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aus: Generalanzeiger Bonn,  25. Februar 2011

 

Gerd Langguth: "Das ist ein verheerendes Signal"

Karl-Theodor zu Guttenberg, die Moral und die Medien. Mit Professor Gerd Langguth sprach Ulrich Lüke.
 

General-Anzeiger: Sie haben zu Wochenbeginn gesagt: "Wenn die Uni Bayreuth Karl-Theodor zu Guttenberg den Doktortitel aberkennt, stellt sich die Frage, ob er Minister bleiben kann." Kann er?

Gerd Langguth: Die Frage stellt sich in der Tat. Aber ich habe auch vorhergesagt: Er wird jetzt durchgetragen. Für mich stellt sich die Frage, ob man das Plagiieren zu Guttenbergs von seiner politischen Tätigkeit trennen kann. Das kann man meiner Meinung nach nicht.

GA: Die Kanzlerin tut das aber...

Langguth: Es ist nicht überzeugend, wenn Frau Merkel sagt, sie hätte ja keinen wissenschaftlichen Assistenten eingestellt, sondern einen Verteidigungsminister.

GA: Wie kommt die ganze Affäre eigentlich in den Hochschulen an?

Langguth: Das ist ein verheerendes Signal, aber gleichzeitig auch eine Warnung für viele, zumal auch selbst immer wieder in Magisterarbeiten der Versuch unternommen wird zu plagiieren.

GA: Hat die Sache mit der Aberkennung des Doktortitels in der Welt der Wissenschaft ihr Bewenden?

Langguth: Nein, das wird damit nicht sein Bewenden haben. Aber wenn einer so eine Krise überleben kann, dann zu Guttenberg. Weil mehr als 70 Prozent der Bevölkerung ausweislich einer ARD-Umfrage immer noch hinter ihm stehen.

GA: Können Sie sich als Wissenschaftler vorstellen, dass man eine Doktorarbeit in dieser Intensität fälscht und das selbst macht?

Langguth: Nein, das kann ich mir offen gestanden nicht vorstellen. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

GA: Da schwingt der Verdacht mit, die Arbeit sei gar nicht von ihm geschrieben worden...

Langguth: Er musste bei der Abgabe der Doktorarbeit erklären, dass er diese "ohne fremde Hilfe" geschrieben hat. Vor diesem Hintergrund wird er gar nicht erklären dürfen, dass es vielleicht auch ein ?Gesamtkunstwerk? mehrerer Personen war. Das ist reine Spekulation. Auch in seinem Falle gilt erst einmal die Unschuldsvermutung.

GA: Wie kann so eine Arbeit mit "summa cum laude" bewertet werden?

Langguth: Das ist mir auch ein Rätsel. Andererseits: Auch zu Guttenbergs Thema gibt es Tausende von Einzelbeiträgen in der wissenschaftlichen Literatur. Ein Doktorvater wird da nicht immer den Überblick haben können.

GA: Ist es eigentlich in Ordnung, dass so eine individuelle Verfehlung wie die Doktorarbeit stärker wirkt als all die Vorfälle in der Bundeswehr, in Kundus, auf der Gorch Fock etwa?

Langguth: Bei allen anderen Bundeswehraffären konnte er ja sagen: Das waren Entscheidungen Dritter. Hier geht es um seine persönliche "Schummelei", die er selber zu verantworten hat und diese Verantwortung nicht Dritten übereignen kann.

GA: Sie fordern nicht den Rücktritt des Verteidigungsministers?

Langguth: Es wäre meines Erachtens auch in seinem Sinne gewesen, freiwillig eine Auszeit zu nehmen. Aber die Union braucht zu Guttenberg offensichtlich in den anstehenden sechs Landtagswahlkämpfen.

GA: Warum ist er so beliebt?

Langguth: Weil er in seinem ganzen Auftreten redlicher wirkt als andere. Weil er unabhängig wirkt, so unabhängig, dass er zurücktreten könnte und trotzdem eines Tages mit Sicherheit zurückkehren würde. Er hat ja noch das Bundestagsmandat und eine relativ starke Stellung in seiner Herkunftspartei, der CSU.

GA: Wie wäre es eigentlich Guido Westerwelle in einem ähnlichen Fall ergangen?

Langguth: Da Westerwelle im Volk und bei den "kleinen Leuten" weniger verankert ist, wäre er schon längst fallen gelassen worden.

GA: Manche vergleichen den Fall zu Guttenberg mit dem Fall Käßmann. Geht das?

Langguth: Es ist ja auch ziemlich verwunderlich, dass jemand, der unter so starkem Alkoholeinfluss Auto gefahren ist, so vergöttert wird. Diese Vergötterung ist dort genauso fehl am Platz wie bei Herrn zu Guttenberg.

GA: Ist zu Guttenbergs Ansehen durch konkrete Taten erworben worden?

Langguth: Wenn einer die Bundeswehrreform zustande bringen konnte und zustande bringt, dann zu Guttenberg, der mit seiner öffentlichen Wirkung und seiner CSU-Herkunft das leichter stemmen konnte als jeder Verteidigungsminister vor ihm. Hier hat er etwas angestoßen, was noch vor einem Jahr als völlig unmöglich galt. Aber noch muss er das Meisterstück abliefern, dass diese Reform auch tatsächlich gelingt.

GA: Wie erklärt sich im Fall zu Guttenberg die Diskrepanz der öffentlichen zur veröffentlichten Meinung?

Langguth: Viele Medienleute haben natürlich eine andere, professionelle Sicht und sind politisch nicht unbedingt auf Unionslinie. Das breite Publikum fühlt sich durch eine Meinungselite teilweise in die Ecke gedrängt.

GA: Zu Guttenberg kann sich mehr erlauben als jedes andere Mitglied im Kabinett Merkel?

Langguth: Nein, jetzt ist das Fass voll - an Dingen, die er sich erlauben kann.

GA: Es darf jetzt nichts mehr dazu kommen?

Langguth: Das ist richtig.

GA: Kann zu Guttenberg nicht nur weiter Karriere machen, sondern auch Kanzler werden?

Langguth: Ein Politiker wächst dadurch, dass er Schrammen bekommt. Sicher vermittelt ihm diese Schramme sogar eine gewisse Bodenhaftung. Er ist bisher groß geworden wie in einem Märchenfilm als jemand, der auf einmal hienieden auf das Volk und die Politik traf. Jetzt "normalisiert" er sich. Er spielt jetzt nicht mehr in einer ganz besonderen Liga sondern in der normalen Bundesliga. Diese Erfahrung wird für ihn schmerzhaft sein. Aber ja: Eines Tages könnte er versuchen, die Kanzlerschaft anzutreten.

Zur Person Gerd Langguth, Jahrgang 1946, unterrichtet Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Er war von 1976 bis 1980 CDU-Bundestagsabgeordneter, danach vier Jahre Direktor der Bundeszentrale für Politische Bildung, zwei Jahre Bevollmächtigter Berlins beim Bund, fünf Jahre Leiter der deutschen EU-Vertretung und von 1993 bis 1997 Geschäftsführender Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung.