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Frankfurter Rundschau, 22. April 1999
Der Glaube an eine schnellere
Rückkehr an die Macht ist wieder da
Vier Thesen zur ambivalenten Lage der
Christlich-Demokratischen Union Deutschlands vor dem Parteitag in Erfurt
Von Gerd Langguth
Die CDU ist eine erstaunliche Partei: Obwohl
die Christdemokraten am 27. September letzten Jahres das mit Abstand
schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte eingefahren haben - sieht man von
den Bundestagswahlen 1949 ab, wo sie immerhin deutlich stärkste Partei
wurden -, fand die von vielen unmittelbar nach der Niederlage
vorhergesagte innere Zerreißprobe bislang nicht statt. Fast routinehaft
gingen die erfolgreichsten deutschen Nachkriegsparteien CDU und CSU auf
Bundesebene in die Opposition - und zur Tagesordnung über.
Der überraschende Unions-Wahlsieg in
Hessen wirkte sich daher um so mehr beschwichtigend auf die Psyche der
Partei aus: Plötzlich ist der Glaube an die Möglichkeit einer
schnelleren Rückkehr an die Schalthebel der Macht wieder da - und die
innerparteiliche Position Wolfgang Schäubles deutlich gestärkt.
Keinesfalls aber dürfen die
erforderlichen innerparteilichen Reformen ad acta gelegt werden. (. . .)
Insgesamt bleibt die Situation für die Union sehr ambivalent.
In vier Thesen soll ihre Ausgangslage
dargestellt werden:
These 1: Die Volksparteien verlieren
an Integrationskraft, die CDU/CSU hat jedoch im Verhältnis zur SPD eine
weitaus stabilere Wählerbasis.
Die deutschen Volksparteien, insbesondere
die CDU, wurden als sogenannte "catch-all-parties" schon immer
in der internationalen Parteienforschung als eine Besonderheit
angesehen. Zunehmend wird auch in der Wissenschaft die Frage gestellt,
ob sich nicht in Deutschland der Trend zu einer weiteren Zersplitterung
der Parteienlandschaft fortsetzt. Eine Reihe von
politikwissenschaftlichen Daten markieren den Verlust an
Integrationskraft der großen Volksparteien:
- Den beiden großen Parteiströmungen
gelang es über viele Jahre, etwa neunzig Prozent der abgegebenen
Stimmen im Nachkriegswestdeutschland auf sich zu vereinigen. Bei den
Bundestagswahlen im Jahre 1976 - ein Höhepunkt in dieser Entwicklung -
entfielen 91,2 Prozent der abgegebenen Stimmen auf die großen
Volksparteien (48,6 !) Prozent für die CDU/CSU und 42,6 Prozent für
die SPD). Seitdem nimmt der Anteil der beiden großen Formationen jedoch
kontinuierlich ab; bei den letzten Bundestagswahlen erhielten sie
zusammen nur noch 76,0 Prozent. Statt der jahrzehntelang vertrauten drei
Fraktionen haben wir jetzt fünf.
- Ein Indikator für die Bindungskraft
der Parteien ist die Wahlbeteiligung: seit 1953 nahmen jeweils weit
über achtzig Prozent der Bevölkerung an den Wahlen teil. Der
Höhepunkt wurde - und dies ohne gesetzlichen Wahlzwang wie in anderen
europäischen Ländern - 1972 mit 91,1 erreicht. 1998 lag die -
gesamtdeutsche - Wahlbeteiligung bei nur noch 82,2 Prozent (in
Ostdeutschland war sie mit 80,0 Prozent geringer als in Westdeutschland
mit 82,8 Prozent). Die Wähler werden zunehmend "volatiler",
sie "diffundieren" in die eine oder andere Richtung, fühlen
sich immer weniger einer Parteitradition verhaftet oder bleiben ganz den
Wahlurnen fern. Nicht-Wählen ist indes für viele Wähler nicht ein
Ausdruck ihrer geringer gewordenen "Politisierung", sondern
oft auch ein bewußter Akt des Abschiednehmens von einer spezifischen
Parteitradition (oder einer Abstrafung einer Partei). Wahlabstinenz ist
auch Ausdruck dafür, daß man noch zu keiner neuen Parteigesinnung
gefunden hat. Die Rückeroberung von Nichtwählern entscheidet über die
Höhe des Wahlerfolges der jeweiligen Parteiformation.
