Herr Langguth, muss sich die FDP neu erfinden?
Zweifellos. Als reine Steuersenkungs-Partei kann sie
sich auf den anderen wichtigen liberalen Feldern nicht profilieren und wird
noch mehr die Lufthoheit über den Bistrotischen an die Grünen verlieren.
Genau das Gleiche hätten Sie vor zwei, fünf oder
zehn Jahren auch schon sagen können.
Stimmt. Aber bisher konnte Guido Westerwelle zumindest den Erfolg der
Ein-Thema-Partei reklamieren, hat er sie doch damit zum besten
Bundestagswahlergebnis ihrer Geschichte geführt. Das hat in der FDP sogar die
aberwitzige Vorstellung hervorgebracht, die Parteiengeschichte trete im Jahre
2009 in eine neue Ära ein – mit einer dritten Volkspartei. Das war eine
groteske Selbstüberschätzung. Dass die FDP inzwischen an der
Fünf-Prozent-Hürde herumkrebst, zeigt ja, dass ihr Stammwählerpotenzial
kleiner ist als das der Grünen.
Von 14 Prozent auf fünf in nur zehn Monaten. Wie erklärt sich dieser
rasante Absturz?
Der Hauptgrund dafür ist, dass Westerwelles Autorität als
Parteichef dramatisch eingebrochen ist – gerade bei denen, die 2009 überhaupt
zum ersten Mal die FDP gewählt hatten. Die meisten von ihnen wollen jetzt von
ihrer Wahlentscheidung nichts mehr wissen, weil sie die Starrheit der FDP in
steuerpolitischen Fragen nicht gutheißen. Ich kann Ihnen sagen, ich bin privat
und beruflich umgeben von FDP-Wählern des Jahres 2009. Keiner von denen wird
das wieder tun.
Warum nicht?
Die Menschen wollen nicht, dass in ihren Städten die Schulen verkommen und
Schwimmbäder geschlossen werden müssen. Es gibt bei vielen die Bereitschaft,
die relativ hohe Steuerlast zu tragen. Aber diese Einsicht hat die FDP
konsequent verdrängt. Sie hat nicht realisiert, dass 2009 nicht sie selbst die
meisten Stimmen geholt hat, sondern Angela Merkel. Viele FDP-Wähler wollten,
dass sie Kanzlerin bleibt, aber zugleich sollte sie in ihr Regierungskostüm
ein paar zusätzliche marktwirtschaftliche Korsettstangen eingezogen bekommen.
Auf die Blindheit für soziale Belange und die Hartleibigkeit einer
Anti-Hartz-IV-Polemik aber reagieren diese Wähler allergisch.
Die FDP-Wähler sind aber auch am ehesten geneigt, von "ungerechten
Verhältnissen" in Deutschland zu sprechen – und zwar zulasten der Starken.
Stimmt. Aber auch Führungskräfte in der Wirtschaft oder
Mittelständler wissen, dass eine Regierung breite Mehrheiten braucht. Und sie
wollen nicht mit dem Image einer "anti-sozialen Politik" identifiziert werden.
Natürlich ist die Steuerpolitik für die politische Identität der FDP wichtig.
Aber da die FDP genau wegen dieses Themas ausgesprochen unflexibel aufgetreten
ist, war die schwarz-gelbe Koalition insgesamt längst nicht so erfolgreich,
wie sie es hätte sein müssen. Wer den Bürgern ein Sparpaket mit erheblichen
Lasten aufbürdet, muss dafür sorgen, dass alle Teile der Bevölkerung daran
mittragen, auch und gerade die Besserverdienenden. Eben diese Lastenteilung
hat die FDP verhindert.
Das Problem liegt also im Personal und im Programm?
Ja, und es ist hier wie dort das gleiche Paradox: Zu wenig, aber davon zu
viel. An der Parteispitze gibt es sichtbar nur Westerwelle, Westerwelle,
Westerwelle. Und programmatisch nur das Mantra Steuern runter. Dabei hätte die
Partei durchaus mehr zu bieten, auch bei den Leuten hinter Westerwelle.
Wen denn?
Philipp Rösler zum Beispiel.
Der gerade in den trüben Gewässern des Gesundheitswesens versumpft.
