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Aus: Kölner Stadt Anzeiger 22. Mai 2008
„Eine heimliche zweite SPD-Vorsitzende“
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Langguth, die Volksparteien wirken derzeit führungsschwach und orientierungslos. Besonders SPD-Chef Beck scheint nicht zu wissen, was er will. Erst war er gegen, jetzt ist er für Gesine Schwan als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt. GERD LANGGUTH: Ich bin nicht sicher, ob die Entscheidung schon gefallen ist. Sollte Gesine Schwan aufgestellt werden, so würde sie bald zu einer heimlichen zweiten SPD-Vorsitzenden. Sie würde permanent in Talkshows eingeladen, sie hätte Stellung zu nehmen zu allen möglichen Fragen, und weil sei eine sehr beredte und eigenständig denkende Frau ist, gewänne sie Deutungsmacht auch über die Politik der SPD. Ob das Herrn Beck recht sein kann, da habe ich meine Zweifel. Was Sie sagen, unterstreicht die Führungsschwäche Becks noch. LANGGUTH: Ja, sicher. Die Führungsunfähigkeit hängt mit der tiefen Verunsicherung eines Parteivorsitzenden zusammen, der nicht weiß, ob er überhaupt noch Mehrheiten zusammenbringt. Dass er seine eigene Position nicht rechtzeitig in die Partei hineingetragen und mit seiner Autorität als Vorsitzender dafür geworben hat, ist eben dieser Unsicherheit geschuldet. Steinmeier und andere führende Sozialdemokraten hatten sich ja schon mehr oder weniger deutlich für Köhler ausgesprochen, prominente SPD-Linke dagegen für Schwan. Für Beck ist das ein Riesendilemma. Welches nicht kleiner wird, wenn er nicht einmal auf den Tisch haut. LANGGUTH: Mit seinem „Basta“ hat Gerhard Schröder am Ende aber auch keinen Erfolg gehabt. Beck will und muss integrieren. Das ist in der SPD besonders heikel, weil es sich im Grunde um zwei Parteien handelt. Die SPD hat sich nie entschieden, ob sie als Regierungspartei Verantwortung übernehmen soll oder Oppositionspartei sein will. Solcher Spagat kann nicht überzeugend wirken. Die Union wirkt auch nicht überzeugender, obwohl sie doch besser dasteht als die SPD. LANGGUTH: Auch für die Union sieht nicht alles rosig aus. Sie kann sich ihres Vorsprungs nicht sicher sein. Sie verharrt bei 35 Prozent plus X. Zusammen mit der SPD kommt sie nur noch auf knapp über 60 Prozent. So wenig Zustimmung hatten die beiden großen Volksparteien noch nie. Früher vereinigten sie 90 Prozent Zustimmung auf sich, 2005 waren es immerhin noch 70 Prozent. Und deshalb hängen alle ihr Fähnchen nach dem Wind? LANGGUTH: Parteien reagieren heute schneller auf tagesaktuelle Diskussionen und versuchen dabei, sich als Produkt möglichst gut zu vermarkten. Frau Merkel beherrscht das Geschäft und lässt die SPD wie im Hase-und-Igel-Spiel immer wieder mit heraushängender Zunge stehen. Das Gespräch führte Stefan Sauer
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