- Die Zahl der Wechselwähler - diese lag
in den Sechzigern um die dreißig Prozent - dürfte heute nach der
deutschen Einheit um die fünfzig Prozent liegen.
- Diese Veränderungen in der
Parteienlandschaft zeigen sich auch bei den Mitgliedszahlen der
politischen Parteien. Hatte die CDU (ohne CSU) Anfang der fünfziger
Jahre als damalige "Honoratiorenpartei" nur wenig mehr als 200
000 Mitglieder, wurde dank der Mobilisierungsstrategie der
Generalsekretäre Kurt H. Biedenkopf und Heiner Geißler im Jahre 1983
mit 734 555 Mitgliedern der Höhepunkt erreicht. Seitdem nehmen die
Zahlen kontinuierlich ab. Zählt man die 185 428 CSU-Mitglieder hinzu,
hatten beide C-Parteien 1983 919 982 Mitglieder und lagen damit faktisch
mit der Traditionspartei SPD (1983: 925 630) gleichauf. Waren 1983 3,2
Prozent der Gesamtbevölkerung in einer politischen Partei organisiert,
reduzierte sich diese Zahl auf 2,4 Prozent im Jahre 1994. Zudem hat die
CDU - wie andere Parteien auch - einen Prozeß der Überalterung zu
verzeichnen, auch ist der Anteil von Frauen mit zirka 25 Prozent der
Mitgliedschaften beklagenswert gering. In Ostdeutschland wiegen diese
Probleme um so mehr.
Der Rückgang der Wahlbeteiligung und das
Abschmelzen der hohen Mitgliedszahlen der Parteien ist in gewissem Sinne
Ausdruck einer europäischen "Normalität", denn im
internationalen Maßstab ist eine solche Partizipation eher selten. Die
rückläufige Bindungsbereitschaft in Parteien findet im übrigen ihre
Entsprechung in anderen Großorganisationen wie den Kirchen oder den
Gewerkschaften. Zu den strukturellen Aspekten gehört auch die teilweise
Auflösung der nach wie vor prägenden Milieus (seien es die
konfessionellen, die ländlichen Milieus oder etwa das tradierte
Arbeitermilieu). Wer die Stellungnahmen des Bundes der Katholischen
Jugend - einst klassisches Personalreservoir für Junge Union und CDU -
gelesen hat, sieht beispielhaft, wieviel vom Milieu weggebrochen ist,
das einst automatisch die CDU wählte.
Die dargelegten Zahlen zeigen zwar auf,
daß die Parteienidentifikation der Wähler geschrumpft ist, daß jedoch
die CDU hiervon nicht so deutlich betroffen ist wie ihre
Hauptkonkurrentin SPD. Lebensstilanalysen verschiedener
Forschungsinstitute, auch der Konrad-Adenauer-Stiftung, zeigen nämlich,
daß das Wählerpotential der CDU deutlich homogener ist als das der
SPD. Die potentiellen Wähler der CDU stehen fester in der Tradition der
überlieferten Parteibindungen, sie sind sowohl sozialstrukturell als
auch von ihren Wertorientierungen her gut mobilisierbar. Die SPD
hingegen muß bei ihren Bemühungen um Wählerintegration einen breiten
Spagat machen, weil ihre potentielle Wählerschaft vom
pflichtorientierten, konventionsbestimmten Arbeitnehmer bis hin zu
Personen mit linksliberalen und hedonistischen Einstellungen reicht.
These 2: Der Wahlverlust für die
Union hat auch viele hausgemachte Gründe, die in der Partei zu selten
offen angesprochen werden.
Die für die deutschen Christdemokraten
geschilderten strukturellen Probleme scheinen weltweit die
christdemokratische Parteifamilie zu treffen: In Lateinamerika sind
viele Schwesterparteien vom Erdboden verschwunden, trotz enormer
finanzieller Hilfen durch die Konrad-Adenauer-Stiftung. Im EU-Europa
gehören elf der fünfzehn Regierungschefs der politischen Linken an,
selbst wenn es sich meist um Koalitionsregierungen handelt. Im
christlich-demokratischen "Stammland" Italien ist gar ein
ehemaliger Kommunist Regierungschef.
