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General Anzeiger Bonn, 13. April 2008

 

Widerworte für Rudi Dutschke

Der aufgebauschte Mythos der Revolte wird allmählich entzaubert

 

Von Gerd Langguth

Auf die drängenden politischen Fragen von heute gibt „68“ keine Antwort: „Das sind zwei Welten. Emanzipation mit der grausamen Kulturrevolution in China zu verknüpfen, dieses Kunststück muss man erst mal bringen! Und dann diese Schwärmerei für die Arbeiterräte der 20er Jahre. Das alles war damals schon rückwärtsgewandt.“ Man reibt sich die Augen. Das sagte in diesen Tagen der Alt-68er und grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit seinem erstaunten Publikum zu und rief aus: „Forget 68“.

Nein, „68“ sollte nicht vergessen werden, aber der kunstvoll aufgebaute Mythos einer Revolte, die sogar zu einer „zweiten Geburt der Demokratie in Deutschland“ hochstilisiert wurde, wird langsam entzaubert – gerade von ehemaligen Aktivisten jener Revolte wie dem Schriftsteller Götz Aly, der diese  sogar mit dem Treiben der nationalsozialistischen Studenten vor und im Dritten Reich vergleicht. „1968“ war keineswegs eine rein deutsche Angelegenheit, auch wenn die Rolle der deutschen Elite in der Hitler-Zeit thematisiert wurde: Die Protestformen wie „Sit-ins“ oder „Go-ins“ waren aus dem kalifornischen Berkeley entliehen, die Maiunruhen von 1968 führten in Frankreich sogar fast zum sofortigen Sturz des Staatspräsidenten de Gaulle. In allen westlichen Industriestaaten – von Japan bis Italien, den USA bis Großbritannien – gab es aufbegehrende Studenten. Selbst im Osten schien die politische Welt im Aufruhr, etwa in Prag. 

Interessant ist, dass jene Protestbewegung in Deutschland weitgehend auf Oberschüler und Studenten begrenzt blieb. Junge Arbeiter hielten überhaupt nichts von den Erklärungen angehender Intellektueller, sie würden als Proletariat ausgebeutet. Sehr viele deutsche Studenten hatten sich mit den Führern des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), insbesondere mit Rudi Dutschke solidarisiert. Hochburgen waren Berlin, Heidelberg, Tübingen, Frankfurt, Göttingen und Hamburg – übrigens allesamt in protestantisch dominierten Landschaften. In den traditionell mehr katholisch geprägten Universitätsstädten tat sich der SDS sehr viel schwerer. So waren etwa die Allgemeinen Studentenausschüsse in Städten wie Aachen, Bonn, Köln, Münster oder Paderborn lange Zeit von Mitgliedern des Ringes Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) geleitet worden, während anderswo die „Studentenregierungen“ schon längst in den Händen des SDS oder maoistischer  „K-Gruppen“, Roten Zellen oder später dem DKP-nahen Spartakus waren.

Der politische Kampf gerade in der Bonner Universität war besonders heftig. Die Revolutionäre hatten schnell gemerkt, wie wichtig Medien für ihren politischen Kampf sind. Die damalige Hauptstadtpresse nahm Ereignisse in Bonn intensiv wahr, weshalb manche Ereignisse in die Bonner Universität verlegt wurden. Legendär ist etwa eine Veranstaltung mit dem damaligen DDR-„Staranwalt“ Friedrich K. Kaul, der am 6. Februar 1968 von kommunistischen Studenten in die Bundeshauptstadt geholt worden war. Er wollte über die Rolle von Nazis in der Bundesrepublik sprechen – man erinnere sich an die inzwischen bekannten Dokumentenfälschungen im Zusammenhang mit dem angeblichen „KZ-Baumeister“ Heinrich Lübke durch die DDR-Staatssicherheit. Kaul erhielt einen – für ihn ungewohnt – äußerst unfreundlichen Empfang und verließ empört die Veranstaltung, als ihm die Repression in der DDR vorgehalten wurde. Linksradikale Studenten bezeichneten dies als „Störung“. Und selbst Rudi Dutschke hatte bei seinem Auftritt in der Bonner Universität mit ihn irritierenden Widerworten zu rechnen. Seine Witwe Gretchen bezeichnete in ihrer Biographie Bonn als ein „besonders konservatives Pflaster“. Sie erwähnte dabei: „Die Diskussion kam richtig in Gang, als ein RCDSler intelligenten Widerspruch vortrug.“

Die Studentenrevolte war von mehreren parallelen Impulsen beeinflusst – sehr stark anfänglich von linksliberal-radikaldemokratischen, die jedoch dann aber immer mehr gegenüber den anderen Strömungen aus dem Anarchismus, Trotzkismus bis hin zum Marxismus-Leninismus ins Hintertreffen gerieten. Jedem ist zu empfehlen, etwa die frühzeitigen Politdiskurse Rudi Dutschkes nachzulesen. Immer mehr entwickelte sich die Protestbewegung zu einer stark ideologisch geprägten Bewegung, die sozialistischen Utopien eines „neuen Menschen“ etwa eines Herbert Marcuse vertrat, immer stärker von den verschiedenen Spielarten des Marxismus inspiriert wurde und sich im Weltmaßstab als „antiimperialistisch“ verstand. Der „harte Kern“ der sich als „antiautoritär“ ausgebenden Revolte stand nicht auf dem Boden des Grundgesetzes: Das Mittel einer Erziehungsdiktatur wurde von ihren Führern als richtig und notwendig erachtet. Einige unterschrieben sogar Grußtelegramme an das verbrecherische Pol-Pot-Regime in Kambodscha.

Hier sind wir schon bei der wichtigsten Bedeutung der Studentenrevolte: Sie zeigte, dass sich Teile der akademischen jungen Generation in der deutschen Tradition romantischer Ideale nicht an einem realistischen Menschenbild orientierten, sondern sich für eine Massenbewegung begeisterten, die der berühmte Politikwissenschaftler und Sozialdemokrat Richard Löwenthal zu Recht als einen „romantischen Rückfall“ brandmarkte.

Gegenwärtig erleben wir erneut den Versuch, die Studentenrevolte zu so etwas wie einer „zweiten Geburt der Bundesrepublik“ hochzustilisieren. Das ist ahistorisch: Was in Deutschland immer als Vermufftheit der Adenauer-Ära charakterisiert wurde, war auch in anderen Ländern gang und gäbe. Als 1949 in Frankreich das heute so viel zitierte Buch „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir erschien, war die Empörung groß. Die Sexualmoral hatte sich in allen westlichen Staaten erst gelockert, als die Anti-Baby-Pille auf dem Markt war. Das war lange vor der Studentenrevolte.

Aber zweifellos wurden viele der schon in der Gesellschaft angelegten Entwicklungen beschleunigt. Schon ab den sechziger Jahren gab es wichtige gesellschaftliche Änderungen: Neue musikalische Formen hatten schon längst ihr Millionenpublikum erobert. Die Behauptung, erst mit der Studentenrevolte habe es in Deutschland einen Kulturbruch gegeben, ist wissenschaftlich nicht belegbar. Das Gegenteil ist richtig: Die Studentenrevolte konnte auf den einsetzenden Umbrüchen aufbauen und erst dadurch ihre eigene Dynamik gewinnen und die kulturellen Umbrüche beschleunigen. Es wäre falsch, jene Revolte nur von ihren Wirkungen her zu interpretieren. Sie muss zunächst von ihren eigenen Zielsetzungen her analysiert werden.