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Hamburger Abendblatt, 25. März 2009 Was von den großen Reden der Bundespräsidenten übrig bliebRoman Herzog begründete die Tradition der Berliner Rede mit seiner berühmten "Ruck"-Rede. Auch seine Nachfolger äußerten sich in diesem Rahmen immer wieder zu wichtigen gesellschaftspolitischen Themen. Das Abendblatt befragte den Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth, was aus den Kernforderungen dieser Reden geworden ist - und was nicht. Roman Herzog am 26. April 1997: "Durch Deutschland muss ein Ruck gehen." Langguth: "Eine schöne Forderung. Aber es dauerte dann noch viele Jahre, bis - unter Gerhard Schröder - die Agenda 2010 kam, die letztlich ein Ergebnis der Ruck-Rede ist." Johannes Rau, 12. Mai 2000: "Wir müssen Unsicherheit und Angst überwinden, die manchmal zu Fremdenfeindschaft, zu Hass und Gewalt führen." Langguth: "Mitmenschlichkeit kann man nicht verordnen." Johannes Rau, 18. Mai 2001: "Wir müssen uns gemeinsam immer wieder neu darauf verständigen, welche Richtung wir dem Fortschritt geben wollen." Langguth: "Rau hat sich damals mit der Schröder-Regierung angelegt, indem er sich gegen die Forschung an embryonalen Stammzellen ausgesprochen hat. Doch sein Plädoyer war vergeblich: Der Bundestag hat ein Gesetz verabschiedet, das die Forschung an importierten Stammzellen erlaubte." Johannes Rau, 13. Mai 2002: "Wir müssen uns darüber klar werden, wie wir Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen in Zeiten der Globalisierung sichern und fördern können." Langguth: "Rau hat die Gefährdungen durch die Globalisierung erkannt, seine Rede hat keine Auswirkungen gehabt." Johannes Rau, 19. Mai 2003: "Wir müssen darüber nachdenken, was es für Deutschland bedeutet, wenn Europa größere Verantwortung in der Welt übernehmen soll." Langguth: "Europa hat eine größere Verantwortung übernommen. Zum Beispiel am Hindukusch. Ich glaube allerdings nicht, dass das ein Ergebnis dieser Rede war." Johannes Rau, 12. Mai 2004: "Die politische Gestaltung muss zurück in die Parlamente." Langguth: "Rau hat völlig recht. Man denke nur an die sogenannte Räte-Demokratie eines Gerhard Schröder, der ja immer mehr Hartz-Kommissionen, Süssmuth-Kommissionen, Dohnanyi-Kommission berufen und das Parlament auf diese Weise sanft aus dem Entscheidungsprozess herausgenommen hat." Horst Köhler, 21. September 2006: "Bildungschancen sind Lebenschancen - sie dürfen nicht von der Herkunft abhängen." Langguth: "Köhler kommt ja aus einer, wie man heute sagen würde, bildungsfernen Familie. Er ist also selber ein Beispiel für die - notwendige - Durchlässigkeit unseres Bildungssystems." Horst Köhler, 1. Oktober 2007: "Wir brauchen eine Entwicklungspolitik für den ganzen Planeten." Langguth: "Eine richtige Forderung, die die Industriestaaten allerdings nie freiwillig umsetzen werden. Durch die Krisensituation werden sie jetzt wahrscheinlich faktisch gezwungen, einen Teil ihres Wohlstands abzugeben." Horst Köhler, 17. Juni 2008: "Unser Bildungswesen darf niemanden aufgeben und zurücklassen." Langguth: "Eine berechtigte Forderung, die vornehmlich an die Adresse der Bundesländer geht, die die Bildungshoheit haben. Die Entwicklung, dass Teile der jungen Generation von den eigenen Eltern viel zu wenig betreut werden, hat Köhler mit dieser Forderung allerdings nicht gestoppt." | |||||||||||||||||||||||||||||