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aus: Frankfurter Hefte/ Die Neue Gesellschaft, Heft 7/8, Juli/ August 2002
GERD LANGGUTH Helmut Kohl als Wahlkämpfer
Er brach von allen bundesdeutschen Wahlkämpfern bislang jeden Rekord: Sieben Bundestagswahlkämpfe, unzählige Landtagswahlkämpfe, Kommunalwahlkämpfe und Wahlkämpfe zum Europäischen Parlament bestritt das "alte Schlachtross" (Kohl über Kohl) in seiner 25jährigen Amtszeit als Parteivorsitzender der CDU. Schon bevor er Parteivorsitzender wurde, war der frühere Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz als Wahlkämpfer legendär. Niemand in Deutschland war so wie er zugleich Politiker und permanenter Wahlkämpfer in einem. Er hatte schon als junger Politiker die machtsichernde Legitimation von Wahlkämpfen erkannt. Bei allen seinen Entscheidungen in Regierungsämtern plagte ihn die Frage, welche Auswirkungen diese auf seine Wiederwahl haben könnten. Das für Kohl persönlich und seine Partei desaströse Bundestagswahlergebnis von 1998 ließ gelegentlich seine Qualitäten als Wahlkämpfer in den Hintergrund treten. Wie stünde er heute da, wenn er bereits nach den Bundestagswahlen 1994 rechtzeitig sein Amt an einen Nachfolger übergeben hätte? Doch kann sich die Wahlkampfbilanz Kohls sehen lassen: 1976 erzielte er mit 48,6 Prozent fast die absolute Mehrheit, 1983 sogar mit 48,8 Prozent! Lediglich Konrad Adenauer gelang 1957 mit 50,2 Prozent ein noch besseres Ergebnis. Bei den Europawahlen 1979, die er personell ebenfalls stark bestimmte, konnte seine Partei 1979 49,2 Prozent gewinnen. Der langjährige Parteiführer Kohl entwickelte durch seine Wahlkampfpraxis- und routine ein sicheres Gespür für Wahlkämpfe - mit Ausnahme des letzten. Denn er rechnete im Jahre 1998 fest mit dem leichter zu schlagenden Oskar Lafontaine als Hauptgegner und nicht mit Gerhard Schröder, der zu seiner Popularisierung geschickt die Medien zu nutzen wusste. Immerhin hatte es Kohl mit sechs sozialdemokratischen Gegnern zu tun, vier von ihnen schlug er in Wahlen, Helmut Schmidt hingegen drängte er 1982 durch ein Konstruktives Mißtrauensvotum, also nicht durch einen Wahlakt, aus dem Amt. Doch konnte er Hans-Jochen Vogel (1983), Johannes Rau (1987), Oskar Lafontaine (1990) und Rudolf Scharping (1994) in offener Feldschlacht mehr oder minder souverän schlagen. Und dann die bittere Niederlage 1998. Kohls Wahlkämpfe hatten nie nur eine "außengeleitete" Funktion, nämlich der Überzeugung potentieller Wählerinnen und Wähler. Die "innengeleitete" Funktion des Wahlkampfs bestand zum einen in der Mobilisierung der eigenen Partei. Jeder in der Partei wußte, wie wichtig Kohl der Wahlkampf war . Gerade sein 76er "Einstiegswahlkampf", als er erstmals Kanzlerkandidat der beiden Unionsparteien wurde, führte zu einer gewaltigen Mobilisierung aller Ebenen der Partei. Kohl wollte selber Vorbild für die Gesamtmobilisierung einer einst regierungsverwöhnten Partei sein, die erst 1969 durch Willy Brandt aus dem Amt katapultiert worden war. Die innengeleitete Funktion bestand zum zweiten darin, dass Kohl seine Stellung als Parteivorsitzender festigen wollte, denn sein enormer Rednereinsatz führte zugleich zu Dankbarkeit der von ihm unterstützen Politiker. Kohl ließ sich nie willenlos für Einsätze verplanen, sondern wusste ganz genau, für welche und auch gegebenenfalls neu einrückende Mandatsträger er Wahlkampf machte. Gerade weil Kohl um die legitimatorische Kraft von Wahlen wusste, hatte er zum Erstaunen mancher auf eine baldige Neuwahl gedrungen, nachdem 1982 mit Hilfe der Genscher-FDP durch ein Konstruktives Mißtrauensvotum zum ersten und bisher einzigen Mal ein Regierungschef gestürzt und zugleich eine neue Koalition hervorgebracht wurde. Dieser schnelle Wahlkampf kurz nach dem Mißtrauensvotum war jedoch nicht ohne Risiko. Man erinnere sich an die politisch aufgeheizte Stimmung infolge des "NATO-Doppelbeschlusses", an dem letztlich Helmut Schmidt innerparteilich scheiterte, was dann neben grundsätzlichen Fragen der Wirtschafts- und Haushaltspolitik zum Auseinanderbrechen der Koalition führte. Umfragen bestätigten, dass der NATO-Doppelbeschluß bei einem Großteil der bundesdeutschen Bevölkerung keinesfalls populär war - und trotzdem suchte Kohl auch in dieser Frage die Entscheidung. "Frieden schaffen mit immer weniger Waffen" war die Antwort der Unionsparteien auf diese inhaltliche Herausforderung. Kohl sollte recht behalten. Trotz der aufgewühlten aussen- und sicherheitspolitischen Diskussion dürften auch damals die wirtschaftspolitischen Fragen den wichtigsten Ausschlag für die Wahlkampfentscheidung gegeben haben.