Die Bilanz von sechzehn Jahren
unionsgeführter Regierungsverantwortung ist für Christdemokraten
ernüchternd: Fast alle hohen Staatsämter sind von Sozialdemokraten und
Grünen besetzt. Gab es zu Beginn des Regierungsantritts im Bundesrat
eine deutliche Mehrheit für die Union, verlor sie seitdem im Westen der
Bundesrepublik Land für Land an die SPD: Schleswig-Holstein,
Niedersachsen und (bis vor kurzem) Hessen. Nur in Bremen gelangte sie
durch spezifische Umstände einer SPD-Abspaltung in eine große
Koalition; in Berlin reichte es nach einem vorherigen rot-grünen Senat
zu einer großen Koalition. Im Osten Deutschlands hatte die Partei als
die eigentliche Wiedervereinigungspartei anfangs große Vorteile und
konnte die Regierungschefs (mit Ausnahme Brandenburgs) in vier der fünf
neuen Länder stellen. In Sachsen erhielt sie sogar die absolute
Mehrheit - mit guten Chancen, daß diese im September dieses Jahres
wieder bestätigt wird.
Je länger die CDU-geführte
Bundesregierung an der Macht war, um so mehr brach ihr die politische
Basis in den Ländern weg - übrigens auch in den Kommunen. Selbst in
Baden-Württemberg gab es zeitweilig eine große Koalition. Durch die
Tatsache, daß inzwischen etwa sechzig Prozent der Bundesgesetze der
Zustimmung des (damals SPD-beherrschten) Bundesrates bedürfen, konnte
die CDU-geführte Bundesregierung mit zunehmender
Regierungsverantwortung kein genügend klares politisches Profil mehr
entwickeln; dazu kamen Verschleißerscheinungen und gerade in der
Schlußphase erstaunliche handwerkliche Fehler. (. . .)
Zu den schmerzlichen Tatsachen gehört
auch, daß die CDU den letzten Bundestagswahlkampf weitgehend aus der
Defensive heraus führen mußte. Zumindest ex post hat sich das
ursprünglich von Kohl selbst öffentlich verworfene Begehr auf eine
weitere Amtszeit für die Wahlchancen der CDU als falsch erwiesen. Der
Wechselwunsch in der Bevölkerung wurde mit dieser Ankündigung deutlich
verstärkt. Von dieser Selbstnominierung erfuhren Partei und
Öffentlichkeit durch ein ARD-Interview aus Anlaß des Geburtstages
Helmut Kohls am 3. April 1997 während einer Fastenkur. Hinzu kam im
gleichen Jahr, daß es der Bundesregierung nicht gelang, die als Symbol
für eine Politik "gegen die kleinen Leute" apostrophierten
Entscheidungen zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall einer Bevölkerung
verständlich zu machen, die zu etwa neunzig Prozent von den sozialen
Sicherungssystemen abhängig ist.
Die Union war insgesamt nicht mehr in der
Lage, den Wählern die Botschaft überzubringen, welche positiven Ziele
sie - zukunftsgewandt - verfolgte. Hinzu kam ein gewaltiger
Wählereinbruch in Ostdeutschland. 1994 war es noch gelungen, in
Deutschland auch den damals schon extrem hohen Wechselwunsch durch die
von Peter Hintze durchgesetzte "Rote- Socken"-Kampagne zu
brechen - die umgewandelte Ex-SED wurde durch diese Kampagne tabuisiert.
Durch den Verzicht auf diese Kampagne 1998 wurde - wie man heute sieht -
im Osten keineswegs der Wählereinbruch etwa eingedämmt. Im Gegenteil.
Vielleicht hat gerade der Verzicht auf eine solche Kampagne ein
Landtagswahlergebnis wie in Mecklenburg-Vorpommern erst herbeigeführt.
Gerhard Schröder ist nicht deshalb
Kanzler geworden, weil er eine "linke Berliner Republik"
versprochen hätte, sondern weil er es kommunikationspolitisch
meisterhaft verstand, den Begriff der politischen Mitte ("neue
Mitte") zu besetzen, wenig politische Änderungen anzukündigen
("Wir machen nicht alles anders, aber vieles besser") und
jüngere Gesichter versprach. Er suggerierte die Möglichkeit der
Überwindung der Blockade im Bundesrat durch eine große Koalition und
blieb dabei in seinen Äußerungen so vage, daß er inhaltlichen
Streitpunkten ausweichen konnte. (. . .) Zudem kam den Sozialdemokraten
im Wahlkampf zugute, daß sie die Veränderungsdynamik einer modernen
Gesellschaft unter dem Zeichen der Globalisierung mit einem negativen
Vorzeichen, dem Feindbild des "Neoliberalismus", verbanden.
