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Kölner Stadt Anzeiger, 22. November 2007
Großer Mann in kleinen Karos
Helmut Kohls dritter Memoiren-Band mit Selbstrechtfertigung und Eigenlob
VON GERD LANGGUTH
Das Interesse an Helmut Kohl speist sich aus einem faszinierendem Widerspruch: Auf der einen Seite ist er ein großer Staatsmann, auf der anderen ein Machtmensch, dem man auch bei liebevollem Urteil eine bis zur Primitivität reichende Einfachheit in Sprache und Denken bescheinigen muss. Wir sehen das strahlende Gesicht des Ehrenbürgers Europas, doch auch den Schattenmann der Spendenaffäre. Der dritte Band von Kohls „Erinnerungen“ spiegelt diese Doppeldeutigkeit wieder. Er zeigt das Bild eines großen Mannes, der auch heute noch in kleinen Karos denkt. Nach dem Lesen dieses Buches muss man den Eindruck gewinnen, Kohl habe die deutsche Einheit ganz allein herbeigeführt. Und er setzt Kämpfe von damals bis heute fort. Altersmilde ist er nicht. Dabei umfasst der in dem neuen Memoirenband beschriebene Zeitraum Kohls eigentliche staatsmännische Zeit. Es war die deutsche Einheit, die ihm zudem politisch noch einmal das Leben gerettet hatte: 1989 war er nach einer Serien von Landtagswahlniederlagen eigentlich schon am Ende gewesen; einen innerparteilichen „Putsch“ konnte er auf dem Bundesparteitag 1989 gerade noch verhindern. Der Einheitsprozess gab Kohl die Möglichkeit, kraftvoll zu entscheiden. Er konnte den Umtauschkurs mit der DDR-Währung oder die Einbeziehung des wiedervereinigten Deutschland in die Nato durchsetzen. Und noch heute berichtet Kohl gerne über seine Zusammenkünfte mit den Großen der Welt. Einer der wenigen Mitarbeiter, die er besonders lobt, ist sein Berater Horst Teltschik. Dessen Buch „329 Tage“ gibt freilich in Teilen weit präziser Auskunft über jene dramatische Zeit als die 784 Seiten des Altkanzlers. Zumal sie sich über große Strecken wie das Selbstrechtfertigungsprotokoll eines rechthaberischen Kanzlei-Bediensteten lesen. Nur gelegentlich scheint auf, wie sehr Kohl selbst die wirtschaftliche Tragweite der deutschen Einheit unterschätzt hatte: Er sei auf die „Propagandalüge“ von der Wirtschaftskraft der DDR hereingefallen, „eines der größten Täuschungsmanöver des zwanzigsten Jahrhunderts“. Die Begründung für diese Selbstkritik Kohls: Er hatte die Hoffnung, „dass sich die Einheit ohne Steuererhöhungen finanzieren lassen würde“. Welch eine Täuschung! Doch über weite Strecken ist Kohls Buch ein einziges Selbstlob („unermüdlicher Einsatz“). Selbst das Konrad-Adenauer-Haus habe „Tag und Nacht gearbeitet“. Kohl, der sich angeblich weigerte, den „Spiegel“ zur Kenntnis zu nehmen, zitiert genüsslich aus einem Artikel Rudolf Augsteins: „Den Staatsmann Kohl wird man nicht mehr von der politischen Landkarte tilgen können.“ Schaut man sich das Strukturprinzip der Memoiren an, dann wird deutlich, dass es sich hier um eine Aneinanderreihung politischer Ergebnisse und vom Autor dazugefügter, ihm selbst schmeichelnder Wertungen handelt. Immer schon hat Kohl in seiner Person den Widerspruch vereint, politisch Großes geleistet zu haben und dabei intellektuell wie sprachlich zu scheitern. Kohl, der sich früh in den Dienst der CDU gestellt hatte, wollte seine Partei beherrschen. „Ich gebe gerne zu, dass ich nach dem innerparteilichen Widerstand und dem missglückten Sturzversuch auf dem Bremer Parteitag vom September 1989 nichts dem Zufall überlassen wollte; ein Rest von Misstrauen gegen die CDU-Parteizentrale war mir geblieben“, schreibt Kohl. Dieses quälende Misstrauen gegen kritisches Denken und neue Ideen leiteten einen Niedergang der Partei ein, was ihn schließlich 1998 die Kanzlerschaft kostete. Im Streit um den Regierungsumzug beschreibt sich Kohl als den entscheidenden Vorkämpfer für die Verlegung der Hauptstadt. „Natürlich wusste jeder, der es wissen wollte, dass ich mich längst für Berlin als Hauptstadt entschieden hatte.“ Offenkundig will Kohl damit Wolfgang Schäuble seine Rolle als eisernem Unterstützer Berlins streitig machen. Vieles bleibt nur angedeutet. Die spannende Frage nach der Annahme nicht verbuchter Parteispenden – sie müssen nach seinem eigenen späteren Bekunden im beschriebenen Zeitraum geflossen sein – wird von Kohl übergangen. Angela Merkel, die 2000 an seinem Sturz als Ehrenvorsitzender der CDU maßgeblichen Anteil hatte, wird nur dreimal kurz erwähnt. Wie schon in den ersten beiden Bänden, arbeitet sich Kohl an Leuten wie Richard von Weizsäcker, von denen er in der Tiefe seines Herzens weiß, dass er ihnen geistig unterlegen ist. Sein „Vizekanzler“ Hans-Dietrich Genscher (FDP) dagegen kommt trotz kleinerer Seitenhiebe ganz positiv weg. Das Verhalten der meisten politischen Gegner bezeichnet er als „schäbig“, insbesondere jenes damaliger SPD-Akteure wie Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder, die gegen im Bundesrat gegen die deutsche Einheit votierten. Wer wissen will, wie Kohl wirklich denkt, dem ist die Lektüre auch des dritten Bandes anzuempfehlen. Lebendig wird es immer dann, wenn Kohl auf seine Gegner zu sprechen kommt, die er Seite für Seite noch einmal besiegen möchte, so wie er es zeit seines Lebens verstanden hat – mit einer Mischung von roher Körperlichkeit, Drohungen, Versprechungen und einem engmaschigen (Telefon-)Netzwerk. Erstaunlich ist nur, dass es Kohl nicht gelungen ist, einen Ghostwriter zu finden, der noch etwas mehr Farbe ins Grau dieser Erinnerungen gebracht hätte. | |||||||||||||||||||||||||||||