Kohls Wahlkampfberater
Von wem ließ sich Kohl beraten? Es war nach außen hin nie immer ganz klar, wer auf ihn in Wahlkampffragen den wichtigsten Einfluss hatte. Weil ihm im zunehmenden Alter der Wahlkampf nicht mehr eine wirklich "neue" Herausforderung war, war er im Grunde davon überzeugt, selber weitaus mehr Erfahrungen einbringen zu können als alle ihm umgebenden Berater. Die Rolle von Wahlkampfkommissionen: Kohl standen jeweils Wahlkampfkommissionen zur Seite. Ihnen gehörten in der Regel keine Spitzenpolitiker an. Kohl hatte ein tatsächliches Interesse an einer Beratung, die nicht durch innerparteitaktische Aspekte beeinflusst war. Mitglieder der Kommissionen waren einige enge Vertraute aus dem Kanzleramt (Staatsminister, höhere Beamte), die CDU-Bundesgeschäftsstelle (die jeweiligen Generalsekretäre, viele Jahre auch der Kommunikationsspezialist Peter Radunski), Journalisten und Wirtschaftsführer. Kohl ließ sich während der Sitzungen nie zu etwas verpflichten. Wo er unsicher war, moderierte er die Zusammenkünfte, ohne zunächst selbst klare Vorgaben zu machen. Die Wahlkampfkommissionssitzungen begannen jeweils mit einer Analyse der demoskopischen Situation. Kohl war durchaus in Einzelfragen des Wahlkampfes beratungsfähig, weil er vom Wahlkampf sein ganz persönliches Schicksal beeinflusst sah. Keinesfalls sprang er dabei auf den erstbesten Vorschlag, vieles lehnte er zunächst ab. Es konnte vorkommen, dass mancher Vorschlag erst einige Tage "in ihm arbeitete", bevor er dann akzeptiert wurde. Mit zunehmender Wahlkampferfahrung spielte er bei den Kommissionssitzungen manchen Erfahrungsvorsprung gerade in technischen Fragen aus. So konnte er mit Hinweisen auf Details zum Beispiel bezüglich normierter Plakatgrößen verblüffen. Wenn es um Planungen von konkreten Wahlkampfabläufen ging, schien Kohl in seinem Element - bis hin, dass er auf eine perfektionistische Wahlkampfvorbereitung außerordentlichen Wert legte. Rolle der Bundesgeschäftsstelle: Mit zunehmender Kanzlerzeit verlagerte Kohl immer mehr Entscheidungen von der CDU-Bundesgeschäftsstelle, dem eigentlichen Wahlkampfapparat, weg ins Kanzleramt. Dies erwies sich als ein schwerwiegender Fehler, weil er gelegentlich auf seine unmittelbaren Berater mehr hörte als auf die Wahlkampfprofis im Konrad-Adenauer-Haus. Auch hinsichtlich der Wahlkämpfers muss zwischen einem "frühen" und einem "späten" Kohl unterschieden werden. Der frühe Kohl ließ sich noch sehr viel besser durch den Wahlkampfapparat - sprich: CDU-Bundesgeschäftsstelle, Werbeagenturen - einbinden, der späte Kohl verhedderte sich dadurch immer mehr, dass er sich um jedes Detail selber kümmern wollte. Unorthodoxe Informationsaufnahme: Selbst der frühe Kohl unterwarf sich nur ungern dem Sachverstand der Profis der Öffentlichkeitsarbeit. Er wollte sich nicht