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Hamburger Morgenpost, 9. Juni 2009
EUROPAWAHL
"Steinbrück wäre der
bessere Kandidat"
HARALD STUTTE
Die SPD und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier finden sich spätestens
seit der Europawahl im Tal der Tränen wieder. Die MOPO sprach mit dem
Politikwissenschaftler Prof. Dr. Gerd Langguth von der Uni Bonn über das Dilemma
der Genossen.
MOPO: Wo liegt das Dilemma der SPD begründet?
Langguth: Alle sozialdemokratischen Parteien Europas haben im Moment Probleme.
In Deutschland kommt hinzu, dass der SPD überzeugende Ideen fehlen, auch
angesichts des Kurses, den die Kanzlerin fährt, die kein Problem hat, politisch
ihrem Koalitionspartner und sozialdemokratisch orientierten Wählern weit
entgegenzukommen.
MOPO: Ist Frank-Walter Steinmeier der richtige Kanzlerkadidat?
Langguth: Angesichts der Krise wäre es aus heutiger Sicht sicher besser gewesen,
wäre Finanzminister Peer Steinbrück Kandidat geworden. Aber das war
unrealistisch, weil er nicht den Mehrheitsflügel vertritt. Die SPD ist eine in
sich zerrissene Partei, gespalten in Linke, Netzwerker (Mitte) und Seeheimer
Kreis (Rechte).
MOPO: War diese Europawahl denn überhaupt eine Steinmeier-Wahl?
Langguth: Es überwogen nationale Themen, wie wir beispielsweise in
Großbritannien deutlich sehen können.
MOPO: Wie kann die SPD bis zur Bundestagswahl noch die Wende schaffen?
Langguth: Das Desaster für die SPD sind die 17 Prozentpunkte Unterschied, die
ihr zur Union fehlen. Deswegen glaubt kaum jemand daran, dass sie das aufholen
kann. Die SPD-Wahlkämpfer wird das sehr demotivieren.
MOPO: Sollte Steinmeier mehr Biss zeigen?
Langguth: Es war taktisch falsch, die Kanzlerin immer wieder zu attackieren.
Solange man gemeinsam im Regierungsboot sitzt, zahlt sich eine negative Kampagne
nicht aus. In der jetzigen Krisenzeit wollen die Wähler Gemeinsamkeit und keinen
Streit. Denn Krisenzeiten sind immer Kanzlerzeiten. In der Öffentlichkeit wird
sie als Chef der Koalition wahrgenommen, zumal sie für Konsens steht.
MOPO: Was fehlt Frank-Walter Steinmeier, was zum Beispiel ein Gerhard
Schröder hatte?
Langguth: Er hat noch nie Wahlkampf geführt. Er kandidiert jetzt erstmals für
den Bundestag. Von heute auf morgen wird aus einem hoch qualifizierten Beamten
kein Politiker. Es bedarf schon zahlreicher Debattenerfahrung, ehe sich so etwas
wie Charisma entwickelt.
MOPO: Mitunter scheint es, als schiele Steinmeier
bereits auf die Verlängerung seines Jobs als Vizekanzler an Merkels Seite ...
Langguth: ... und genau weil er so staatstragend rüberkommt, wirkt jeder
Versuch, Kante zu zeigen, sehr bemüht.
MOPO: Sehen Sie in der SPD Potenzial für einen personellen Neuanfang?
Langguth: Vom Personal-Tableau her wirkt die SPD sehr stark ausgedünnt. Anders
wäre Münteferings Rückkehr an die Parteispitze auch nicht vorstellbar gewesen,
denn das hat einen personellen Neuanfang verhindert. Und jenen, die als die
nächste Generation gehandelt werden - Andrea Nahles, Sigmar Gabriel und Klaus
Wowereit - traut man Kanzlerformat noch nicht zu.
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