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Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 29. Mai 2010
Das Thema
Bundespräsident
Horst Köhler spricht in einem Interview über den Afghanistan-Einsatz der
Bundeswehr und im gleichen Atemzug über wirtschaftliche Interessen, die mit
militärischen Mitteln durchgesetzt werden sollten. Was er damit bezweckt haben
könnte, fragten wir Gerd Langguth, Politikwissenschaftler und Köhler-Biograph.
„Köhler
landet oft in Fettnäpfchen“
Köhler-Biograph Gerd Langguth über die Äußerungen des Bundespräsidenten und
dessen Amtsverständnis
Von Wolfgang
Blieffert
Herr Prof.
Langguth, was hat Horst Köhler da geritten?
Gerd Langguth:
Da ist mit dem ehemaligen IWF-Direktor wahrscheinlich der wirtschaftspolitische
Gaul durchgegangen. Aber er musste sich ja auch gleich korrigieren, wollte das
durch seinen Sprecher rasch wieder einfangen, indem er seine Äußerung
uminterpretiert und aus „Afghanistan“ „Atalanta“ macht. Bei der Operation am
Horn von Afrika geht es ja auch tatsächlich um den Schutz von Handelswegen gegen
Piraten.
Darf man sich
als höchster Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland einen solchen
Ausrutscher leisten?
Langguth:
Nein. Aber Köhler bewegt sich auf diplomatischen Parkett eben immer noch
unsicher.
Dass er
bewusst einen Stein ins Wasser werfen wollte, um die Reaktion auf diese
Behauptung testen zu können, halten Sie für ausgeschlossen?
Langguth: Ja,
das halte ich für ausgeschlossen. Im Übrigen sei der Hinweis gestattet, dass
sich das Staatsoberhaupt in außenpolitischen Fragen im Einklang mit der Politik
der Bundesregierung bewegen muss - im Gegensatz zur Innenpolitik, wo es ihm
schon erlaubt ist, eigene Akzente zu setzen. Köhler sucht die Aufmerksamkeit der
Öffentlichkeit. Er unterliegt einer Wichtigkeitsillusion, aber er hat in Berlin
politisch kaum was zu vermelden: Er leidet unter seiner mangelnden Anerkennung
in der politischen Klasse. Bei seinem Versuch, das durch politische Äußerungen
zu korrigieren, landet er unverhältnismäßig oft in Fettnäpfchen.
Es war bereits
mehrfach zu beobachten, dass Köhler unbedachte Äußerungen in die Debatte warf,
etwa als er eine Direktwahl des Präsidenten forderte und kein Wort darüber
verlor, dass das die Balance der Verfassung schädigen könnte. Warum passiert ihm
so oft?
Langguth:
Köhler ist ein sehr unsicherer Mensch, der gerne mit populären und sogar
populistischen Äußerungen die Herzen der Bevölkerung erobern möchte. Er ist
dabei aber eben kein Mann mit eigenständigen politischen Erfahrungen, er hat -
im Gegensatz zu allen seinen Vorgängern - nie ein politisches Mandat in einem
Parlament oder etwa einer Landes- oder Bundesregierung innegehabt. Er war immer
nur hochrangiger Beamter und hat die Politik stets begleitet, aber nur hinter
der Kulisse beeinflusst.
Was folgt
daraus?
Langguth:
Jetzt merkt man, dass der Seiteneinsteiger Köhler keine Erfahrungen mit der
politischen Kommunikation hat, die für die Ausübung eines solchen Amtes aber
dringend notwendig sind.
Sie haben in
ihrer Köhler-Biographie geschrieben, Köhler sei von der Politik durch eine
unsichtbare Glaswand getrennt. Wie meinten Sie das?
Langguth:
Weil Köhler sich selbst nicht als Politiker sieht, hat er auch kaum etwas dafür
getan, ein vertrauensvolles Verhältnis mit den Politikern auf Bundesebene
aufzubauen. Das führt dann im Falle der jetzt kritisierten Interview-Äußerungen
zu übertrieben rüden Attacken.
Welche meinen
Sie?
Langguth:
Wenn Jürgen Trittin Köhler mit Bundespräsident Heinrich Lübke vergleicht, der
wegen seiner verbalen Ausrutscher zu Gespött wurde, dann ist das ein absolut
unpassendes Abwatschen. Lübke war anfangs ein sehr politischer Präsident, der
erst am Ende seiner zweiten Amtszeit durch Krankheit gezeichnet war. Trittins
Abwatschen zeigt aber, dass Köhler in der politischen Klasse Berlins kaum über
Autorität verfügt.
Was ist
eigentlich nach sechs Jahren im Amt der rote Faden von Köhlers Präsidentschaft?
Langguth:
Dass er gerne beliebt sein möchte. Und seine Liebe zu Afrika. Da trifft er sich
dann allerdings mit Heinrich Lübke.
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