nur auf Fachleute verlassen. Der stets mißtrauische - vielleicht auch letztlich unsichere - Kohl wollte gerade in seinen frühen Jahren als Wahlkämpfer den eine Spitzenpersönlichkeit umgebenden kommunikativen Schleier durchbrechen und wissen, wie original die Stimmung "draußen im Lande" war. Seine berühmten "Saunarunden" in Ludwigshafen mit guten Bekannten, die nicht zur politischen Klasse zählten, sind ein Beispiel hierfür. Kohl rief auch des öfteren Kreisvorsitzende und andere Politiker auf allen Ebenen an - vielleicht weil er einerseits aus der Einsamkeit eines hohen Amtes ausbrechen wollte, aber auch, weil er sich davon eine ungeschminkte, "wahre" Stimmung in der Bevölkerung versprach. Wenn es um Wahlen und Wahlvorbereitungen ging, wollte Kohl nichts dem Zufall überlassen. Sonderberater: Kohl legte sich auch jeweils Sonderberater zu, die außerhalb jeder Hierarchie standen, die gegenüber der Öffentlichkeit die jeweilige Wahlkampfstrategie - nicht immer zur Freude der jeweiligen Generalsekretäre - erläuterten und manchmal auf Kohl den stärksten Einfluss hatten. Ein besonderer Glücksfall war Gerd Bacher, einst Intendant des ÖSTERREICHISCHEN RUNDFUNKS, Berater in den Wahlkämpfen 1976 und 1986. Ihm wird so zugeschrieben, dass Kohl seinerzeit eine monströs wirkende Hornbrille durch ein relativ modernes, leichtflügig wirkendes Brillengestell ersetzte - was damals schon eine ähnliche mediale Aufmerksamkeit fand, vergleichbar mit den Haaren des heutigen Kanzlers oder der Frisur von Angela Merkel. Einigen Einfluss konnte bei einigen Wahlen, zuletzt 1994, der frühere BILD-Chefredakteur und zeitweilige Regierungssprecher Peter ("Pepe") Boenisch nehmen. Bacher wie Boenisch waren von Kohl nicht finanziell abhängig und sehr erfolgreiche Berater, bei denen Kohl sogar Widerspruch zuließ. Hingegen erwies sich 1998 die Ernennung des früheren TANGO-Chefredakteurs und Wahlkampflaien Tiedje als ein Flop, der als eine Art "Geheimwaffe" den 98er Wahlkampf begleiten sollte. Die Werbeagentur: Den Wahlkampf Kohls begleitete auf Bundesebene in all' den Jahren die AGENTUR COORDT VON MANNSTEIN - eine Agentur, die 1976 nach einem fairen und schwierigen Entscheidungsprozess ausgewählt worden war - und seitdem immer wieder von Kohl in den Folgejahren "durchgedrückt" worden war, trotz des Murrens mancher Wahlkampfratgeber und -manager. Sie hätten sich mehr davon versprochen, wenn neue Impulse für die werbliche Gestaltung auch einmal durch eine leistungsfähige konkurrierende Agentur ermöglicht worden wären. Doch trennte sich Kohl nur ungern von ihm vertrauten Personen, die ihm weiterhin nützlich schienen - damit auch nicht von einer Agentur. Gelegentlich wurden für kleinere Kampagnen Ergänzungsagenturen beauftragt, um in der einen oder anderen werblichen Aktivität frischen "Pepp" herzustellen.
