|
|
Aus: Hessische/Niedersächsische Allgemeine, Interview, 21. Dezember 2012
„In eine Grauzone begeben“
Interview: Der Politologe Gerd Langguth über die Vorwürfe gegen Bundespräsident Wulff
V O N J Ö R G E N C A M R A T H Der Politologe und Publizist Gerd Langguth glaubt, dass die Kreditaffäre um Christian Wulff in einem Hornberger Schießen enden wird. Das sagte er im Interview der HNA. Wulff müsse sich noch einmal entschuldigen – dafür sei die Weihnachtsansprache jedoch nicht das richtige Mittel. Wird es 2012 noch einen Bundespräsidenten Christian Wulff geben? GERD LANGGUTH: Ja. Er wird auch seine Weihnachtsansprache halten. Was wird er in darin sagen? LANGGUTH: Das ist die große Frage. Jeder Satz wird auf die Goldwaage gelegt werden. Sagt er etwas über die Ferienwohnungen? Sagt er etwas über das Darlehen? Ich glaube das nicht. Wird er etwas über das Thema Vertrauen sagen? Warum sorgt der Fall für so große Aufregung? LANGGUTH: Weil es der Bundespräsident ist. Dass sich ein Mann nach einer teuren Scheidung Geld leiht, um ein Haus zu kaufen – das empfinden die meisten Bürger als normal. Das würde normalerweise niemanden aufregen. Wulff hat sich in eine Grauzone begeben. Und Politiker sollten sich bei Grauzonen lieber zurückhalten und nicht exponieren. Lassen wir das Leihen von Geld einmal außen vor. Wie sieht es denn bei seinen bezahlten Urlauben aus? Wie steht es da mit der Moral? LANGGUTH: Dass er in den Urlaub geflogen ist, ist ja zunächst einmal nicht zu kritisieren. Allerdings ist er bei betuchten Menschen ein- und kann man schon hinterfragen. Gegen betuchte Menschen ist ja nichts einzuwenden. Allerdings haben Macht und Geld eine große Anziehungskraft. Mich hat vor allem nachdenklich gestimmt, dass er mit Herrn Maschmeyer eine sehr enge Beziehung gepflegt hat. Kostenloser Urlaub bei befreundeten Geschäftsleuten, eine bezahlte Anzeigen-Kampagne durch Millionär Carsten Maschmeyer und der Hauskredit – lässt sich da ein System Wulff erkennen? LANGGUTH: Jeder Fall für sich ist relativ unbedeutend. Erst in der Summe wird es interessant. Darum muss Wulff jetzt ganz schön rudern. Es wäre klug, wenn er sich noch einmal persönlich zu dem Thema äußerte. Wulff muss sagen, welche Schlussfolgerungen er aus der Angelegenheit zieht. Es ist eher eine moralische, keine rechtliche Frage. Es wird wohl in einem präsidialen Hornberger Schießen enden. Sollte Wulff sich während seiner Weihnachtsansprache entschuldigen? LANGGUTH: Nein. Ein Bundespräsident muss auch auf die Würde seines Amtes achten. Wulff hat sich ja schon quasi entschuldigt. Wenn, dann sollte er sich vor der Weihnachtsansprache noch einmal separat äußern. Gelten für Politiker zu hohe Ansprüche? LANGGUTH: Zu Recht gelten bei Politikern höhere Ansprüche als bei Normalmenschen. Aber auch Politiker haben gelegentlich Züge von Normalmenschen. Horst Köhler ist damals zurückgetreten, um Schaden von seinem Amt abzuwenden. Müsste Wulff den gleichen Schritt gehen? LANGGUTH: Der Rücktritt Köhlers war gewichtiger. Köhler hatte sich damals zur Afghanistan-Politik geäußert. Seine Aussagen waren nicht konform zu den Entscheidungen des Deutschen Bundestages. Was Wulff jetzt angelastet wird, das sind alles Vorgänge aus seiner Zeit als Ministerpräsident von Niedersachsen. Sollte also herauskommen, dass Wulff auch während seiner Zeit als Bundespräsident ähnliche Taten begangen hat… LANGGUTH: …dann bekäme die ganze Angelegenheit ein Gewicht, das er schwer aushalten könnte. Noch stehen die Bürger hinter ihrem Bundespräsidenten Christian Wulff. Wird das so bleiben? LANGGUTH: Ich denke schon. Wenn er die Weihnachtsansprache gut übersteht, dann werden die Dinge bald verrauchen und der nachweihnachtliche Friede wird auch auf Herrn Wulff niedergehen. Ist Christian Wulff noch der richtige Bundespräsident für Deutschland? LANGGUTH: So schlecht hat er seine Arbeit nicht gemacht. Man denke nur an seine Rede zum Islam, was er vor Nobelpreisträgern zur Euro-Krise gesagt hat, was er im Parlament in Ankara gesagt hat… Er repräsentiert die Deutschen alles in allem sehr ordentlich. | |||||||||||||||||||||||||||||