Damit reagierten sie taktisch geschickt auf die (konservativen)
Veränderungsängste eines Teiles der Gesellschaft. Die Reformpakete der
alten Regierung waren zudem zu spät gekommen, als daß sie zu den
Wahlen noch hätten greifen können. Vor allem wurde das Versprechen
nach einer Halbierung der Arbeitslosenzahl in der Bevölkerung nie für
bare Münze genommen.
Die Schwäche der SPD war lange Zeit die
Stärke der CDU. Eine in sich zerstrittene SPD verschliß vier
Kanzlerkandidaten (Vogel, Rau, Lafontaine und Scharping) und den
Kurzzeitvorsitzenden Engholm, bis Gerhard Schröder sich letztlich gegen
die Mehrheit seiner eigenen Partei durchsetzte - und er Helmut Kohl
jetzt auch mit der gleichzeitigen Inhaberschaft von Parteivorsitz und
Kanzleramt nachfolgt. Helmut Kohl mußte erfahren, daß sich in einer
Gesellschaft mit immer intensiverer Mediendurchdringung die Abnutzung
von Spitzenpolitikern beschleunigt. Wäre nicht die deutsche Einheit
gekommen, das Ende der vorangegangenen Koalition wäre wahrscheinlich
schon sehr viel eher eingetreten. (. . .)
Die sofortige Bereitschaft Helmut Kohls,
die Verantwortung für die Wahlniederlage zu übernehmen, hat der Partei
quälende Personaldebatten erspart. Aus der machtpolitisch einsichtigen
Grundentscheidung, Partei- und Fraktionsvorsitz in eine Hand zu geben,
ergibt sich gleichwohl die Schwierigkeit, daß sich der
Oppositionsführer in der täglichen Oppositionsarbeit nicht nur
gegenüber seiner "eigenen" Partei rückkoppeln, sondern auch
Rücksichten auf die christlich-soziale Schwesterpartei nehmen muß, die
durch ihren eindrucksvollen Wahlsieg zwei Wochen vor den
Bundestagswahlen an Einfluß gewonnen hat. Die Doppelfunktion des
CDU-Vorsitzenden zugleich als Fraktionsvorsitzender zwingt bisweilen
auch zum Moderieren. Für die weitere Strategie der CDU und damit für
eine Art von "Arbeitsteilung" kann durchaus vorteilhaft sein,
daß die CSU auch über Bayern hinaus ein spezifisches Wählerklientel
integriert: weil sich auch der CSU-Sympathisant in Schleswig-Holstein
oder in Hessen durch die CDU/CSU-Fraktionsgemeinschaft zur Wahl einer
"liberaleren" CDU entscheiden kann.
These 3: Für die CDU wird auf
Bundesebene eine Rückkehr zur Macht nur möglich sein, wenn sie sich
wieder ihrer inhaltlichen Stärken besinnt und als eine offene
Volkspartei der Mitte auch das Lebensgefühl einer offenen Gesellschaft
widerspiegelt. Und etwas Verlorenes wiederentdeckt: Diskussionskultur.
Während eine Regierungspartei - wie
geschehen - mit der Zeit ihre inhaltlichen und personellen Ressourcen
verbraucht, ist es klassische Aufgabe einer Oppositionspartei, neue
Ressourcen aufzubauen. In diesem Zusammenhang wird von der jetzigen
CDU-Führung eine neue Diskussionskultur eingefordert; die Zeit, in der
innerparteiliche Kritiker in die Nähe querulatorischen Bemühens
gebracht wurden, soll endlich vorüber sein.
Der Erfurter Parteitag wird zeigen, wie
sehr sich die Partei von ihrer Ermattung gelöst hat. Auch müssen die
früher sehr einflußreichen Parteivereinigungen, die als
Transmissionsriemen zu wichtigen soziologischen Gruppen der
bundesdeutschen Gesellschaft eine bedeutende Funktion wahrnahmen,
ermuntert werden, wieder mehr Profil zu entwickeln. Das gleiche gilt
für die Bundesfachausschüsse. In der CDU muß sich die "offene
Gesellschaft" also selbst konstituieren. Die CDU tut gut daran,
neue Brücken zu wichtigen gesellschaftlichen Gruppen neu zu schlagen.