Kohl lebte im Wahlkampf auf
Der Politiker und Staatsmann Kohl war immer auch zugleich so etwas wie ein permanenter Wahlkämpfer. Er wusste, dass bereits ein Tag nach der Wahl die Vorbereitung auf den kommenden Wahlkampf stattfand. Auch die wichtigsten politischen Entscheidungen, die er als Staatsmann zu treffen hatte, sah er immer im Lichte der Frage, wie sich eine solche Entscheidung bei den nächsten Wahlen auswirke. Er dachte dabei auch immer an die Landtagswahlen, bei denen er selber gar nicht zur Wahl stand. Und dennoch schaltete er sich intensiv in die jeweiligen Wahlkampfvorbereitungen ein. So entschied er selber darüber, ob er bei Landtagswahlen in Werbespots vorkam oder nicht. In den als wenig erfolgsträchtig vermuteten Landtagswahlen gab er sich selbst nur ein geringes Profil. Für schlechte Wahlergebnisse wollte er nicht verantwortlich gemacht werden. So hatte er frühzeitig den Biedenkopf-Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen im Jahre 1980 verlorengegeben. Seine Präsenz in solchen Fällen - etwa auch in Schleswig-Holstein in der Ära nach der Barschel-Affäre- war lediglich "pflichtgemäß". Ohne die überraschend gekommene deutsche Einheit hätte Kohl vermutlich politisch nicht so lange überlebt. Die 1986 in Niedersachsen ganz knapp die gewonnen Wahlen setzten bei zahlreichen Unionspolitikern Frusterscheinungen und die Vermutung frei, Kohls Zeit beginne endgültig abzulaufen. Als schließlich 1986 auch noch ein Atommeiler in Tschernobyl brannte, schienen vielen auch wegen der positiven Haltung der Unionsparteien zur Kernenergie Kohls Kanzlertage gezählt zu sein. Durch die überraschende Ernennung des damaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Wallmann zum Bundesminister in einem neu - weitgehend aus dem Bundesministerium des Inneren herausgebrochenen - Umweltressort verschaffte sich Kohl zwar wieder Luft. Bei den Bundestagswahlen am 25. Januar 1987 verloren die Unionsparteien aber stark, sie kamen nur noch auf 44,3 Prozent (anstelle von 48,8 Prozent vier Jahre zuvor). Zusammen mit der stärker gewordenen FDP (nun 9,1 Prozent, zuvor 7,0 Prozent) konnte aber eine Koalition gebildet werden.
"Kanzler der deutschen Einheit" Die deutsche Einheit war für den Wahlkämpfer Kohl eine besondere Herausforderung. Als die jähe Maueröffnung auch die Westdeutschen überraschte, war sich Kohl und seine eigene Partei nicht sicher, ob und wann es zu gesamtdeutschen Wahlen kommen würde - und wenn ja, ob eine solche Wahl nicht den Unionsparteien eine desaströse Niederlage bereiten würde. Alle waren höchst unsicher, wie die Ostdeutschen wählen würden. In den eigenen Reihen, insbesondere in der Bundestagsfraktion, gab es nämlich eine ausgeprägte Skepsis, ob nicht die CDU den eigenen politischen Ast, auf dem sie sitze, selber absäge. Je mehr die deutsche Einheit konkret wurde, um so umstrittener wurde diese wegen der zu erwartenden Kosten zudem in der westdeutschen Bevölkerung. Die Ablehnung der deutsch-deutschen Wirtschafts- und Sozialunion, wenn auch nur durch Oskar Lafontaine (Saarland) und Gerhard Schröder (Niedersachsen) im Bundesrat dokumentiert, dass die Furcht vor einer zu kostenträchtigen Wiedervereinigung in der westdeutschen Gesellschaft politisch instrumentalisiert werden konnte. Kohl, dem unterdessen auch vom politischen Gegner internationales Format zuerkannt wurde, entwickelte sich in dieser Zeit zwar zum "Weltpolitiker", blieb aber immer zugleich Wahlkämpfer. Kopfzerbrechen machte ihm - der selber hinsichtlich des Ziels der deutschen Einheit selber nie schwankte - die Frage, wie auf "solide" Weise die Ost-CDU, für die er vor der Maueröffnung keine wirklichen Sympathien hatte, zusammen mit neu entstandenen demokratischen Gruppen integriert werden könnte. Die einzigen freien Wahlen der DDR-Volkskammer am 18. März 1989 machten für viele überraschend die christdemokratische Bündnisliste zur stärksten politischen Kraft. Lothar de Maiziere (Ost-CDU) wurde als Ministerpräsident gewählt. Erst dieses Ergebnis brachte den Unionsparteien wieder Zuversicht für die gesamtdeutschen Wahlen. Diese gewann dann Kohl grandios.
