrem Willen beugen. An dem Frühstück von Wolfratshausen wird Edmund Stoiber noch lange zu knabbern haben. Von Merkels Durchsetzungskraft können viele in der Union ein trauriges Liedchen singen. LANGGUTH: Keiner ihrer früheren Förderer ist schadlos aus dem Verhältnis mit ihr heraus gekommen. Davon können in der Tat manche ein Liedlein singen – von Lothar de Maizière, Günther Krause, Wolfgang Schäuble bis zu Helmut Kohl. Wie bei der Gottesanbeterin, die nach der Begattung das Männchen umbringt? LANGGUTH: Hier geht es nicht um Sex, sondern um Politik. Jedenfalls hat sie als CDU-Generalsekretärin zur Zeit der Spendenaffäre mit ihrem „Scheidebrief“ an Helmut Kohl, der am 22. Dezember 1999 in der Zeitung stand und über den der damalige Parteivorsitzende Wolfgang Schäuble nicht informiert war, per Doppelschlag sowohl Kohl als auch Schäuble zur Strecke gebracht. Auch mit Konkurrenten geht sie nicht zimperlich um. Dafür ist Friedrich Merz ein Beispiel. Die Zahl ihrer Skalps ist enorm. Höher als bei einem Mann mit vergleichbarer Laufbahn? LANGGUTH: Eine typisch männliche Frage. Wir stellen sie trotzdem. LANGGUTH: Wenn ein Mann einen Konkurrenten aus dem Weg räumt, gilt das als normal. Tut es eine Frau, fällt es auf und wird als Eiseskälte gedeutet. Sie selbst arbeitet daran, dieses Image wieder loszuwerden, weil die Deutschen nur jemanden als Kanzler akzeptieren, dem sie sich auch emotional anvertrauen können. Ich glaube allerdings, dass es bei ihr mit der emotionalen Bindefähigkeit nach wie vor hapert. Dabei heißt es immer, Loyalität und Vertrauenswürdigkeit gingen ihr über alles. LANGGUTH: Sie fordert das von anderen ein, aber ob sie selbst es zu geben bereit ist, ist die Frage. Sie bemüht sich auch um innerparteiliche Gegner: Ihr jetziger Generalsekretär Volker Kauder etwa gehörte noch vor ein paar Jahren zu den vehementesten Unterstützern einer Kanzlerkandidatur Stoibers. Wie schafft sie es immer wieder, dass die Männerclique in der CDU ihr folgt? LANGGUTH: Die CDU ist eine recht pragmatische Partei. Was zählt, ist die Macht. Und die Partei folgt demjenigen, dem sie auf dem Weg zur Macht die besten Chancen zubilligt. Heute ist das Angela Merkel. Außerdem hat sie sich inzwischen Respekt erworben, ihre Netzwerk-Fähigkeit hat deutlich zugenommen. Und sie hat Leute mit den potentiellen Früchten der Macht zu locken gewusst: Wird Merkel Kanzlerin, dann hat sie viele Posten zu verteilen. Insgesamt könnte man das „berechnend“ nennen. LANGGUTH: Sie weiß um die Wirkungen ihres Handelns. Als Physikerin hat sie gelernt, wie sich Moleküle bewegen. Ähnlich betrachtet sie auch die Politik. Das heißt? LANGGUTH: Sie denkt nicht legalistisch wie der Jurist Wolfgang Schäuble. Sie hat nicht die Fixierung auf die Geschichte – wie der Hobbyhistoriker Helmut Kohl. Sie geht rationaler, pragmatischer an die Politik heran. Allerdings fehlt ihr auch die Wertorientierung des klassisch Christdemokratischem. Ein Mangel an Stallgeruch... LANGGUTH: ...der sowohl Folge ihrer ostdeutschen Herkunft als auch ihrer Ausbildung als Naturwissenschaftlerin ist. Was hat die junge Angela Merkel in der DDR am meisten geprägt? LANGGUTH: Das Misstrauen gegen staatliche Überwachung und Reglementierung und der unbedingte Wille zur Freiheit. Ihr Vater hatte sich als Pfarrer bewusst für die Arbeit in einem kirchenfeindlichen Staat entschieden. Als Pfarrerstochter hatte Merkel so etwas wie eine Sonderrolle. Um das auszugleichen, durfte sie Mitglied der „Jungen Pioniere“ und auch der FDJ werden, was für eine Pfarrersfamilie eher die Ausnahme war. Von zu Hause aus wurde ihr mit auf den Weg gegeben, „du musst besser sein als alle anderen, damit du keine Nachteile hast“. So war sie seit der Schule bestrebt, immer die Beste zu sein. Wie geht sie dann mit Niederlagen um? LANGGUTH: Sie glaubt an das Prinzip des „permanenten Lernens“. Als sie 2002 nicht Kanzlerkandidatin wurde, da wurde sie an Kohl erinnert, der 1980 auch Franz Josef Strauss den Vortritt lassen musste. Danach war Kohl der geborene Kanzlerkandidat. Ihre Niederlage von 2002 hatte sie umso entschlossener gemacht. Wofür steht die Christdemokratin Merkel heute? LANGGUTH: Generell gesehen schwindet die Bindekraft der Parteien. Die Stammwählerschaft wird immer kleiner. Merkels pragmatischer Politikansatz kann den modernen Wechselwähler viel eher ansprechen. Das ist ihr Plus. Allerdings besteht dabei die Gefahr, dass ein christdemokratisches Profil verloren geht. Aus der Erfahrung mit dem DDR-Sozialismus hält sie das Gegenbild zu diesem – eine freiheitliche, ordnungspolitisch abgesicherte Soziale Marktwirtschaft – für wichtiger als viele derjenigen, bei denen der rheinische Kapitalismus mit seinen allenfalls sanften Zumutungen quasi ins Erbgut eingegangen ist. Was hieße das für die Politik einer Kanzlerin Merkel? LANGGUTH: Sie will das machen, wozu Schröder keinen Mut oder keine Durchsetzungsfähigkeit mehr hatte: eine Generalreform des Staates und der Sozialsysteme, die den veränderten Bedingungen der Globalisierung gerecht wird. Sie hat den Mut zum Unpopulären. Bedenken Sie, wie eisern sie zu ihrem in der Fachwelt begrüßten Konzept der „Gesundheitsprämie“ gestanden hat, obwohl das in der Öffentlichkeit – nicht zuletzt durch Horst Seehofers Störfeuer – kaum zu vermitteln war. Bedenken Sie, dass sie sich klar für die Kernenergie ausspricht. Bedenken Sie ihr Plädoyer für ein offeneres, unverkrampfteres Verhältnis zu den USA. Das spricht für einen stark polarisierten Wahlkampf. LANGGUTH: Ich bin sicher, Merkel wird sich inhaltlich sehr präzise präparieren. Und ich bin überzeugt, dass der Wahlkampf gegen eine Frau schwerer ist. Es war eine heftige Fehleinschätzung Gerhard Schröders, dass er mit der Gegnerin Merkel leichteres Spiel habe würde. Das Wort „ich oder er“ aus der Auseinandersetzung mit Stoiber bekäme in der Form „ich oder sie“ schon einen ganz anderen Klang. Es sieht heute so aus, als würde Angela Merkel die erste Kanzlerin in der deutschen Geschichte. | |||||||||||||||||||||||||||||