Es muß aber auch Abschied genommen
werden von der auch in der Wissenschaft gelegentlich vorgetragenen
innerparteilichen Immunisierungsstrategie, die davon ausgeht,
bürgerliche Parteien würden durch intensive innere Debatten zerrissen.
Nur durch größere Diskussionsoffenheit kann eine sehr pragmatische und
diskussionsfreudige junge Generation wieder an die CDU herangeführt
werden. Die Möglichkeiten einer Opposition, politisches Profil im
Parlament als dem "Forum der Nation" zu gewinnen, sind
angesichts der Bedeutung vor allem der elektronischen Medien heute sehr
viel geringer. Deswegen verpuffen die vielfältigen parlamentarischen
Initiativen dann, wenn sie in den Medien nicht "überkommen".
Dies war ein Grund dafür, daß die frischgebackene Opposition für eine
bürgerliche Partei ungewöhnliche Aktionsformen nutzte, um ihre
Mobilisierungs- und Kampagnenfähigkeit unter Beweis zu stellen. Daß
Wolfgang Schäuble im eigenen Bundesvorstand die innerparteilich
umstrittene Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft durchsetzte,
war sicherlich für den Erfolg der Hessenwahl ausschlaggebend. Die
Postkartenaktion gegen die Veränderung des 630-Mark-Gesetzes - in
manchen Presseorganen als "pubertär" abgetan - ist ein
weiteres Beispiel für das Bemühen, Mobilisierung in alle
Bevölkerungsschichten zu tragen, sich also direkt ans Volk zu wenden.
Daß Hilfe einer klug gewählten Kandidatin für das Amt des
Bundespräsidenten eine Art indirekter Wahlkampf ("Frau statt
Rau") um das höchste Amt im Staat geführt wird, dürfte auch auf
das Habenkonto des neuen Parteivorsitzenden gehen.
Ein Paradoxon: Gerade wegen ihres bisher
relativ ideologiefreien, pragmatischen Politikansatzes ist es in der
Vergangenheit der CDU besser als der - häufig an ideologischen Maximen
orientierten - Konkurrenz gelungen, politische Konzepte,
Grundsatzprogramme und Zukunftsprogramme zu entwerfen.
Politikwissenschaftler haben der Union immer wieder attestiert, daß es
gerade der illusionslose Pragmatismus der CDU war, der diese Partei auch
für ideologisch ungebundene Wähler so attraktiv machte. Gerade weil
die CDU in ihrer Programmatik nicht von einem umfassend-ideologischen
Weltbild, sondern von einem christlich geprägten Menschenbild ausgeht,
ist sie viel besser in der Lage, die Wähler - und vor allem ihre eigene
Klientel - dort "abzuholen", wo sie sich befinden.
Anders ausgedrückt: Die CDU hat
prinzipiell die zweite Chance, wegen ihres zwar wertgebundenen, aber
pragmatischen Politikverständnisses den heute mehr verbreiteten Typus
des pragmatisch orientierten, leistungsorientierten und politisch
weniger gebundenen Wählers für sich zu gewinnen. Um es noch
zugespitzter zu formulieren: Gerade wegen des Rückganges ideologischer
Bindungen ist politisch-kulturell ein Zeitalter angebrochen, das eher
ein "christdemokratisches Jahrhundert" denn ein
"sozialdemokratisches" sein könnte - wenn die Union auf die
veränderte geistige Landschaft und die neuen Lebensstile reagiert.
Es war richtig, daß die CDU nicht
manchem Rat folgte, sich stärker nach rechts zu orientieren.
Grundwertedebatten alleine helfen nicht weiter. Der Kampf um Mehrheiten
findet in Deutschland immer in der "politischen Mitte" statt.
Und dies bedeutet, daß die Union allen ihren geistigen
Traditionsströmungen - der sozialen, der liberalen und der
wertkonservativen - gleichermaßen verpflichtet bleiben muß. Auf die
neue CDU-Parteiführung kommt somit eine Fülle kontroverser
Grundsatzthemen zu. Einige davon sind:
a) Von welchem Werteverständnis geht die
ebenfalls stark von der Säkularisierung geprägte Union aus? Handelt es
sich beim "C" nur noch um ein traditionshaftes
Lippenbekenntnis? Welche Auswirkungen hat das Werteverständnis auf die
Familienpolitik und auf die Rolle der Frau?
b) Welche neuen Akzente setzt die CDU in
der Bildungspolitik, insbesondere in den von ihr regierten
Bundesländern? Wie öffnet sie sich stärker als bisher den Fragen des
technischen Fortschritts?