Ankommen an der Basis Kohls rednerische Fähigkeiten hatten sehr unterschiedliche Wirkungen. Am besten war er in Situationen, wenn er politisch "mit dem Rücken zur Wand" stand, wenn er Ansprachen bei Geburtstagsfeierlichkeiten von Parteihonoratioren hielt - und bei Wahlkampfreden. Im Gegensatz zu seinen späteren Reden als Bundeskanzler im Plenum des Deutschen Bundestags oder auf wichtigen Kongressen, wo er Reden häufig mehr oder minder langweilend ablas, sprach er bei seinen Wahlkampfreden fast völlig frei - meistens hatte er auf dem Rednerpult nur ein Blatt Papier, auf dem ganz wenige Stichworte standen, manchmal nur der Name des örtlichen Kandidaten, den er in der Regel warmherzig lobte. Kohls Sprache wurde zwar in Intellektuellenkreisen häufig belächelt. Wer aber heute die umfängliche Zeitungsberichterstattung - zum Beispiel in lokalen Medien - nachliest, wird seine gutes, manchmal triumphales Ankommen "an der Basis" bestätigt sehen. Beim ersten Bundestagswahlkampf, den Kohl 1976 als Kanzlerkandidat führte, schienen einige Medien über seine magnetische Kraft regelrecht erstaunt: "Heute ist Kohl imstande, Zuneigung zu mobilisieren", notierte DIE ZEIT, dem CDU-Chef sei "eine überraschende Mobilisierung seiner Anhänger gelungen". (STUTTGARTER ZEITUNG). Der Wahlkampf 1972 (Kanzlerkandidat: Rainer Barzel) gegen Willy Brandt hatte für die Unionsparteien in einem Fiasko geendet. Die unter Kohl und seinem Generalsekretär Biedenkopf danach reorganisierte Parteizentrale schuf eine moderne Wahlkampforganisation, die die eigenen Wählerreserven voll auszuschöpfen wusste. Wer die selten gewordenen Wahlkampfauftritte Kohls der Gegenwart miterlebt, wird auch heute noch die gleichen gedanklichen Schnittmuster hören müssen, die seine ihm bei den Wahlkampfauftritten begleitenden Mitarbeiter wegen der Dauerhaftigkeit seiner Argumente wahrhaft zur Verzweiflung brachten. Er liebte keine wirklichen Variationen. Ihm war es wichtiger, seine Zuhörerinnen und Zuhörer förmlich in ihrer jeweiligen Befindlichkeit "abzuholen" - wobei es ihm gleichermaßen gelang, die ältere wie die jüngere Generation, aber auch Arbeiter wie Arbeitgeber, hier vor allem Mittelständler, anzusprechen. Er gerierte sich nicht als Weltökonom, sondern war bei mancher Verschachteltheit seiner Sätze doch klar in der Einfachheit seiner Botschaft - und damit in der Denk- und Wahlkampfschule Konrad Adenauers. Ihm war es bei seinen Einsätzen wichtig, mit seinen häufig verschwommenen inhaltlichen Positionen quasi mit dem Wähler zu verschmelzen. "Wenn es unserem Lande nicht gut geht, geht es uns allen nicht gut", ruft er seinen Zuhörern entgegen - dabei immer wieder an die "großartigen" Aufbauleistungen der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg erinnernd. Wenn es um seine historischen Deutungen ging, merkten die Zuhörer schnell, wie sehr Kohl sich damit selber rühren konnte - wenn er etwa an die Care-Pakete der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerte oder an die Notwendigkeit der Aussöhnung mit Frankreich. Sein rednerischer Erfolg ist auch darauf zurückzuführen, dass er in seine politischen Deutungen manche Volksweisheiten mit einbrachte ("Die Hand, die segnet, wird zuerst gebissen", war einer seiner häufigeren Sätze), immer wieder an Pflichten und den Respekt für bürgerliche Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit, Nächstenliebe und "Treue zum Vaterland" erinnernd, "Opfer" fordernd - für die Freiheit, für die Bundeswehr, für die Jungen, für die Alten ("sie haben unsere Liebe verdient"). Er verhieß der europäischen Integration große