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aus: handelsblatt.de, 2. April 2010

 

Kohl-Biograph im Interview: 

„Merkel will Kohl nicht im CDU-Olymp“

Der Bonner Politologe Gerd Langguth gilt als ausgewiesener Kenner der CDU und hat ein Buch verfasst, in dem er sich mit den Machtmenschen Kohl, Schröder und Merkel auseinandersetzt. Anlässlich des 80. Geburtstags von Helmut Kohl spricht Langguth im Interview mit Handelsblatt Online, über Freunde, Feinde und Affären des Altkanzlers und erklärt, warum der Ehrenvorsitz für Kohl immer noch so wichtig ist.
von Andreas Niesmann

 

Zum 80. Geburtstag von Helmut Kohl führt die CDU eine Debatte darüber, ob man ihm den Ehrenvorsitz nicht wieder anbieten sollte. Haben die Christdemokraten Kohl inzwischen verziehen?

Gerd Langguth: Helmut Kohl hat zweifellos Verdienste um die Partei erworben. Er war es, der die CDU von einer angestaubten Honoratioren-Partei zu einer Mitgliederpartei gemacht hat. Jetzt, wo er 80 wird und gesundheitlich angeschlagen ist, steigt die Bereitschaft in der Partei, diese Verdienste wieder stärker zu sehen. Eine richtige Kohl-Nostalgie in der CDU sehe ich aber nicht - eher eine kleine Renaissance.

Was bedeutet Kohl selbst der Ehrenvorsitz ihrer Einschätzung nach noch?

Sehr viel. Für Kohl wäre das eine echte Anerkennung seiner politischen Leistung, eine kleine symbolische Wiedergutmachung. Nur so könnte er sich mit Angela Merkel aussöhnen, die ihn Anfang 2000 letztlich dazu gezwungen hat, den Ehrenvorsitz niederzulegen.

Wäre Angela Merkel gut beraten, Kohl den Ehrenvorsitz wieder anzutragen? Sie selbst sagt ja, diese Frage stelle sich nicht mehr.

Merkel will ihn nicht in den Olymp der CDU zurückholen, weil sie fürchtet, dass damit wieder die negativen Schlagzeilen der Spendenaffäre hochkochen könnten. Andererseits muss auch Merkel an einem guten Verhältnis zu Kohl gelegen sein.

Welche Bedeutung hat Helmut Kohl heute noch für die Deutschen?

Helmut Kohl war für eine ganze Generation die entscheidende politische Persönlichkeit, die das Land geprägt hat, an der man sich aber auch abgearbeitet hat. 25 Jahre lang war er CDU-Vorsitzender, 16 Jahre lang Bundeskanzler. Wenn jetzt die vielen Dokumentationen und Artikel zu seinem Geburtstag erscheinen, merkt man schon, dass das bei vielen Menschen Erinnerungen wachruft.

Auffällig ist, dass sich viele Weggefährten Kohls nicht anlässlich seines 80. Geburtstages äußern wollen. Bei Helmut Schmidt war anders. Kann man sich an Kohl immer noch die Finger verbrennen?

Helmut Kohl hat während seiner Amtszeit nicht nur Freunde gewonnen, sondern sich auch viele Feinde gemacht. Mit denen ist er nicht immer zimperlich umgegangen - auch nicht in seinen Memoiren. Da es üblich ist, anlässlich eines 80. Geburtstages vor allem positive Dinge zu sagen, sagen einige lieber nichts. Die wollen aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen.

Wie war es möglich, dass ein Mann mit den begrenzten rhetorischen Fähigkeiten Helmut Kohls Bundeskanzler wurde und sich 16 Jahre lang an der Macht hielt?

Helmut Kohl war durchaus eine charismatische Persönlichkeit - vor allem in seiner Partei. Dort hat er frühzeitig angefangen, Netzwerke aufzubauen und bei seinen Sympathisanten Partizipationserwartungen zu wecken. Das funktionierte nach dem Prinzip "Wer mich unterstützt, den unterstütze ich auch." Meiner Einschätzung nach war das der eigentliche Kern des "Systems Kohl".

War Kohls physische Stärke bei seiner politischen Karriere hilfreich?

Das kann man sagen. Kohl hatte ja eine beeindruckende Statur. In Sitzungen konnte er durch seine Größe und seinen Umfang geradezu erdrückend wirken, er war in der Lage, politische Gegner mit seiner physischen Stärke an die Wand zu drücken.

Was sind Kohls größte Verdienste?

Kohls Leistungen sind vor allem außenpolitischer Natur. Obwohl es unpopulär war, hat er am NATO-Doppelbeschluss festgehalten, was den Westen zusammengehalten hat, und vielleicht eine der wichtigsten Voraussetzungen für die spätere Einheit Deutschlands war. Den Prozess der Widervereinigung hat Kohl zwar nicht angestoßen, aber mit seinem Zehn-Punkte-Plan klug begleitet. Außerdem muss man die Durchsetzung der europäischen Gemeinschaftswährung zu seinen Verdiensten zählen: Ohne Helmut Kohl hätte es den Euro nicht gegeben.

Innenpolitisch hat Kohl zusammen mit seinem Finanzminister Gerhard Stoltenberg am Anfang seiner Regierungszeit die Staatsquote gesenkt und den Haushalt konsolidiert. Durch die finanziellen Auswirkungen der Einheit ist das aber konterkariert worden. Die geistig-moralische Wende, die Kohl angekündigt hatte, ist nicht sichtbar geworden.

Wie sehr hat die Spendenaffäre Kohls Ansehen geschadet?

Sehr, vor allem kurzfristig hat das sein Lebenswerk erheblich verdüstert. Meine Überzeugung ist, dass die Spendenaffäre mit zunehmendem Zeitabstand in der Geschichte nur eine Fußnote sein wird, Kohls Leistungen bei der Deutschen Einheit werden dann wieder stärker in den Vordergrund rücken.

Glauben Sie, dass die ominösen Parteispender irgendwann noch auftauchen werden?

Das ist schwer zu sagen. Da kann man nichts ausschließen. Aber es müsste erst einmal ein Beweis erbracht werden, dass es die überhaupt gibt.