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aus: Rheinischer Merkur, Nr. 48/ 30. November 2001 Helmut Kohl - erdrückender Übervater oder notwendige Identifikationsfigur?
Von Gerd Langguth Was ist die CDU ohne Helmut Kohl? Als Vorsitzender hat der Pfälzer die CDU-Geschichte 25 Jahre lang geprägt - fast die Hälfte der Geschichte dieser Volkspartei. Als er nach sechzehn Jahren aus dem Kanzleramt ausschied, gehörte er zu den Großen der internationalen Politik. Auch in der Politik liegen Höhen und Tiefen nahe beieinander. Denn mit dem von Kohl zu verantwortenden Spendenskandal stürzte er nach dem Ausscheiden aus seinen aktiven Ämtern seine Partei in die größte Krise ihrer Geschichte. Schon immer gab es Ablöseprozesse, die für die Inhaber von "Macht" - und gleichermaßen für ihre Erben - schwierig waren. Im Schatten eines "Übervaters" lebt sich's nicht leicht. Das hat auf seine Weise Gerhard Schröder erleben müssen, als er in die Fußstapfen Helmut Kohls trat, der schon allein wegen seiner Körpergröße kein eigenes Podest benötigt. Aber auch Kohls Parteivorsitznachfolger Wolfgang Schäuble schien gehemmt, sich rechtzeitig von der Übergröße Kohls zu emanzipieren. Die Attacken eines Exkanzlers Adenauer gegen den ungeliebten Ludwig Erhard sind Legende. Manchem mag die Frage überflüssig erscheinen, wie es die CDU mit ihrem einstigen Vormann, ihrem "alten Schlachtross" (Kohl über Kohl), hält. Falsch wäre dies für eine christlich-demokratische und mithin auch ,konservative' Partei. Immerhin hat Kohl wie kein anderer, vermutlich sogar stärker als Adenauer, seine Partei geprägt. Ihn einfach wegzuschicken, als hätte man nie etwas mit ihm zu tun gehabt, könnten viele Wähler nicht verstehen. Kommunikationspolitisch bestand folgendes Problem: Je mehr sich die eigene Partei zur Zeit der Spendenkrise von Kohl abwandte, umso mehr wurde die CDU bei ihren Zustimmungswerten mit in die Tiefe gerissen. Doch warum ist der Umgang mit der eigenen Geschichte auch für die Zukunftsfähigkeit einer Partei ein wichtiger Gradmesser?
Drei Faktoren Es sind nämlich - politikwissenschaftlich betrachtet - insgesamt drei Faktoren, die die Wahlchancen einer Partei insgesamt ausmachen: Der personelle und Führungsfaktor: Da es sich über Personalfragen trefflicher als über Inhalte streiten lässt, wird fälschlicherweise dieser Faktor häufig als allein ausschlaggebend angesehen. Helmut Kohl wurde aber mehrfach wiedergewählt - trotz negativer Umfragewerte im Verhältnis zu den Werten der eigenen Partei. Deshalb spottete Heiner Geißler sogar über einen "Kanzlermalus". Der Vorteils- und Klientelismusfaktor: Mehr und mehr Wähler entscheiden sich nämlich für diejenige Partei, die ihren eigenen, konkreten Interessen (zum Beispiel als Arbeitnehmer oder Mittelständler) am ehesten entspricht. Sie entscheiden sich für die Partei, von der sie sich einen spezifischen Vorteil versprechen (klientelistische Interessenvertretung). Der sich an dem konkreten Nutzwert einer Partei orientierende Anteil von Wählern wird immer größer, damit auch die Zahl der Wechselwähler. Der Imagefaktor: Welches ist das allgemeine Image einer Partei, das im Laufe jahrzehntelanger Positionierungen entsteht? Das "kollektive Gedächtnis" der Wähler gibt nämlich manchen von ihnen intuitive Wahlsicherheit. Die so entstehende Treue zu einer Partei hat auch etwas mit deren Geschichte und ihren Führungsgestalten zu tun. Hierzu gehört der besondere Charakter der CDU als "Staatsgründungspartei" der Bundesrepublik Deutschland. Es war Adenauer, der gegen heftigen Widerstand der Sozialdemokratie die Westbindung Deutschlands, also die europäische Integration und die Mitgliedschaft in der Nato, durchgesetzt hat. Die Soziale Marktwirtschaft eines Ludwig Erhard gehört ebenso zur Grundkonstituante der Bundesrepublik. Lediglich die spätere Ostpolitik war durch Willy Brandt durchgesetzt worden. Die deutsche Einheit schließlich und in deren Gefolge die Vertiefung der Europäischen Union und die Einführung des Euro ist ein wesentliches Verdienst von Helmut Kohl, der in diesem Sinne an die Prägekraft eines Konrad Adenauer anknüpfen konnte. Es sind diese Personen mit ihren Leistungen, die der CDU ein unverwechselbares Profil geben. Einer klugen Logik entspräche es, wenn die CDU-Parteiführung ihren Frieden mit Helmut Kohl machte. Ob aber umgekehrt auch Helmut Kohl das so sieht? Keineswegs darf aber der Spendenskandal verdrängt werden. Auch gilt es weiterhin, die eigentlichen Ursachen des dramatischen Wahlverlustes vom September 1998, der größten Niederlage ihrer Geschichte, aufzuarbeiten. Die Tatsache, dass das einstige Gespann Schäuble/Merkel diese Aufarbeitung wohlweislich unterlassen hatte, war einer der Gründe des Scheiterns von Schäuble - dessen Mitverantwortung für diese Niederlage dann ebenfalls hätte aufgearbeitet werden müssen.
Tradition bis Adenauer Die CDU braucht keinen "Übervater" Kohl - wohl aber eine Traditionslinie beginnend mit Konrad Adenauer und Ludwig Erhard (Letzterer hätte vermutlich das Adjektiv "neu" in der von ihm konzipierten Sozialen Marktwirtschaft nicht als Bestandteil einer Traditionspflege angesehen). Und was wäre eigentlich dagegen zu sagen, wenn sich auf dem CDU-Bundesparteitag wenige Monate vor den Bundestagswahlen im Juni 2002 in Frankfurt am Main nicht nur Angela Merkel (und wie auch immer der Kanzlerkandidat dann heißen mag) und Kohl demonstrativ die Hände zur Versöhnung reichten, sondern sich in diesen symbolischen Akt auch Wolfgang Schäuble einreihte? Bislang nutzte dieser jede Gelegenheit, seinem alten Ziehvater aus dem Wege zu gehen. | |||||||||||||||||||||||||||||