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Fokus online, 25. Mai 20^11
"MERKEL TUT SICH SCHWER MIT GEISTIGER ORIENTIERUNG" Auf der Suche nach alter Stärke fehlt der CDU nicht nur Personal mit Strahlkraft, sondern auch eine Vorsitzende mit klarem Kurs. Der Politikwissenschaftler Gerd Langguth erklärt im FOCUS-Online-Interview, warum viele Entscheidungen der Kanzlerin unglaubwürdig wirken.
FOCUS Online: Nach dem
schlechten
Abschneiden der CDU in Bremen
hat wieder die
Debatte über die Schwäche der CDU in den Städten
eingesetzt. Ist das ein richtiger Ansatz, über die
Lage der Partei zu diskutieren?
Gerd Langguth: Die Lage der CDU in Bremen ist schon seit vielen Jahren ausgesprochen schlecht. Das Resultat ist darum völlig irrelevant – mit einer Ausnahme, dass die Grünen dort stärker geworden sind, als die CDU. FOCUS Online: Wie hoch werten Sie die Tatsache, dass die CDU nur noch dritte Kraft ist? Langguth: Das ist zu allererst ein schlechtes Omen für die im Herbst stattfindenden Wahlen in Berlin. Dort sieht alles danach aus, dass es der CDU ähnlich ergeht wie in Bremen. Das zerrt dann an den Nerven, lässt den Druck wachsen. Das Problem der Union mit Blick auf die Grünen liegt darin, dass diese das Lebensgefühl der Menschen im bürgerlichen Lager treffen, die sich nicht durch familiäre Tradition oder gar christliche Prägung an die C-Parteien gebunden fühlen. Für diese Bevölkerungsgruppen ist der von Pragmatismus dominierte Kurs der CDU nicht attraktiv. Die Partei steht nicht für Modernität. Trotz vieler Modernisierungsanstrengungen, die Teile der traditionellen Anhängerschaft irritierten, wird die Partei nach wie vor als Vertreter eines überholten Familien- und Gesellschaftsbildes gesehen. FOCUS Online: Ist es denn überhaupt richtig, wenn die Partei nun versucht, speziell in den Städten Boden gut zu machen? Langguth: Das wird schwierig werden. Gerade in den Großstädten, in denen Universitäten angesiedelt sind, ist die Milieubildung eigentlich klar. Hier dominiert ein linker Mainstream. Den binden mittlerweile in erster Linie die Grünen. Erschwerend kommt hinzu, dass die CDU in den Städten auch nicht das nötige charismatische Personal aufbieten kann. FOCUS Online: Das ist also für die Städte wichtiger als für die Bevölkerung auf dem Land? Langguth: Ja. In den Städten ist allein durch die räumliche Konzentration der Wettbewerb der Spitzenkandidaten härter. Er lässt sich direkt erfahren, Vergleiche sind unmittelbar. Da kommt es sehr auf Ausstrahlung an, auch auf die Frage, ob ein Spitzenkandidat auf allen Feldern des städtischen Lebens authentisch wirkt – am Fließband des Großunternehmens ebenso wie in der Kindertagesstätte oder der Galerie. Auf diesem Feld war auch die Union bisweilen erfolgreich – in Frankfurt oder in Hamburg mit Ole von Beust. Hamburg zeigt dann aber auch exemplarisch, wie wichtig geeignetes Personal ist, um eine Stadt für die CDU zu halten. FOCUS Online: Abgesehen vom Bremer Ergebnis gelingt es der CDU auch in deutschlandweiten Umfragen nicht über einen 33- bis 35-Prozent-Bereich hinauszukommen. Liegt das daran, dass die CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin keinen klaren Kurs vorgibt? Langguth: Ja, eindeutig. Und ich sehe auch nicht, wie sich das ändern könnte. FOCUS Online: Was heißt das?
Langguth: Angela Merkel tut
sich mit einer geistigen Orientierung schwer. Sie denkt in
physikalisch-mathematischen Kriterien und hat nie das Leben einer Partei von
unten her erlebt. Darum weiß sie nicht, wie wichtig eine geistige Orientierung
für Mitglieder einer Partei und für Wähler ist. Hinzu kommt, dass viele
Entscheidungen taktisch erscheinen und dadurch wenig glaubwürdig wirken. Der
Atomausstieg hätte so
oder so kommen müssen. So abrupt, wie er vollzogen wurde, erschien er jedoch
allein als
Hilfsmittel im Baden-Württemberg-Wahlkampf.
Und anstatt das Vorhaben nun gründlich zu erklären und die Entscheidungen als
plausibel zu vermitteln, soll das ganze Thema schnell abgeräumt werden. Das
erweckt wieder den Eindruck von Hektik und führt nicht gerade zu
Glaubwürdigkeit.
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