Startseite
Infos zu meinen Lehrveranstaltungen
Universität Bonn
Archiv (bis 2000)
Foreign Languages
Homepage durchsuchen
Veröffentlichungen
Vortragsthemen
Kontakt
Lebenslauf
 

aus: Handelsblatt, 1./2./3. April 2005

Die zwei Naturen des Helmut Kohl

Der „Kanzler der Einheit“ hat Weltpolitik gemacht und dabei seiner Macht alles untergeordnet – persönlich wie privat

 

Von Gerd Langguth

Nach dem Patriarchen Konrad Adenauer, dem Wirtschaftsfachmann Ludwig Erhard und dem Schöngeist Kurt Georg Kiesinger war Helmut Kohl der vierte Christdemokrat, der Bundeskanzler wurde – und mit der Amtszeit von 16 Jahren der am längsten amtierende. Dem am 3. April 1930 in Ludwigshafen in kleinbürgerlichen Verhältnissen geborenen Kohl war nicht in die Wiege gelegt, „Kanzler der deutschen Einheit“ und „Ehrenbürger Europas“ zu werden. 25 Jahre lang war er Vorsitzender der CDU Deutschlands. Damit hält er einen Doppelrekord: Keiner herrschte so lange über eine Partei wie er. Bei keinem traten die zwei Naturen eines Politikers so ungeniert auf wie bei Kohl: Er ist erfolgreicher Staatsmann und zugleich kalter Machtmensch.

Zu seinem 75. Geburtstag werden seine vielfältigen Verdienste um Deutschland und die Welt gewürdigt. Zu Recht. So sehr das milde Licht des Vergessens über alle Laudationes für Kohl scheinen wird – ob bei der Entgegennahme seiner Ehrenbürgerwürde in seiner Vaterstadt Ludwigshafen oder den Feierlichkeiten mit Hilfe der Konrad-Adenauer-Stiftung –, gibt es doch eine Doppelgesichtigkeit dieses Mannes. Kein Zweifel: Kohl hat die Chancen, die der sich abzeichnende Zusammenbruch des Sowjetreichs bot, ergriffen und nach manchen irritierenden Wochen der Unsicherheit mutig einen „Zehn-Punkte-Plan“ verkündet und – wenn auch auf anderem Wege – die deutsche Einheit herbeigeführt. In dieser kritischen Zeit hat er manche Konzeption, Deutschland solle um den Preis der Einheit neutralisiert werden, im Keim erstickt. Von unschätzbarem Wert waren seine guten menschlichen Bindungen, die er zum französischen Staatspräsidenten Mitterand und zum amerikanischen Präsidenten Bush pflegte. Auf diese Weise konnte eine widerstrebende Maggie Thatcher zur Deutschen Einheit bewegt werden.

Kohl lehnte strikt den im Auswärtigen Amt unter Genscher entwickelten Gedanken ab, der östliche Teil Deutschlands brauche nicht zum Schutzbereich der NATO zu gehören. Als in historischen Kategorien Denkender hatte Kohl an dem Gedanken einer Wiedervereinigung festgehalten. Eine weitaus stärkere Prägekraft hatte er aber in der Europapolitik. So ist die Tatsache, dass den Deutschen die von ihnen so geliebte „Deutsche Mark“ entwunden wurde, ausschließlich seiner Beharrlichkeit zuzuschreiben.

Er vermied instinktiv alles, was Deutschland an alten imperialen Vermutungen in der Welt entgegengebracht wurde. Auf der anderen Seite war ihm die Ökonomie des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts fremd, die technologische Revolution, der Siegeszug des Internet und der Datenautobahnen, die Globalisierung – all das hat er nicht mehr richtig verstanden. Wahrscheinlich war dies der entscheidende Grund für seine Abwahl.

Doch es gibt auch eine dunkle Seite der Macht, die bei Kohl besonders deutlich wird. Wenn es um die Durchsetzung seines Machtwillens ging, konnte Kohl rücksichtslos bis brutal werden. Einer der ersten, der das spüren musste, war Peter Altmeier, den er als Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz stürzte. Dadurch wurde Kohl jüngster Chef eines Bundeslandes. Seitdem hatte er, als noch niemand mit ihm rechnete, stets das Kanzleramt im Visier. Er hat das Verdienst, die CDU zu einer modernen Volkspartei entwickelt zu haben, doch um welchen Preis? Zum Ende seiner Kanzlerschaft und des CDU-Vorsitzes war von dem parteireformerischen Programm seiner Anfangszeit nichts mehr zu spüren. Die Partei war erstarrt. Keiner hatte so früh wie er den Machtabsicherungscharakter politischer Parteien erkannt. Vermutlich wird an Kohls Ehrentage von manchem elegant übergangen werden, dass der von ihm verursachte Spendenskandal die CDU an den Rand der Existenz brachte. Er kann von Glück sprechen, dass das gegen ihn eingeleitete Strafverfahren durch Zahlung einer hohen Geldsumme ohne Prozess beendet wurde – fast hätte es einen vorbestraften ehemaligen Bundeskanzler gegeben!

Kann man seine Parteispendenpraxis noch als eine kaltblütige Form des Rechtsverstoßes ansehen, so ist seine Entgegennahme vieler Hunderttausender von Mark als „Honorar“ nach dem Ende seiner Regentschaft durch ein von ihm während der Kanzlerzeit politisch begünstigtes Medienunternehmen noch mehr ein Skandalon. Machtgier und Geldgier sind häufig Zwillinge. Man erinnere sich an die von Kohl so heftig eingeforderte „geistig-moralische Wende“! Diese Hinweise sollen Kohls historische Verdienste um die deutsche Einheit nicht relativieren – wohl aber die Gefährdung durch seine spezifische Form der Machtausübung benennen. Kaum ein zweiter hat so sehr der Durchsetzung seiner Macht alles untergeordnet wie er – politisch wie privat. So ist Kohl eine historische Figur – und zugleich auch eine tragische.