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aus: Hessische Allgemeine - HNA, Kassel, 22. September 2005

"Ungebrochener Wille zur Macht"

Von Wolfgang Blieffert
 

Angela Merkel hat die Sondierungen zur Regierungsbildung aufgenommen. Über die CDU-Chefin sprachen wir mit Merkel-Biograph Gerd Langguth.


Angela Merkel neigt als Physikerin zu einer naturwissenschaftlich-mechanistischen Betrachtungsweise von Politik. War das eines der Probleme im Wahlkampf?
Langguth: Ja. Sie hat die Emotionen der Menschen nicht ernst genug genommen und die soziale Dimension ihrer angekündigten Politik unterschätzt.

Fehlt Merkel zum Erfolg nicht ein Netzwerk von guten Freunden oder zumindest Vertrauten?
Langguth: Als Spätankommerin im politischen System der Bundesrepublik hat sie dieses Problem nicht rechtzeitig erkannt. Inzwischen hat sie aber in der Fraktion und den CDU-Landesverbänden ein solches Netzwerk. Und das Ergebnis ihrer Wiederwahl als Fraktionschefin wird ihr eine emotionale Stütze sein, ein Signal, das heißt: Wir brauchen dich für die nervenaufreibenden Koalitionsverhandlungen.

Sie schreiben, manchmal scheine es, als fühle sich die CDU-Vorsitzende innerlich heimatlos in der eigenen Partei. Woher kommt das?
Langguth: Angela Merkel trat erst mit 36 in die Partei ein, sie hat also christlich-demokratische Politik nicht so lange einstudiert wie etwa Friedrich Merz, Roland Koch oder Christian Wulff. Von ihrem Selbstverständnis und ihrer politischen Philosophie her ist sie mit ihrem Pragmatismus eher mit Gerhard Schröder zu vergleichen; sie denkt rationaler, weniger wertgebunden als ihre Konkurrenten Wulff, Koch und Merz. Eigentlich ist Angela Merkel vom Typ her eine Wechselwählerin.

Über welche persönlichen Waffen verfügt Merkel im bevorstehenden Kampf um die Macht?
Langguth: Sie wurde immer unterschätzt, sie pflegt die direkte Ansprache statt des diplomatischen Drumherumredens, sie wird zwar nicht geliebt aber respektiert. Sie besitzt ­ wie Kohl und Schröder ­ einen ungebrochenen Willen zur Macht. Sie ist durch DDR-Diktatur, Kohl-Kabinett und die Eroberung der Doppelspitze aus Partei und Fraktion für die finale Auseinandersetzung gehärtet. Sie hat ein hohes Maß an Beweglichkeit. Die tiefere Begründung dafür findet sich in den Brüchen ihres Lebens ­ man könnte auch sagen: in ihrer politischen Wurzellosigkeit.

Gerd Langguth, Autor einer Merkel-Biographie (dtv 14,50fEuro), lehrt in Bonn Politikwissenschaften