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Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (HNA), 2. März 2011

Politologe Langguth: „Guttenberg denkt schon ans Comeback“

Was waren letztlich die Gründe für Guttenbergs Abgang?

Gerd Languth: Er hat endlich gemerkt, dass er aus der Falle, die er selbst gegraben hatte, nicht mehr herauskommt. Zumal ja auch noch staatsanwaltliche Ermittlungen bevorstehen. Und er war am Ende wohl tatsächlich auch erschöpft und zermürbt. Wir unterschätzen ht manchmal die persönliche Belastungen, wenn man sich tagelang gegen massivste Vorwürfe verteidigen muss.

Guttenberg ist abgestürzt, obwohl er sich bei seinem Aufstieg eng an die Medien, namentlich die Springer-Blätter, gebunden hat. Haben wir die Macht des Boulvevard überschätzt?

Langguth: Ich glaube, wir haben vor allem die Selbstreininungskräfte unserer Demokratie unterschätzt. Und mit den Mitteln des Internets können Plagiate in Dissertationen heute schnell aufgedeckt werden. Das Internet wird bei solchen und ähnlichen Affären in der Zukunft eine noch viel größere Rolle spielen.

Demokratie lebt von der oft quälenden Suche nach dem Kompromiss. War die Sehnsucht nach einer entscheidungsstarken Führungspersönlichkeit wie Guttenberg nicht ein wenig vordemokratisch?

Langguth: Sicherlich. Guttenberg ist wie in einem Märchen in die nüchternen Sphären der Politik hinabgeschwebt. Da war auf einmal ein strahlender junger Politiker, der unbequeme Wahrheiten - es herrscht Krieg in Afghanistan - aussprach. Er strahlte innere Unabhängigkeit aus, ihm glaubte man, dass er eigentlich nicht auf die Politik angewiesen ist. So konnte er zu einem Idol aufsteigen, auf das sich aber auch naive Vorstellungen von der schnellen Machbarkeit politischer Prozesse konzentrierten.

Was bedeutet der Rücktritt Guttenbergs für Angela Merkel?

Langguth: Die Kanzlerin ist erheblich beschädigt. Vor allem wegen ihrer Begründung, sie habe einen Verteidigungsminister und keinen Wissenschaftler berufen. Im konservativ-bürgerlichen Wählerspektrum musste das erhebliche Empörung auslösen.

Kann sich Guttenbergs Dauerrivale Horst Seehofer in der jetzigen Situation berühigt zurücklehnen?

Langguth: Der sollte sich nicht zu früh freuen, denn Guttenberg wird von seiner ganzen Persönlichkeitsstruktur her über ein Comeback nachsinnen. Und das kann er angesichts seiner andauernden Beliebtheit bei den CSU-Anhängern am besten über den CSU-Vorsitz oder den Posten des bayerischen Ministerpräsidenten betreiben. Zumal Seehofer in beiden Position nicht unumstritten ist. Und die Medien werden das Spiel „Kommt er oder kommt er nicht?“ wieder mitmachen.

Zur Person

Prof. Dr. Gerd Langguth (64), in Wertheim geboren, war von 1970 bis 1974 Bundesvorsitzender des Rings christlich-demokratischer Studenten (RCDS). Er lehrt heute Politikwissenschaften an der Uni Bonn.

Langguth hat sich als Biograf von Horst Köhler und Angela Merkel einen Namen gemacht. Zuletzt schrieb er über "Kohl - Schröder - Merkel. Machtmenschen" (alle bei dtv). Langguth ist verheiratet.