Zukunft, zugleich mahnte er aber die Notwendigkeit eines Patriotismus an und sprach ohne Umschweife vom "deutschen Vaterland". Schon 1976 wurde nach seinen Wahlkampfreden die Nationalhymne angestimmt: "Es ist verblüffend, dass die meisten Teilnehmer der Kundgebung ganz ungeniert mitsingen. Vor Jahren wäre ein solcher Schluss von vielen noch als eine fatale Peinlichkeit empfunden worden", notierte damals erstaunt die HANNOVERSCHE ZEITUNG. Seine Reden waren also nicht in erster Linie eine rationale Begründung von Politik, etwa noch gespickt mit zahlreichen Statistiken, sondern sie waren Bemerkungen eines Politikers, der wie ein "guter Hausvater" so etwas wie "Orientierung" zu vermitteln schien. In gewissem Sinne verkörperte Kohl in seinen Wahlkampfreden "eine Sehnsucht der Wahlbürger": "Das ist kein Kandidat von oben herab, sondern einer aus ihrer Mitte und mit Moral, einer, dem man auch noch die Nervosität anmerkt, und nicht nur die Routine, ein Kandidat, der im Zeitalter der Elektronengehirne Herz zeigt, der Gefühle weckt und Zuneigung erfährt", resümierte Helmut Herles in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Kohl vermied im Wahlkampf - soweit dies aus seiner Sicht möglich war - eine überbordende Konfrontation. Er schimpfte zwar auf die "Sozis" ("Es war immer so, dass Sozialisten mit dem Geld anderer Leute nicht umgehen können"), aber er gab auch Anweisungen an seine Parteizentrale, Angriffe "unterhalb der Gürtellinie" zu unterlassen. Als beispielsweise die Mitgliedschaft des früheren SPD-Kanzlerkandidaten Hans-Jochen Vogel (1983) in der "Hitler-Jugend" in der BILD AM SONNTAG thematisiert wurde, gab Kohl die klare Anweisung, Kritik hieran zu unterlassen. Kohl wußte nicht nur, dass eine solche bei Millionen anderer ehemaliger HJ-Mitglieder eine Solidarisierung mit Vogel herbeigeführt hätte, sondern ihm war klar, dass mit solchen Angriffen auch "die Politiker" schlechthin getroffen würden. Für einzelne sozialdemokratische Politiker empfand er, dessen Abneigung gegen Helmut Schmidt legendär war, sogar große Sympathie, so für Willy Brandt. Auch wenn die meisten Zuhörer Sympathisanten waren, die zahlenmäßig meist weit unterlegenen jugendlichen politischen Gegner, ihre Tomatenwürfe und Pfeifkonzerte brachten häufig die notwendige Stimmung, um es in der Zuhörerschaft "brodeln" zu lassen. Den Störern warf er vor, sie "bestreiten alles, nur nicht ihren eigenen Lebensunterhalt". So wurden die eigenen Reihen zusammengeschweißt und die Wechselwähler zur Solidarisierung mit Kohl bewegt. Wenn es außerhalb von Großkundgebungen zu Diskussionen mit politischen Gegnern kam, plädierte er für Fairness ihnen gegenüber, überhaupt: Politische Gegner seien "bis zum Beweis des Gegenteils respektable demokratische Patrioten.". Kohl war übrigens bei seinen Wahlkampfreden so darauf konzentriert, eine emotionale Verbindung zu seinen Zuhörern herzustellen, dass er seine Reden kaum dazu nutzte, zu aktuellen Fragen pointiert Stellung zu beziehen. Häufig konnten die mitreisenden Journalisten kaum wirkliche "news" über seine Standardreden hinaus vermelden, weshalb seine zahlreichen Auftritte selten eine überörtliche Bedeutung in den Medien hatten. Häufig versagte nach zahlreichen Reden Kohls Stimme, der sich dann auszurufen bemühte: "Es kommt nicht auf meine, sondern auf Ihre Stimme an!" Man kann den ersten Wahlkampf Kohls als Kanzlerkandidat 1976 durchaus beispielhaft für seinen Redestil und den Inhalt seiner Wahlreden nehmen - übrigens bis zum heutigen Tag. Der Unterschied bestand darin, dass er nur am Anfang als Wählkämpfer unterschätzt wurde.