Das kennzeichnet ein zusätzliches Problem der FDP: Insbesondere die CSU gönnt
ihr partout keinen Erfolg. Auch Merkel müsste eigentlich daran interessiert
sein, dass die FDP Erfolge einfährt. In einer Koalition muss der große Partner
dem kleinen auch mal entgegenkommen. Helmut Kohl hat das mit der Genscher-FDP
immer so gehalten. Heute aber ist da eine CSU am Werk, die der FDP in puncto
Sturheit mindestens ebenbürtig ist.
Wie ist es um den "Markenkern" der FDP bestellt, die Liberalität?
Sie gibt diesen großen Wert in der kleinen Münze der Marktliberalität aus,
aber nicht als politisch-gesellschaftliche Haltung. Deshalb haben die Grünen
als Hüter der Bürgerrechte so leichtes Spiel. Es genügt halt nicht, wenn der
Parteivorsitzende als einziges Bürgerrecht die gleichgeschlechtliche
Partnerwahl als sein Lebensthema entdeckt und sich hier an die Spitze einer –
übrigens auch gar nicht mehr so emanzipatorischen – Bewegung setzt.
Bei gleichzeitiger Proklamation einer Unvereinbarkeits-Doktrin zwischen
FDP und Grünen.
Es handelt sich einerseits um eine kulturelle, andererseits um eine
machtpolitische Unvereinbarkeit. "Kulturell", weil die FDP letztlich den
"alten Liberalismus" verkörpert, selbst mit ihren jungen, frischen Gesichtern.
Die Grünen dagegen gerieren sich als "neue Liberale", als eine neo-bürgerliche
Partei. Und im Kampf zweier Parteien um eine soziologisch ähnliche
Wählerschaft ist die Auseinandersetzung immer härter und unerbittlicher als
zwischen Parteien, deren Zielgruppen weiter voneinander entfernt sind.
Also konnten FDP und Grüne in Nordrhein-Westfalen gar nicht zueinander
kommen?
Ich bin überzeugt, dass sich manch grüner Spitzenfunktionär am Ende selbst mit
"Jamaika" hätte anfreunden können. Das sieht allerdings an der Parteibasis
ganz anders aus. Dort herrscht eine merkwürdige, fast irrationale Antipathie
zwischen beiden Parteien
Irrational?
Dass die Grünen in NRW offensichtlich geringere Probleme haben, sich
ausgerechnet auf die Linkspartei einzulassen als auf die demokratisch bewährte
FDP – das nenne ich in der Tat irrational.
Es gibt den mehr oder weniger gut gemeinten Rat an Westerwelle, er solle
Regierungs- und Parteiamt trennen. Die SPD hat das getan, die CDU schwört seit
Jahrzehnten auf die Doppelfunktion. Woran soll Westerwelle sich orientieren?
Sein Referenzmann dürfte Gerhard Schröder sein. Als dieser 2004 den
SPD-Vorsitz an Franz Müntefering übergeben hat, wohlgemerkt einen loyalen
Gefolgsmann, war dies der Anfang vom Ende seiner Kanzlerschaft. Westerwelle
wird also nie und nimmer freiwillig den Parteivorsitz abgeben und stattdessen
darauf verweisen, dass es Hans-Dietrich Genscher auch gelungen sei, beide
Positionen miteinander zu verbinden. Das waren andere Zeiten, als die
Außenpolitik wegen der Teilung Deutschlands eine starke innenpolitische
Komponente hatte. Westerwelle hätte ein anderes Ressort übernehmen sollen,
weil ihm der Spagat Staatsmann versus Parteiführer nicht gelungen ist.
Wenn kein freiwilliger Verzicht, dann ein erzwungener? Ist die Partei
bereit zur Revolte?
Zumindest sind momentan so etwas wie Auflösungserscheinungen in der FDP
sichtbar. Westerwelles Autorität ist angeknackst. Das sehen Sie daran, dass er
derzeit regelrecht abgetaucht ist. Aus der hessischen FDP, seit jeher ein
Widerstandsnest gegen Westerwelles Alleinherrschaft, kommt laute Kritik, die
für die Furcht vieler Landesverbände steht, in den nächsten Wahlen als
Sündenbock für Berlin herhalten zu müssen. Ein anderes Indiz für Westerwelles
Niedergang sind die Haarrisse im Vorfeld der Bundesversammlung. Die Wahl des
Bundespräsidenten ist die Belastungsprobe für seine Autorität als Parteichef.
Das gilt aber auch für seine CDU-Kollegin.
Ihre Prognose?
Es bleibt beim Knacks der FDP. Wulff wird gewählt, ob im ersten Wahlgang,
scheint mir fraglich.
Interview: Joachim Frank