c) Wie lassen sich in der
Wirtschaftspolitik "neoliberale" Sicht und katholische
Soziallehre vereinbaren? Wie kann Ordnungspolitik im Sinne der Sozialen
Marktwirtschaft Ludwig Erhards - den die SPD im Wahlkampf inzwischen
für sich reklamierte - realisiert werden? Wie kann die CDU den
bösartigen Vorwurf "sozialer Kälte" entkräften und sich
gleichzeitig für mehr Leistung einsetzen?
d) Welches sind angesichts der
dramatischen demographischen Entwicklung die zukunftsfähigen Rezepte
für ein tragfähiges Sozial- und Alterssicherungssystem, das auch die
Interessen der jungen Generation berücksichtigt?
e) Wird die Europapolitik Helmut Kohls
fortgesetzt oder gibt es eine klandestine Abkehr "der"
Europapartei CDU von der europäischen Integration? Wie werden
Differenzen in dieser Frage mit der bayerischen Schwesterpartei
überwunden? Wie soll das nationalorientierte Bürgertum - auf das
Schröder mit seiner europakritischen Diktion abzielt - für Europa
gewonnen werden?
f) Wie wird die Union in der
Staatsbürgerschaftsfrage (Einwanderungspolitik?) verfahren und auf das
partielle Einlenken der SPD-geführten Bundesregierung nach den
Hessenwahlen reagieren?
g) Welche Strategie entwickelt die Union
aufgrund ihrer partnerlosen Situation in den neuen Ländern? Wie kann
und will sie dort wieder mehrheitsfähig werden?
Durch inhaltliche Diskussion kann die
Union wieder Attraktivität gewinnen. Analysen zeigen, daß der moderne
Wähler und die moderne Wählerin heute mehr als je zuvor die Vor- und
Nachteile ihrer politischen Entscheidungen mit Blick auf die eigenen
Interessen abwägen. Insgesamt kann die CDU nach wie vor ihren Bonus
ausspielen, denn im Grunde genommen ist sie die eigentliche gestaltende
Partei der Bundesrepublik Deutschland: Sie kann sich fast alle
entscheidenden Weichenstellungen im Nachkriegsdeutschland - erst unter
Adenauer im Sinne der Westbindung und europäischen Integration und der
Sozialen Marktwirtschaft, später der deutschen Einheit mit Helmut Kohl
- zugute halten. Ohne eine der jungen Generation fremde
Vergangenheitsbetonung kann sie von einem gewachsenen Fundus politischer
Tradition ausgehen, die sie in bestimmten Grundfragen - Rolle des
parlamentarisch-repräsentativen Prinzips, Föderalismus, Bindung in EU
und Nato - als gefestigt und verläßlich zeigt. Gerade deshalb würde
die CDU sich schwer tun, wenn sie in bestimmten Grundfragen der
Demokratie und des Staates (z.B. im Zusammenhang mit den Entscheidungen
der Mehrheitsparteien zu "peace-making"-Einsätzen der
Bundeswehr in Jugoslawien) "Fundamentalopposition" betriebe.
Insoweit kann Bundeskanzler Schröder in diesen Grundfragen der
deutschen Nation viel mehr auf die größte Oppositionsfraktion zählen
als die frühere Regierung auf die SPD.
These 4: Wie schnell die Union wieder
in die Bundesregierung zurückkehrt, hängt zu einem erheblichen Teil
von politischen Konstellationen ab, die sie selber nur bedingt
beeinflussen kann.
Das Dilemma der Union besteht darin, daß
Kanzler Schröder sich im gewissen Sinne den Koalitionspartner aussuchen
kann. Daß er mit formalen Argumenten die Unterstützung der
SPD/PDS-geführten mecklenburg-vorpommerschen Landesregierung im
Bundesrat akzeptiert, zeigt, wie sehr innerhalb der SPD die PDS als
strategische Partnerreserve gesehen wird, wenn die umgewandelte SED den
SPD-Machterhalt sichern hilft. SPD-interne Überlegungen für einen
Koalitionswechsel zur FDP werden nicht vor den Landtagswahlen in
Nordrhein-Westfalen angegangen.
