|
|
aus: Hessische Niedersächsische Allgemeine, 20. Juli 2010
„Merkel bietet keine Perspektiven“
Interview: Politologe Gerd Langguth über Ole von Beusts Rückzug – und das Menschliche daran V O N E L I S A S C H U B E R T
Einschätzungen zur Politiker-Generation Ole von Beusts gab uns der Bonner Professor Gerd Langguth. Feige, egoistisch oder vorausschauend vernünftig – wie schätzen Sie den Rücktritt von Ole von Beust ein? GERD LANGGUTH: Dieser Rücktritt hat viele Facetten. Verständlich ist, dass er nach neunjähriger Regierungstätigkeit auch noch etwas anderes machen will. Zudem hat er wie Roland Koch auch ein Jürgen-Rüttgers-Syndrom: Er hatte das Risiko, in anderthalb Jahren von den Wählern aus dem Amt gehoben zu werden. Ist es nicht verantwortungslos, die Koalition gerade jetzt, in dieser schwierigen Haushaltslage, allein zu lassen? LANGGUTH: Jeder Zeitpunkt zu gehen ist ungünstig - es ist immer schwierig. Vor einem Jahr wäre gesagt worden, es ist zu früh, ein Jahr später hätte er einem potenziellen Nachfolger nicht die Möglichkeit gegeben, sich zu profilieren. Man muss einem Politiker zubilligen, gehen zu wollen, wenn er sich nicht von der Politik auffressen lassen will. Also finden Sie seine Entscheidung nur menschlich? LANGGUTH: Wenn jemand die 55 erreicht hat, so ist es höchste Eisenbahn, um sich noch einmal neu zu orientieren. Das Recht will ich ihm nicht absprechen. Auch wenn es für die Hamburger und seine Partei bedauerlich ist. Aber politisches Stehvermögen sieht doch anders aus. Mangelt es dieser Politikergeneration mit Roland Koch, Karlheinz Weimar, Ole von Beust daran? LANGGUTH: Nein. Das Problem liegt eher bei Angela Merkel. Sie bietet dieser Generation keine Perspektiven, etwa nach einer verlorenen Wahl Mitglied im Bundeskabinett zu werden. Gerhard Schröder hatte 1999 beispielsweise den in Hessen abgewählten Hans Eichel ins Bundeskabinett geholt. Mit Vergleichbarem rechnet heute niemand mehr. Mit einer „bürgerlichen Null-Bock-Generation“, wie Claudia Roth es nannte, hat es also nichts zu tun? LANGGUTH: Das halte ich für reine Polemik. Dass ausgerechnet die Grünen das sagen, ist schon verwunderlich. Und wie steht es nun um die Bundes-CDU? LANGGUTH: Merkel hat jetzt die Folgen zu tragen, weil so eine Volkspartei von vielen bunten Figuren lebt: Roland Koch mit seiner wirtschaftspolitischen Kompetenz auf der einen Seite, Ole von Beust, der für modernes liberales Bürgertum steht, auf der anderen. Das fehlt nun. Und was fehlt generell der Politik? Vielleicht Mut? LANGGUTH: Zumindest symbolisieren diese Rücktritte so etwas wie Mutlosigkeit. Sie zeigen vor allem, wie schwer es ist, heutzutage Politiker zu sein, mit 18-Stunden-Tagen und verplanten Wochenenden. Von Politikern wird zunehmend Unmenschliches verlangt. Ich jedenfalls akzeptiere das, wenn dann einer sagt, jetzt ist aber genug. | |||||||||||||||||||||||||||||