|
|
aus: Gießener Anzeiger, 12. August 2009 (wortgleich, mit anderen Überschriften, in: Eßlinger Zeitung, Neue Presse Hannover, Nordkurier, Nordwest Zeitung und Schweriner Volkszeitung, am gleichen Tage)
"Krisenzeiten sind immer Kanzlerzeiten" Parteienforscher: Jeder Kandidat der SPD hätte es schwer Andreas Herholz, Berlin Der
Parteienforscher Gerd Langguth von der Universität Bonn sieht die Politik
insgesamt, aber vor allem die Volksparteien in der Krise. Und er konstatiert bei
der Bevölkerung ein nachlassendes Interesse an Politik. Langguth:
Es herrscht eine ungewöhnliche Wahlkampfatmosphäre wie es sie in den vergangenen
Jahrzehnten nicht gegeben hat. Es gibt bis jetzt praktisch keinen Wahlkampf.
Frank-Walter Steinmeier leidet darunter, dass jeder Versuch scheitert, gegen die
Kanzlerin Angela Merkel zu polarisieren. Er beginnt darunter zu leiden, dass er
Wahlkämpfer ist. Langguth: Dieser Vorwurf ist aus seiner Sicht verständlich. Merkel ist einer harten inhaltlichen Auseinandersetzung entwichen. "Auf die Kanzlerin kommt es an", dürfte ihr Motto sein. 2005 hatte Frau Merkel einen profilierten Wahlkampf versucht. Damit wäre sie fast gescheitert. Daraus hat sie gelernt. Jetzt setzt sie voll auf ihren Kanzlerinnenbonus. Sie hat erkannt, dass die Menschen in einer Krise keine Auseinandersetzungen der Regierungsparteien gegeneinander wollen. Harte Attacken und erbitterter Wahlkampf kommen da nicht an. Ist Frank-Walter Steinmeier als Vizekanzler und Außenminister ein Gefangener der großen Koalition? Langguth:
Jeder Kandidat der SPD hätte es derzeit schwer. In einer großen Koalition tut
man sich mit Polarisierung immer schwer. Steinmeier versucht seit Monaten, die
Kanzlerin direkt anzugreifen. Es wirkt nicht glaubwürdig, wenn man in der
Regierung ist und gleichzeitig Opposition macht. Krisenzeiten sind immer
Kanzlerzeiten. Und es kriselt seit langem bei den Sozialdemokraten. Ob das
Scheitern von Frau Ypsilanti in Hessen oder die Kandidatur von Frau Schwan bei
der Bundespräsidentenwahl - es läuft einfach nicht. Frank-Walter Steinmeier hat
zudem das Handicap, dass er noch nie Wahlkämpfer in eigener Sache war. Das merkt
man ihm an. Da ist er ungeübt. Sind die Deutschen wahlkampfmüde? Langguth: Das Interesse der Deutschen an der Politik geht deutlich zurück. Laut Umfragen hatten 2003 noch 46 Prozent aller Wählerinnen und Wähler ein starkes Interesse an der Politik. Jetzt sind es nur noch 38 Prozent. Bei der jungen Generation ist das Interesse in dieser Zeit von 29 Prozent auf 21 Prozent zurückgegangen. Der Glaube, dass die Politik die Probleme lösen kann, hat in der Zeit der Globalisierung nachgelassen. Die Politik und vor allem die Volksparteien stecken in der Krise. Auch für die CDU kann es noch ein böses Erwachen geben. | |||||||||||||||||||||||||||||