Eine wählergeschüttelte FDP - ihr
Stammwählerpotential wird nur noch auf circa 2,5 Prozent geschätzt,
der Rest sind zumeist taktische Wähler - könnte nur rechtzeitig vor
einer Bundestagswahl versuchen, sich ein neues Unterstützerpotential
zuzulegen. Für den Fall eines FDP-Wechsels also ginge der Union ein
strategischer Partner verloren. Zudem weiß niemand, wie sich die innere
Lage der Grünen entwickeln wird, vor allem dann, wenn sie bei den
kommenden Landtagswahlen weitere Denkzettel erhalten. Bei den hessischen
Wahlen halbierte sich in der jungen Wählerschaft bis zum Alter von 35
Jahren der grüne Anteil auf nur noch rund zehn Prozent. Hingegen konnte
die CDU in der Altersklasse der 18 bis 24jährigen mehr als zehn Prozent
zulegen und wurde mit 43,0 Prozent weitaus stärkste Partei. Dies
bestätigt die These von der Möglichkeit einer schnelleren Trendumkehr.
Alles in allem gibt es also in der
politischen Zukunftsrechnung der CDU eine Fülle von Unbekannten - dazu
gehört auch das Wahljahr 1999 und die Frage, ob alle heute noch im
Bundestag vertretenen Parteien bei den kommenden Bundestagswahlen die
Fünf-Prozent-Hürde überspringen können. Sicher ist die gegenwärtig
wieder in Umfragen feststellbare Akzeptanz der Unionsparteien auch auf
die Fehlleistungen der neuen Regierung zurückzuführen: Die Nation
bewegende Fragen wie die der doppelten Staatsbürgerschaft oder der
Änderung des 630-Mark-Gesetzes wurden von der Regierung falsch
kalkuliert. Noch ist es zu früh, die Auswirkungen des
Lafontaine-Rücktritts auf die politischen Chancen der Union zu bewerten
- manche meinen, er sei für die Union zu früh gekommen -, doch ist
eines damit sicher: Fehlplanungen und unpopuläre Entscheidungen der
neuen Regierung werden künftig unmittelbar dem Regierungschef
angelastet werden und nicht mehr einem "Superminister".
Nach der Abwahl der CDU im Jahre 1969 gab
es eine langanhaltende, lähmende Phase der Union. Die Situation ist
heute ungleich günstiger für die CDU als 1969 nach der Wahl Willy
Brandts zum Bundeskanzler und nach seiner Wiederwahl im November 1972,
als die SPD 45,8 Prozent erhielt und zusammen mit der FDP (8,4 Prozent)
erneut die Regierung bildete. Damals gab es aufgrund der charismatischen
Ausstrahlung Brandts eine heute kaum noch vorstellbare "Willy"-Stimmung,
vor allem in der jüngeren Bevölkerung.
Entgegen mancher Erwartungen brach die
zwanzig Jahre lang regierende CDU/ CSU seinerzeit nicht in sich
zusammen, sondern (nach zweijährigen innerparteilichen
Positionskämpfen) konnte dann das Gespann Kohl/Biedenkopf beginnen, die
Partei zu erneuern. Der vielzitierte "Zeitgeist" im Gefolge
der Studentenrevolte schien zudem damals tatsächlich "links"
zu "ticken" - welch ein Unterschied zum heutigen pragmatischen
und entideologisierten Zeitalter.
Die Union wird den erfolgreichen Weg des
frühen Helmut Kohl fortsetzen: Wiedererlangung der Macht in den
Bundesländern. Ob dies gelingt, wird sich vor allem in den Ländern
zeigen, in denen in den nächsten zwölf Monaten Wahlen stattfinden und
wo sich derzeit die CDU in Opposition befindet: Unionsintern gilt die
Kandidatur Volker Rühes in Schleswig-Holstein als gewinnbar. In
Nordrhein-Westfalen muß dem neuen Spitzenkandidaten Jürgen Rüttgers
ein guter Start bescheinigt werden, der die CDU zu neuen Hoffnungen
berechtigt. Auch Peter Müller dürfte es im Saarland inzwischen
einfacher haben, zumal sich dort gegebenenfalls eine Verbreiterung der
Koalitionsoptionen für die CDU auf Landesebene ergeben könnte. Mit
Interesse wird zu sehen sein, ob es der Union gelingt, ihre politische
Erneuerung personell auch von den von ihr gestellten Landesregierungen
aus zu starten. Große Hoffnungen richten sich dabei auf Roland Koch in
Hessen. Doch es wird nicht nur auf neue Gesichter ankommen. Neue Köpfe
müssen auch neue Ideen haben. (. . .) |