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Handelsblatt online, 16. September 2011

Schwarz-Gelb in der Krise „Rösler riskiert das Ende der Koalition“

Die Euro-Krise könnte zur Zerreißprobe für die Berliner Koalition werden, sagt Parteienforscher Langguth. Die FDP werde für die Kanzlerin immer unkalkulierbarer. Warum, erläutert er im Interview mit Handelsblatt Online.

Handelsblatt Online: Herr Langguth, Wirtschaftsminister und Vizekanzler Rösler will sich dem Machtwort von Kanzlerin Merkel für mehr Zurückhaltung in der Griechenland-Debatte nicht beugen. Riskiert er damit das Ende der Koalition?

Gerd Langguth: Rösler will Profil zeigen, nicht sofort einknicken, er denkt, dass die FDP-Basis das von ihm erwartet, zumal Merkel ihm in den letzten Wochen das Leben nicht leicht gemacht hat. Er ist auf der Suche nach einem Profilierungsthema, nachdem sich auch langsam bei der FDP herumgesprochen hat, dass die Forderung nach Steuererleichterungen kein „Bringer“ ist. Aber er riskiert – vielleicht von ihm ungewollt – das Ende der Koalition.

In der Unionsfraktion heißt es unter vorgehaltener Hand, die Lage der Koalition sei "nicht mehr nur ärgerlich, sie ist besorgniserregend". Teilen Sie die Analyse?

Seit Bestehen der schwarz-gelben Koalition ist dies die kritischste, schwierigste Situation für Merkel. Rösler selber will sicherlich nicht die Koalition verlassen, aber die Situation kann außer Kontrolle geraten, insbesondere nach der Berlin-Wahl. Der Druck der FDP-Basis im Zusammenhang mit der Mitgliederumfrage engt den Spielraum Röslers ein.

Es gibt Kräfte in der FDP, die die Koalition wegen des Überlebens der FDP als Partei verlassen wollen. Allerdings dürfte niemand in der FDP an Neuwahlen Interesse haben, die zudem auch durch die notwendige Mitwirkung des Bundespräsidenten sehr erschwert sind.

Auch die CSU macht der Kanzlerin das Regieren nicht einfach. Bundesverkehrsminister Ramsauer übte harsche Kritik am geplanten Euro-Rettungsmechanismus ESM und widersprach Merkel mit den Worten, das ein Ausstieg Griechenlands aus dem Euro "kein Weltuntergang" sei. Muss Merkel in dieser Situation nicht vehementer auftreten und das Chaos in ihrer Regierung beenden?

Ein vehementeres Auftreten der Kanzlerin, gar ein „Machtwort“, würde nur ihre Ohnmacht dokumentieren. Denn weder Rösler und seine Mannschaft noch Ramsauer und die CSU würden sich daran halten. Wir haben in Berlin eine Drei Parteien-Koalition, nur auf die CDU-Politiker kann Merkel so etwas wie disziplinierenden Druck ausüben.

Zoff gibt es in der schwarz-gelben Koalition ja quasi andauernd. Was sagt das über die Führungsqualität der Kanzlerin aus?

Letztendlich ist die Kanzlerin für die Bändigung des „Zoffs“ verantwortlich, denn sie muss bei allen Schwierigkeiten einer Koalition die Enden zusammenhalten. Sie muss vor allem klar machen, für welche inhaltlichen Ziele sie und die Koalition stehen. Das erwartet man auch im Ausland, jedenfalls was den Euro angeht. Wichtig ist in einer Koalition, dass jeder der Partner sich im Gesamterscheinungsbild der Regierung wiederfindet. Die FDP fühlte sich nicht immer gut behandelt, das macht sie umso störrischer.

Wenn die CSU hingegen gelegentlich und routinemäßig mal ausbüchst, kann das sogar die Integrationsfähigkeit für die Gesamt-Union erhöhen: Die CDU muss aufgrund ihrer politischen Tradition die Rolle der klassischen Europapartei spielen, europakritische Töne aus Bayern integrieren aber auch solche Wähler, die den europapolitischen CDU-Kurs nicht mitzugehen bereit sind.

Es gibt CDU-Politiker, die unverhohlen von der Großen Koalition mit der SPD schwärmen, weil man da, wie sie sagen, "wenigstens mit Profis zusammen gearbeitet" habe. Halten Sie einen Koalitionswechsel noch in dieser Wahlperiode für möglich?

Ein Koalitionswechsel wäre nur denkbar, wenn die FDP aus der Koalition ausstiege. Die Union müsste dann der SPD einen sehr hohen Preis zahlen, die sich erinnert, dass Merkel in der Großen Koalition die Begünstigte war. Ein Koalitionswechsel ist eher unwahrscheinlich, aber wenn die FDP sich vom Koalitions-Acker machte, könnten sich SPD oder die Grünen aus staatspolitischen Gründen nur schwer verweigern.

Bleibt die FDP schwach, fällt sie als künftiger Partner für die Union aus. Trauen Sie FDP-Chef Rösler zu, die Liberalen zu alter Stärke zurückzuführen?

Nein. Die FDP hat auch unter Rösler bislang nicht „geliefert“. Vor allem stellt sich die Frage, was heute noch die überzeugende liberale Idee darstellt. Dabei gäbe es so viele Themen!

Die FDP verliert eine Wahl nach der anderen und bewegt sich in Umfragen unter 5 Prozent. Ist das der Grund für den plötzlichen Kurswechsel der Partei in der Europapolitik?

Rösler kam unter Druck, weil eine Mitgliederbefragung bevorsteht. Außerdem ist die Euro-Thematik für die spezifische Klientel der FDP von besonderem Interesse. Es ist vermutlich ein Irrglaube, ein solch plötzlicher Kurswechsel könnte eine Landtagswahl massiv beeinflussen.

Die Euro-Skeptiker in der FDP erhalten viel Zuspruch für ihre Pläne eines Mitgliederentscheids gegen den dauerhaften Euro-Rettungsschirm ESM. Kann dieses Vorhaben für Herrn Rösler als Bundesparteichef gefährlich werden? Gewinnen seine Parteikollegen den Entscheid müsste er das Ergebnis ja auch in der Regierung vertreten.

Ja, die Mitgliederbefragung kann für Rösler gefährlich werden, wenn ihm die Euro-Fragestellung inhaltlich und innerparteilich entgleitet. Es wird sehr darauf ankommen, wie der FDP-Bundesvorstand die Mitgliederbefragung begleitet.

Erhöht sich die Konfliktgefahr in der Bundesregierung vor den wichtigen anstehenden Euro-Entscheidungen, wenn die Berliner FDP am Sonntag die Wahl verliert?

Ja, eine Partei die immer an der Fünf-Prozent-Hürde vorbeischrammt oder gar darunter bleibt, wird unkalkulierbar, die Nerven liegen innerparteilich blank. Außerdem ist die Führungsfrage so lange nicht gefestigt, so lange in der Nach-Westerwelle-Ära keine Besserung der politischen Situation der FDP eingetreten ist.

 

Professor Gerd Langguth unterrichtet Politische Wissenschaft an der Universität Bonn.