Die Bedeutung von Wahlkampfslogans Die Wahlkämpfe der Parteien benötigen jeweils einen Hauptslogan -gelegentlich ergänzt durch Nebenslogans in Vorwahlkampfzeiten oder auf Plakaten, die sich an spezifische Zielgruppen (vor allem Frauen, Jugend) richten. Solche kurz gefassten Slogans können dann eine wichtige Wirkung entfalten, wenn sie "stimmig" sind, eine inhaltliche Zielrichtung vermitteln oder zumindest vorgeben und die Menschen bei ihrem aktuellen Lebensgefühl "abholen", wenn sie ferner polarisierend wie vor allem hinsichtlich der eigenen Wählerschaft mobilisierend wirken. Gute Slogans können einen wichtigen Beitrag zum Herbeiführen von so etwas wie einer "Wechselstimmung" leisten, dürfen aber nie so stark polarisieren, dass sie das gegnerische Lager zur vollen Mobilisierung bringen; sie müssen auf Stamm- wie auf potentielle Wechselwähler zielen. Interessanterweise sind gerade die beiden Slogans bzw. Hauptbotschaften, die am wenigsten dem Kohl-Naturell entsprachen, auch die erfolgreichsten und bekanntesten: Der Slogan "Freiheit statt Sozialismus" des Jahres 1976 und die "Rote Socken-Kampagne" Hintzes achtzehn Jahre später. Kohl liebte auch im Wahlkampf eigentlich keine "überzogenen" polarisierende Positionen. Seiner Grundüberzeugung entsprachen Slogans wie "Arbeit, Frieden, Zukunft - Miteinander schaffen wir's" (1983), "Weiter so Deutschland" (1987), "Kanzler für Deutschland" (gesamtdeutsche Wahl vom 2. Dezember 1990). Kohls Ziel war ein "Wir-Gefühl" mit den Wählern. Im Europawahlkampf von 1979 wurde sogar erstmals "Glück" in einem Slogan erwähnt: "Politik für die Freiheit. Glück für die Menschen". Kohls Fähigkeit zur Mobilisierung "seiner" Partei, auch seine Art permanenten Wahlkampfs, wird eines der Markenzeichen von Kohl bleiben. Das sich "Untertan-Machen" seiner Partei hatte hinsichtlich der Wahlkampfführung häufig positive, aber hinsichtlich der innerparteilichen Demokratie auch negative Seiten. Für Kohl gilt: Nur wer von sich selbst überzeugt ist, vermag andere zu überzeugen - diese Aussage Heiner Geißlers traf im Grunde voll auf Helmut Kohl zu und machte das Geheimnis seines Erfolges als Wahlkämpfer aus. Kohl war immer von sich selbst überzeugt - auch wenn er gelegentlich, aber eigentlich nur stundenweise, bei seinen letzten Wahlkämpfen gegenüber engsten Mitarbeitern Züge der Resignation zeigte. Nach "draußen" wirkte er häufig ansteckend optimistisch - bis hin, da er selbst in auswegslosesten Situationen Optimismus zu verbreiten in der Lage war. Kohls Botschaften schienen einem Großteil der Deutschen einleuchtend - wobei er auf die Meinung "der" Medien pfiff, sie teilweise sogar mit Zustimmung vieler Zuschauer oder Zuhörer rüde beschimpfte, was dann brav übertragen wurde. Wie er, so dachten in vielen grundsätzlichen Fragen viele Deutsche - trotz vorgeblicher rhetorischer Unbeholfenheit war es gerade die Schlichtheit seiner Botschaft, die ihn als Wahlkämpfer so überzeugend machte. Seine Tragik bestand darin, dass er am Ende einer langen Kanzlerschaft nicht mehr die Zeichen der Zeit erkannt hatte und keinem Jüngeren Platz zu machen bereit war. Er wollte eben "es noch einmal wissen". Doch der Wahlkämpfer Kohl hätte eigentlich wissen müssen, dass sich die Menschen in einer fernsehorientierten Demokratie schlicht an ihm satt gesehen hatten. Seine Abwahl war also weniger eine "Richtungswahl". Dadurch wurde es dem SPD-Kanzlerkandidaten leicht gemacht, ohne wirklich inhaltlich polarisierendes Profil anzutreten ("Wir wollen nicht alles anders, sondern vieles besser machen"). Wahrscheinlich stimmt auch in diesem Falle der Satz: Parteien werden nicht gewählt, sondern Regierungen werden abgewählt. Auch ansonsten sehr erfolgreiche Wahlkämpfer. | |||||||||||||||||||||||||||||