Ist es angemessen, einmal für richtig erklärte
Vorhaben zu ändern, weil die Linke dagegen ist?
Gelegentlich ist sichtbare Demut vor dem Wähler sinnvoll. Aber wenn er der
Eindruck von Aktionismus und Opportunismus gewinnt, wird die Politik um so
unglaubwürdiger.
Änderung der Rentenformel, damit die Rentner am Aufschwung teilhaben.
Richtige Demut?
Nein. Umfragengetriebene Tageshektik. Die Wirkung muss verpuffen, weil die
Erhöhung so gering ausfällt, dass die meisten Rentner sie als lächerlich
empfinden. Trotzdem reißt sie ein tiefes Loch in den Haushalt.
Was wäre angemessen?
Vor Wahlen reinen Wein einschenken. Die wahren Probleme aufzeigen...
Das hätte Angela Merkel fast die Wahl gekostet. In der großen Koalition
kann sie ihre Ankündigungen nicht wahr machen.
Richtig. Die Koalition schlingert vor sich hin. Aber die Kanzlerin ist
immerhin noch der ruhende Pol.
Ist es im Fünf-Parteien-System nicht angebracht, sich nicht so
festzulegen, weil man nicht weiß, mit wem man koaliert?
Die Kunst der Volksparteien war es schon immer, sich so undeutlich zu
positionieren, dass sie für möglichst viele wählbar waren. Aber früher konnte
man auch mit frischen Geld Leistungen finanzieren. Die Verschuldung hat diese
Methode obsolet gemacht.
Gibt es einen Ausweg zu neuer Glaubwürdigkeit?
Kaum. Erstens ist die Politik immer komplizierter geworden. Zweitens schränkt
die Verschuldung ihren Spielraum immer weiter ein. Das einzige was hilft, ist
Ehrlichkeit gegenüber den eigenen Wählern und die Konzentration auf das
Notwendige. Dazu gehört auch eine gewisse Geschlossenheit der
Regierungspolitik.
Interview: Thomas Kröter